Coole Comics, Mister Feininger!

Mickey Mouse und Spiderman kennt jeder. Doch, dass man mitten in einem Museum auf die bunten Bildchen aus der Feder eines waschechten Künstlers wie Lyonel Feininger stößt, ist nicht nur für Quedlinburger Schüler eine Überraschung. Für ein Projekt der Lyonel-Feininger-Galerie führen sie Gleichaltrige durchs Museum und finden ihren ganz eigenen Zugang.

Viele Kärtchen stapeln sich auf dem Tisch: Schwarz-weiß oder in leuchtenden Farben zeigen sie einzelne Comic-Strips. Antonia Rink zieht eine Karte heraus und betrachtet das Motiv genau. „Das ist von Feininger!“, ist sich die Elfjährige sicher. Die Schülerin kennt sich gut aus mit den Bilderserien, die ganze Geschichten erzählen. Seit fast einem halben Jahr kommt sie jeden Montag in die Lyonel-Feininger-Galerie und macht gemeinsam mit sechs anderen Schülern beim Projekt „Abenteuer Comic“ mit.

„Wir haben sehr gute Erfahrungen mit diesem Projekt gemacht“, erzählt Museumspädagogin Annette Fischer. „Die Kinder können ihr Wissen selbst an andere Gleichaltrige weitergeben. Die wiederum haben oft weniger Vorbehalte, wenn ihnen jemand etwas erklärt, der ihre Perspektive teilt und die gleiche Sprache spricht“. Deswegen gibt es das „Abenteuer Comic“ im Quedlinburger Kunsthaus bereits in der zweiten Auflage.
„Am Anfang war ich sehr überrascht, hier im Museum Comics zu finden“, erinnert sich die zukünftige Museumsbotschafterin Antonia Rink. Sie wusste bis dahin nicht, dass der Deutsch-Amerikaner Lyonel Feininger nicht nur Maler und Grafiker, sondern auch Karikaturist war. Viele Jahre seines Lebens sicherte ihm und seiner Familie dieses Können den Lebensunterhalt. Er arbeitete für deutsche, französische und amerikanische Zeitungen und Magazine. Erst im Alter von 36 Jahren kam er zur Malerei. Mit seinen Arbeiten am Bauhaus gehört er seit 1919 zu den bedeutendsten Künstlern der Klassischen Moderne.
„Comics sind ein Medium, das Kinder und Jugendliche anspricht. Wir sehen sie uns an, finden heraus, was sie ausmacht und schlagen eine Brücke zwischen Feiningers Kunst und der Gegenwart“, erläutert Museumspädagogin Berit Lacher, die die Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit der Sozialpädagogin Rebekka Prell anleitet. Dabei kommt es beim Verstehen tatsächlich sehr auf das Mitmachen an. In einer der ersten Phasen des Projekts beschäftigen sich die Schüler mit der Druckgrafik. Diese können sie auch gleich in der hauseigenen Werkstatt ausprobieren. Die Schüler schnuppern Atelierluft, wenn sie Motive in Gipsplatten kratzen.
Im Workshop mit einem professionellen Comic-Zeichner aus Berlin erarbeiten sie die typischen „story panels“ und die Ausdrucksformen ihrer Figuren. „Es macht total Spaß selbst Comics zu zeichnen“, sagt Anna-Marie Kuhlmey. Mindestens genauso sehr freut sie sich darauf, andere Schüler durch die Galerie zu führen.
Lampenfieber hat sie nicht. Grund dafür ist wahrscheinlich auch ein weiterer Workshop: „Zusammen mit einem Theaterpädagogen erfahren die Kinder, welchen Unterschied es macht, wie man etwas vorträgt. Das gibt ihnen das nötige Selbstbewusstsein, vor eine Gruppe zu treten und nützt ihnen auch in anderen Bereichen ihres Lebens“, erklärt Annette Fischer.
Das ist auch eines der Ziele der Initiative „Kultur macht stark“ des Deutschen Museumsbundes: Kinder beschäftigen sich mit Feiningers Leben und Werk sowie mit der Arbeit des Museums. Das eröffne ihnen nicht nur einen Zugang zu Kunst und Kultur, sie lernen auch ihrer eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen, so die Museumspädagogin. In Kooperation mit der Ernst-Bansi-Ganztagsschule und dem Kulturzentrum Reichenstraße fanden sich schnell sieben Schüler, die sonst mit Kunst eher weniger zu tun haben.
Seit Januar 2015 läuft das Projekt mit den Jugendlichen. Die Achtklässler geben zu, dass die wenigsten freiwillig in ein Museum gehen. Zu langweilig, zu angestaubt, zu viele Schrifttafeln, zu wenig zum Anfassen und Ausprobieren. Vielleicht schaffen es Projekte wie dieses, das schlechte Image loszuwerden. „Dazu möchten wir beitragen“, sagt Berit Lacher. Die Projektleiterinnen legen Wert darauf, dass das Ganze keinen Schul-Charakter hat.  „Es geht nicht um die Vermittlung von Fakten, sondern darum, den Besuch im Museum zu einem positiven Erlebnis werden zu lassen“, sagt Berit Lacher.
An mehreren Orten in Deutschland laufen derzeit im Rahmen der Initiative „Von uns – für uns! Die Museen unserer Stadt entdeckt“ ähnliche Projekte. „Wenn es in einem dieser Museen gelingt, die Jugendlichen zu begeistern, dann gehen sie mit Neugierde auch mal in ein anderes“, hofft Berit Lacher. Das Konzept scheint in Quedlinburg aufzugehen. „Ich freue darauf, die Comics von Feininger zu zeigen und etwas über ihn zu erzählen“, sagt Antonia Rink. „Andere Schüler hier durchzuführen, das macht mir bestimmt Spaß.“ Mandy Ebers

Info
Die Rundgänge mit den Museumsbotschaftern finden ab dem 15. Oktober immer donnerstags ab 15 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos und für Kinder ab der dritten Klasse geeignet. Anmeldungen unter 03946 - 689593855 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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