Wir sind dann mal weg

Lisa fühlt sich sichtlich wohl in ihrem neuen Zuhause

Im Mai packen zehn Kinder ihre Koffer, um auf Mallorca unbeschwerte Ferientage zu verbringen. Sie haben – im übertragenen Sinn – schwere Rucksäcke zu tragen. Sie sind durch Krankheit, Behinderung, Missbrauchs- oder Gewalt­erfahrungen traumatisiert. Die Peter Maffay Stiftung lädt die Kinder nun auf eine Finca ein.

Wenn Lisa, Stefanie, Annalena und Sabrina von ihrer Kindheit, ihren Sorgen und Ängsten erzählen, wird einem schwer ums Herz. „Als ich vier war, bin ich zu den ersten Pflegeeltern gekommen, weil meine richtige Mama sich nicht um mich kümmern konnte“, erzählt die zehnjährige Lisa. Doch bei den Pflegeeltern konnte sie nicht bleiben. Sie lebte eineinhalb Jahre im Kinderheim. Dann kam sie in die nächste Pflegefamilie. Dann in noch eine und noch eine. „Wo ich jetzt bin, möchte ich unbedingt bleiben“, sagt sie und lächelt ihre Pflegemutter an. Die nickt beruhigend.

Andrea Engel erinnert sich noch genau an den Tag, an dem Lisa in ihre Familie kam. „Ich habe meinen Mann angerufen und gesagt: Wir haben ein neues Kind. Ganz ohne Wehen, es ist schon trocken.“ Eigentlich hatte sie nie vorgehabt, ein Pflegekind aufzunehmen. Aber als sie Lisa durch einen Zufall kennen lernte und von ihrem Schicksal hörte, schloss sie die damals Siebenjährige sofort ins Herz. Sie sprach mit ihren beiden leiblichen Kindern, rief beim Jugendamt an, schrieb eine Bewerbung und ging mit ihrem Mann zu den Seminaren der Pflegeelternschule. Durch ihre Nachbarin, Ines Klein, hatte Andrea Engel eine ungefähre Ahnung davon, was es heißt, sich um ein Pflegekind zu kümmern. Die Kleins haben vor 19 Jahren gleich zwei Kinder aus dem Heim geholt: Sabrina und ihren Bruder Ronny. Das Mädchen war damals 2, der Junge 6 Jahre alt. „Er hat uns die Tür aufgemacht und gefragt: Nimmst du mich mit?“, erinnert sich Ines Klein an den bewegenden Moment. Dass beide Kinder geistig behindert sind, wussten die Kleins damals noch nicht. „Das war eine besondere Herausforderung. Aber man wächst mit seinen Aufgaben“, sagt Pflegevater Gerald Klein. Obwohl die beiden – wie bei Pflegekindern üblich – eigentlich nur so lange in der Pflegefamilie bleiben sollten, bis alle Voraussetzungen gegeben sind, dass sie wieder bei ihren leiblichen Eltern leben können, stellte sich bald heraus, dass sie bis zur Volljährigkeit bleiben. Ihre Familie können sich die Kleins, die auch einen leiblichen Sohn haben, längst nicht mehr ohne Sabrina und Ronny vorstellen. Inzwischen sind die Pflegekinder erwachsen, arbeiten in den Diakonie Werkstätten. „Ich ziehe jetzt ins betreute Wohnen“, erzählt die 21-jährige Sabrina. Der Schritt ins selbständige Leben ist von einem mulmigen Gefühl begleitet. Sie ist stolz, aber gleichzeitig ängstlich. Auf die Reise nach Mallorca aber freut sich Sabrina. Mit neun anderen Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 21 Jahren wird sie sich im Mai auf den Weg machen. Ihre Pflegemutter, die viele Jahre Vorsitzende des Halberstädter Vereins der Pflege- und Adoptiveltern war, hat gemeinsam mit Christine Rütting vom Jugendamt des Landkreises Harz einen Antrag an die Peter Maffay Stiftung geschickt. Die beiden hatten von Maffays therapeutischer Finca gehört, in der traumatisierte Kinder einen Urlaub verbringen können. „Schon vor sechs Jahren haben wir uns beworben. Jetzt hat es endlich geklappt. Als der Anruf kam, habe ich vor Freude geweint“, erzählt Ines Klein. Auf der Finca können die Kinder Tiere versorgen, im Ökogarten bei der Ernte helfen, Zitronen pflücken und selbst Marmelade herstellen. Die Natur mit allen Sinnen erleben, im Mittelmeer schwimmen, töpfern und malen, verborgene Talente entdecken, Erfolgserlebnisse genießen – das erwartet sie auf dieser Reise. „Hauptziel ist es, das Selbstwertgefühl der kleinen Gäste zu steigern“, beschreibt die Stiftung auf ihrer Internetseite. „Die Kinder können ihren schwierigen Alltag hinter sich lassen und zur Ruhe kommen“, sagt Christine Rütting, die die Gruppe gemeinsam mit ihrem Mann und dem Ehepaar Klein begleiten wird. Auf dem Flughafen wird auch die 18-jährige Stefanie mit an Bord gehen. Es ist ihr erster Flug, ein Abenteuer. Sie hat eine harte Kindheit hinter sich. „Meine Erzeugerin, ich nenne sie bewusst so, hat mich geschlagen und vernachlässigt. Sie hat mich und meinen Bruder allein gelassen und sich nur um ihren Alkohol gekümmert.“ Als Stefanie 11 war, musste die Mutter in eine Klinik. Stefanie und ihr Bruder sollten währenddessen nur für ein paar Wochen in eine Pflegefamilie. „Ich habe gesagt, ich möchte nicht mehr zurück.“ Dass plötzlich jemand da war, der sich um sie kümmerte, war gewöhnungsbedürftig. „Von jetzt auf gleich hat sich alles verändert“, sagt sie. Von einer Förderschule für Kinder mit Lernschwierigkeiten hat sie es auf die Sekundarschule geschafft. Inzwischen macht sie eine Ausbildung. „Stefanie hat ihre Chance genutzt“, sagt Christine Rütting nicht ohne Stolz. Sie betreut die Pflegefamilien von Seiten des Jugendamts und kennt das Mädchen seit vielen Jahren. Auch Annalena aus Schlanstedt, die zwar selbst kein Pflegekind ist, aber deren leibliche Eltern zwei Pflegekinder betreuen, darf mit nach Mallorca. Sie hat als kleines Mädchen die Diagnose Skoliose bekommen. Seitdem dreht sich ihr halbes Leben um Arztbesuche, Therapien und Klinikaufenthalte. „Ich habe vier Stangen und 22 Schrauben im Rücken. Da wird bei der Kontrollen im Flughafen wahrscheinlich der Metalldetektor verrückt spielen“, sagt sie lachend. Für einen Moment scheinen alle Sorgen vergessen. Manchmal strahlt die Sonne Mallorcas eben doch bis in den Vorharz.

Dana Toschner

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