Schicht im Schacht

Es herrscht Abschiedsstimmung im Besucherbergwerk „Drei Kronen und Ehrt“ in Rübeland. Die Grube wird verfüllt und gesichert. Ein Stück Bergbaugeschichte Mitteldeutschlands ist damit unweigerlich zu Ende. Dabei hatte man hier unter Tage einst sogar einen Hauch Gold gefunden.

Die Belegschaft der Schwefelkiesgrube „Einheit“ zählte zu Spitzenzeiten 460 Mitarbeiter. Gefördert wurde hier anfangs Eisenerz, später Schwefelkies. Von 1939 bis 1990 insgesamt 7 100 000 Tonnen. Mit der Wende kam für die Vorzeige-Grube der ehemaligen DDR schlagartig das Aus. Allerdings nicht unvorhersehbar. So wurde die auf dem Weltmarkt bis dato geförderte Tonne Schwefelkies mit 90 Mark bezahlt, in der „Einheit“ wurde sie mit einem Aufwand von 350 Mark abgebaut. Ein letzter Hoffnungsschimmer habe sich nach dem Finden von Goldspuren im Erz gezeigt. Von einem Anteil von 0,4 Prozent wurde gesprochen, was einer Sensation gleich gekommen wäre. Doch die Euphorie verflog recht schnell, man hatte sich leider in der Kommastelle geirrt, es waren nur 0,04 Prozent ...

Gleich nach der Stilllegung hatten ehemalige Bergleute mit dem Aufbau des Besucherbergwerkes begonnen. Der Stollen, das Gleisnetz und der Abbau 1/27 wurden ausgebaut und Maschinen der Grube umgesetzt. >>> Eine kleine Exposition verschiedenster Utensilien der Hauer, Steiger, Markscheider (Vermesser) und anderer im Bergbau wichtigen Arbeiter sind in Vitrinen ausgestellt. Ein Ausbau vor dem Stollen-Mundloch der Grube schützt die Gäste beim Besteigen der Grubenbahn vor all zuviel Wasser von oben. Die ehemalige Frischluftkammer auf der Stollensohle wurde zum sogenannten Tzscherper-Raum, der späteren Barbarastube, für Feierlichkeiten umgestaltet. Hier konnte auch unter Tage eine zünftige Mahlzeit eingenommen werden. Davor befand sich die Signalanlage, mit der früher der Anschläger zu den Schichtwechseln die Seilfahrt zum Maschinenhaus signalisierte. Dreimal Einfahrt und dreimal Ausfahrt pro Tag – wer zu spät kam, den bestrafte schon damals das Leben. Er musste entweder woanders eingesetzt werden oder die gesamte Strecke per Leiter hinabsteigen. „Da war man schon mal eineinhalb Stunden unterwegs“, erfährt die Besucherschar während einer Führung. Als Attraktionen galt und gilt bei den Gäs­ten, die dem Bergwerk in den besten Jahren zu Besucherzahlen jenseits der 35 000 verhalfen, vor allem ein alter Grubenausbau. Farbenprächtig ausgeleuchtet, hat man hier einen Einblick in jene Atmosphäre, die hier einst geherrscht haben muss. Allerdings nicht so hell ausgeleuchtet wie heute, früher sah das anders aus: Ein kleiner Scheinwerfer, dazu die Helmlampen, das war’s. Und weiter geht’s. Stefan Czapla demonstriert, wie damals die Arbeit der Bergleute am Bunkerlader, Schrapper und an der Aufbruchbühne verrichtet wurde: Laut und durchweg Pressluft betrieben. Die Besucher sind beeindruckt, auch die ganz Kleinen. Manche dürfen die Technik ausprobieren, setzen Maschinen unter Anleitung in Bewegung. Über allem ein gigantisches Felsmassiv. Gebirge, sagt der Bergmann. Geschützt wurden die Arbeiter durch einen Deckenausbau aus Fichtenholz. Dieses Holz ist im Gegensatz zu vielen Verwendungszwecken in der „überirdischen“ Welt hier unten das bevorzugte Bauholz. Im Bergbau fanden ausschließlich langfasrige Hölzer aus heimischen Wäldern Verwendung. Durch ihre Eigenart, bei Belastung mit Knarren zu reagieren, wusste der Bergmann genau, wann ein Ausbau erneuert werden musste. Bei Harthölzern würde ohne Vorankündigung unweigerlich sofort der Bruch erfolgen, erklärt Betriebsleiter Ingo Brauckhoff dazu. Er und Klaus-Peter Sewohl, Stefan Czapla und Helmut Eitz sind übrigens die letzten Angestellten der Arbeitsförderungsgesellschaft Harz mbH (AFG). Ihre Führungen waren bereits mehrfach aus Sicherheitsgründen eingeschränkt oder zeitweise eingestellt worden. Jetzt ist endgültig Schluss. Der Eigentümer der Grube, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwahrungsgesellschaft Sondershausen (LMBV) lässt das Bergwerk verfüllen und sichern, auch den bisher für Besucher genutzten Bereich. Zum letzten Mal werden am 1. November die Gäste des Besucherbergwerkes „Drei Kronen und Ehrt“ nach etwa sechshundert Metern Fahrt mit der Grubenbahn in die bizarre Welt eintauchen. Dort, wo noch vor wenigen Jahrzehnten der Rohstoff zur Herstellung von Schwefelsäure gefördert wurde, bewegen sich Bohrhämmer, fahren Lafetten-Bohrwagen und werden alte Relikte des Bergbaus gepflegt. Allerdings nicht mehr kommerziell, sondern als betriebenes Zeugnis jahrhundertelangen Bergbaus. Von den ehemals 15 Sohlen, auf denen gefördert wurde, sind nur noch sieben geblieben. Bis dorthin wurde die Grube geflutet – „abgesoffen“, wie der Bergmann sagt. Dann wurden die Sohlen zwei bis sieben verfüllt. Von den einst zu befahrenden 460 Metern in die Tiefe blieb also nicht mehr viel übrig. Die Führungen fanden nur auf einer Sohle statt. In den anderen wurden die Hohlräume mit Kraftwerksasche verfüllt. Die Asche wurde in einem Gemisch aus Wasser und anderen Stoffen eingebracht, um den ungeheuren Druck des darüber liegenden Gebirges aufzufangen und vor dem Einsturz zu schützen. So wird es nun auch mit den verbliebenen Stollen der Grube geschehen. Während die Grube der LMBV gehöre, seien das Gelände, die Maschinen und Geräte Eigentum der Stadt Oberharz am Brocken, erklärt Ingo Brauckhoff. Die Stadt habe schon einen neuen Verwendungszweck dafür gefunden: Der Bergverein zu Hüttenrode e.V. hat Interesse angemeldet. Seine Mitglieder haben schon an der Grube „Braunesumpf“ Anlagen und Gebäude rekonstruiert, um an die Geschichte des Bergbaus zu erinnern. Ein letztes „Glück auf!“ wird am 1. November in Rübeland zu hören sein. Der Abschied schmerzt. Ingo Brauckhoff ist traurig über den Verlust des Industriedenkmals, aber auch dankbar für die zurückliegenden Jahre. „Mein Dank gilt all jenen, die einst die Vision zum Aufbau des Besucherbergwerkes hatten. Und auch jenen, die es über Jahre weiter entwickelten, die ehrlichen Herzens um den Erhalt kämpften und meinem Team, welches bis zur letzten Führung mit Herzblut, Freundlichkeit und noch mehr Engagement Gäste durch die ehemalige Grube führte und dem Andenken des Bergmannsstandes gebührende Ehre zollte.“ Frank Drechsler

 

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