Tante Ernas Fanclub

Auf dem Wernigeröder Nicolaiplatz begann vor 25 Jahren die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft. Zwei Männer aus dem Saarland waren 600 Kilometer weit gereist, um sich den Osten anzugucken. Sie lernten durch Zufall eine gastfreundliche Dame kennen: Erna Eigendorf. Über das, was sich damals zugetragen hat, schmunzeln und staunen die Herren noch heute.

Ja, hier muss es gewesen sein“, sagt Martin Springer. „Genau an dieser Stelle, exakt auf die Minute vor 25 Jahren.“ Der 60-Jährige steht freudig-ergriffen am Nicolaiplatz in Wernigerode. Er ist mit Klaus Schwinn, mit dem ihm eine „uralte Männerfreundschaft“ verbindet, aus Saarbrücken in den Harz gekommen, um den „Tante-Erna-Ehrentag“ zu begehen. Mit ihm war er auch damals unterwegs, am 28. Februar 1990.

Die beiden Männer wollten sich die DDR endlich mal mit eigenen Augen anschauen. Sie erinnern sich noch heute an die kleinsten Details. „In der Nacht von Fastnachtsdienstag auf Aschermittwoch trafen wir uns im Schnellzug nach Hannover. Wir hatten Wanderklamotten an und waren vom Karneval gezeichnet“, erzählt Martin Springer. Für Wernigerode als Ziel hatten sie sich entschieden, weil sie als Eisenbahn-Fans unbedingt mit der Schmalspurbahn fahren wollten. „Außerdem dachten wir, der Westen ist nicht weit. Wenn wir kein Quartier finden, können wir in Goslar übernachten.“ Der Osten empfing sie nasskalt, diesig und roch nach verbrannter Kohle. Weil die Touristinfo am Bahnhof geschlossen war, liefen Martin Springer und Klaus Schwinn in Richtung Innenstadt und sprachen spontan zwei ältere Damen an, die plaudernd beisammen standen. Sie erhofften sich einen Tipp für eine Übernachtungsmöglichkeit. Die raue, aber herzliche Reaktion überraschte sie. „So so, das kommen se einfach aus dem Saarland daher und wollen wissen, wie es hier zugeht“, sagte eine der beiden. „Wenn Se bis zum Nachmittag kein Quartier gefunden haben, klingeln Se bei mir. Wir trinken eine Tasse Kaffee, ich erzähle Ihnen alles und werde sehen, was ich für Sie tun kann.“ Tatsächlich klingelten sie am Abend bei Erna Eigendorf in der Breiten Straße, die plötzlich deutlich vorsichtiger und misstrauischer geworden war. „Ich habe mir doch hoffentlich anständige Leute ins Haus geholt?“, fragte sie skeptisch, als sie die Tür öffnete. Die Gäste aus dem Westen versuchten, sie zu beruhigen und erklärten, dass sie von Beruf Tischler und Eisenbahner seien, gemeinsam viel wanderten und schon durch die halbe Welt gereist sind. Am Küchentisch saß eine Freundin von Erna Eigendorf und Thomas Plachta, der Sohn einer Mitarbeiterin aus dem Eigendorfschen Textilgeschäft im Erdgeschoss. „Das ist mein Freund“, stellte Erna Eigendorf den jungen Mann vor. „Wir wunderten uns, wie die alte Dame einen so jungen Freund haben könnte“, sagt Martin Springer schmunzelnd. Thomas Plachta war damals 24. Erna Eigendorf, die er schon als kleiner Junge nur Tante Erna nannte, hatte ihn gebeten, als Beschützer dazubleiben. „Sie sagte, sie habe eine große Dummheit gemacht und zwei wildfremde westdeutsche Männer in ihr Haus eingeladen“, erinnert er sich. Auch seine Mutter argwöhnte, es könne sich um Ganoven handeln, die Tante Erna eins über den Schädel ziehen wollen. Davon ahnten Martin Springer und Klaus Schwinn nichts. Sie aßen die Suppe, die Tante Erna servierte und hörten zu, als sie Fotos und ihre Lebensgeschichte vor ihnen ausbreitete. Sie erzählte, wie sie sich mit dem Sozialismus arrangierte und wie schwierig es oft war, Ware für ihr Geschäft zu bekommen. Wie heiß begehrt zum Beispiel Wintermäntel oder Feinstrumpfhosen waren, von denen ihr immer nur geringe Stückzahlen zum Verkauf zugeteilt wurden. Zu vorgerückter Stunde stellte Tante Erna fest, dass der Angstschweiß nicht nötig und die Wessis doch ganz nette Kerle waren. Sie schickte ihren Beschützer nach Hause und zeigte den Gästen ihren Schlafplatz: Ein ehemaliges Krankenhausbett und eine Gartenliege im Anbau. „Man konnte dort nicht heizen. Es war so kalt, dass ich mich nachts in einen Teppich einrollte“, erzählt Martin Springer. In jener Nacht hätte wohl niemand vermutet, dass aus dieser Zufallsbegegnung eine lange Freundschaft entstehen würde. Aber so kam es: Martin Springer und Klaus Schwinn hielten über all die Jahre den Kontakt nach Wernigerode. Man schrieb Briefe, besuchte sich gegenseitig und lädt einander noch heute zu Hochzeiten und runden Geburtstagen ein. Thomas Plachta ist mit seiner Familie nach dem Studium sogar für ein paar Jahre nach Saarbrücken gezogen, um in einem Architekturbüro zu arbeiten. „Es ist erstaunlich, dass eine Freundschaft über solch eine Distanz so lange halten kann“, sagt er. „Es war eine erst vorsichtige, dann immer tiefere Sympathie“, meint Martin Springer. „Wir sind uns damals einfach menschlich und ohne Vorurteile begegnet.“ Die Verbindung ist auch nach Erna Eigendorfs Tod nicht abgerissen. „Sie ist vor zehn Jahren gestorben. Heute besuchen wir alle zusammen ihr Grab und bringen ihr Blumen“, sagt Martin Springer. Die Männer haben einen Tante-Erna-Ehrentag ausgerufen und einen Tante-Erna-Fanclub gegründet. Der ist zwar nur dreiköpfig, aber aktiv. „Wir wollen uns an ihre Herzlichkeit erinnern, die wirklich einzigartig war.

Dana Toschner

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