Ultraleicht

Scheinbar schwerelos ziehen Segelflieger ihre Kreise. Ihre Eleganz und Geschwindigkeit faszinieren Thomas Brandes. Er will seiner Leidenschaft unbedingt nachgehen und überwindet für seinen Traum alle Hindernisse.

Linienflüge sind wie Kutsche fahren, Segelfliegen dagegen ist die Formel Eins“, sagt Thomas Brandes. In nur etwa zwei Sekunden erreicht er mit seinem Flugzeug eine Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern. Das Segelfliegen ist die Leidenschaft des 51-Jährigen, die er durch Zufall entdeckt hat. 2012 wurde er auf einen Segelflugverein in Wolfenbüttel aufmerksam. Eigentlich hatte der Unternehmer aber ganz andere Pläne: Statt ins Cockpit wollte er wieder aufs Motorrad steigen. Die Begeisterung für die schnellen Zweiräder hatte er auf Eis gelegt, bis er hörte, dass man die Maschinen auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen umbauen kann.

Vor 28 Jahren hatte Thomas Brandes einen schweren Motorradunfall. Ein technischer Defekt blockierte den Gaszug seiner Yamaha FZ-750. Den damals 21-Jährigen schleuderte es aus der Kurve. Beim Aufprall auf ein Verkehrsschild verlor er seinen linken Arm. Doch der junge Mann hatte Glück, er überlebte und sein abgerissener Arm konnte wieder angenäht werden. Nach drei Monaten im Krankenhaus wurden Teile des Rückenmuskels in den linken Arm transplantiert, damit er seinen Ellenbogen wieder beugen konnte. Die Beweglichkeit seiner linken Hand blieb jedoch eingeschränkt. Für den angehenden Fallschirmjäger platzten damals die Zukunftspläne. Heute entwickelt der Unternehmer interaktive Whiteboards und gibt Schulungen dafür. Der Traum vom Fliegen aber hat ihn nie losgelassen. Beim ersten Besuch auf dem Flugplatz wird ihm klar: „Ich will wieder fliegen.“ Nach der Flugtauglichkeitsprüfung bescheinigte ihm der Fliegerarzt die körperliche Fitness eines 35-Jährigen. Allerdings gab es doch ein Problem: Wenn das Segelflugzeug startet, wird es von einer Seilwinde in die Luft gezogen. Ist die richtige Höhe von etwa 400 Metern erreicht, muss der Segelflug-Pilot das Verbindungsseil ausklinken. Dafür braucht er beide Hände. „Man klinkt zur Sicherheit sogar dreimal aus. Das ist überlebensnotwendig. Den Hebel muss man mit der linken Hand betätigen“, erzählt Thomas Brandes. Er musste sich etwas einfallen lassen, denn mit seiner Hand war das nicht machbar. Nach mehreren Versuchen fand er beim Steinke Gesundheits-Center in Halberstadt den Fachmann, den er suchte. Der Orthopädie-Technik-Meister Ulf Stühff fertigte für den Flieger eine spezielle Orthese an: „Die Schiene für die linke Hand von Herrn Brandes ist eine Sonderanfertigung mit einem Haken, der ihm das Ausklinken und die Bedienung der Landeklappen ermöglicht. Diese Anforderung war für mich neu. Herr Brandes ist einer von nur wenigen Segelflugpiloten mit Behinderungen in ganz Deutschland und kann mit Hilfe der Orthese seine Flugausbildung absolvieren“, erklärt der Orthopädie-Technik-Meister. Bis man den Flugschein in der Tasche hat, dauert es ungefähr vier Jahre. Jedes Mal bevor Thomas Brandes abhebt, legt er die Schiene an. „Schon wenn ich Kumuluswolken sehe, denke ich sofort daran, dass sie das Zeichen für gute thermische Voraussetzungen sind und spüre ein Kribbeln in ganzen Körper“, erzählt der angehende Pilot. Neben technischen Daten lernt er im Flugunterricht viel über Thermik, Steuerung, Flugverhalten und auch Unfallrisiken. Bei Flugkünsten wie Loopings muss man zum Bespiel viel höher fliegen. „Generell kann man sagen, je höher und schneller man ist, desto sicherer ist es – natürlich bis zu einer bestimmten Grenze. Es gibt auch Höhen, da müsste man ein Sauerstoffgerät einsetzen.“ Thomas Brandes kennt die Gefahren. Doch wo anderen flau im Magen wird, genießt er die Beschleunigung, die ihn in den Sitz drückt und den Ausblick auf die Welt von oben. Er schwärmt: „Fliegen – das ist absolute Freiheit.“  Mandy Ebers

 

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