Der Letzte seiner Zunft

Wer von Dardesheim nach Badersleben fährt, der sieht es schon von weitem:
Die Bockwindmühle ist oben ohne. Also ohne Flügel jedenfalls. Die wurden im Herbst letzten Jahres aus Sicherheitsgründen abmontiert. Ein Sturm hatte ihnen zugesetzt. Sie müssen erneuert werden. Ein Fall für Axel Brüggemann.

Mühlen bauen oder reparieren. Hmm. Keine so einfache Sache. Nun ja, vielen Handwerkern dürfte das wohl nicht gerade liegen. Wie auch. Mühlenbau ist seit Jahrzehnten kein Ausbildungsberuf mehr. Zwar haben sich hier und da Zimmerer über die Jahre auch dieser Sparte genähert, das grundlegende Fachwissen, die Feinheiten eben, fehlt den meisten aber doch. Ihm hingegen nicht. Die Rede ist von Axel Brüggemann. Er führt das Unternehmen seiner Familie, die seit 1870 Mühlen baut, in vierter Generation fort.

Brüggemanns Urgroßvater Carl hatte Ende des 19. Jahrhunderts in Seehausen in der Börde mit dem Mühlenbau begonnen. Zur Jahrhundertwende ist die Familie dann in den Huy gekommen. 1904 hat Großvater Berthold in Dingelstedt den Betrieb gegründet. Dessen Sohn Willy Brüggemann führte das Unternehmen bis 1977 und übergab dann an Axel Brüggemann. Da war das Mühlenwesen längst auf einem absteigenden Ast. Mühlenbaukunst adé. Weil die damalige DDR diesen Beruf nämlich kurzerhand abgeschafft hatte, musste sich Axel Brüggemann sein Know-how sozusagen learning by doing aneignen. Er lernte zunächst den Beruf des Bau- und Möbeltischlers, bekam das heute wieder benötigte Fachwissen für den Mühlenbau aber von Haus aus im elterlichen Betrieb mit auf den Weg. Heute ein Glück für viele Heimatvereine in der ganzen Region. Die haben sich nämlich vielerorts jener Mühlen angenommen, die nach der politischen Wende in Deutschland noch zu retten waren. >>> Solche Bockwindmühlen wie in Anderbeck oder Badersleben eben. Meist auf einem Hügel frei stehend müssen sie gewartet und gepflegt werden. Dienen sie nach ihrer Restauration allerdings „nur“ als schmucke Schauobjekte, die zudem immer stillstehen, nagt der Zahn der Zeit noch schneller an ihnen. Wind und vor allem Wasser setzen den stillstehenden Flügeln zu. „Höchstens 30 bis 35 Jahre, dann muss man wieder ran“, sagt Axel Brüggemann. Eine so genannte Rute, der Flügelbaum, liegt vor ihm auf zwei hölzernen Böcken. Das Herzstück eines Windmühlenflügels, quasi sein Rückgrat. Der Balken sieht für den Laien schon ein bisschen seltsam aus, wirkt irgendwie schief oder verdreht. Ist er aber nicht. Nur zu beiden Seiten konisch zulaufend. Das muss aber so sein. Ebenso die leicht gedrehte Form des Flügels. Die Löcher, in die Meister Brüggemann die Heckleisten einsetzt, werden dazu in gleichmäßigen Abständen, aber immer in einem leicht veränderten Winkel eingestemmt. Er verwendet für den Bau ausschließlich Lärchenholz. Wegen seiner langen Fasern und seiner guten Biegsamkeit. Er nimmt dazu auch Werkzeuge zur Hand, die älter sind als er selbst: Das Klopfholz etwa, und auch die Stichaxt stammen noch vom Großvater. Er legt beides zur Seite, zieht genüsslich an einer Marlboro. Dabei rechnet er im Kopf die Abstände aus, die die eisernen Bruststücke, die er gleich anschrauben wird, voneinander haben müssen. Mit Streichmaß und Zimmermannsbleistift bewaffnet, bringt er dann die Markierungen an. „Die Abstände sind fest am Streichmaß vorher eingestellt. So geh das viel schneller, als wenn ich jedes Mal neu messen müsste“, erklärt Brüggemann. Die meisten seiner Aufträge sind Reparaturen. Deutschlandweit ist er dafür mittlerweile ein gefragter Mann. Aber auch für komplette Neubauten ist er bereits beauftragt worden. Er erfreut sich noch immer an seiner Arbeit, sie macht ihm Spaß. Auch, wenn es mal einen Rückschlag gibt. So wie in Spergau bei Leuna. Dort hatte er im November 2008 eine Mühle komplett neu gebaut. Nachdem sie übergeben worden war, zündelten Brandstifter. Sie brannte nieder. „Da hat man Tränen in den Augen. Ein ganzes Jahr Arbeit hinüber. Der Täter wurde nie ermittelt. Die Mühle habe ich dann noch mal neu gebaut.“ 62 Jahre ist Brüggemann jetzt alt. Wie lange er noch Mühlen baut, repariert oder aufpoliert, weiß er nicht. „Mal sehen“, sagt er. „Noch sind die Auftragsbücher gut gefüllt. So lange ich gesund und fit bleibe, wohl noch einige Zeit. Als nächstes steht der Bau eines neuen Wasserrades an. Darauf freue ich mich schon.“ Frank Drechsler

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