Am Ende des Tunnels

Eine Initiativgruppe der Halberstädter Liebfrauengemeinde will ins Dunkel der Nacht Licht senden und praktiziert gelebte Willkommenskultur. Am Bahnhof nehmen die Ehrenamtlichen Asylbewerber in Empfang.

Der Wind pfeift eisig, das kalte Licht auf den Bahnsteigen verströmt kaum Willkommenswärme. Menschen eilen dem heimischen Abend entgegen. Die Aussteigenden werden von Angehörigen empfangen oder fingern ihre Autoschlüssel heraus. Mit billigen Taschen und oft exotisch wirkender Kleidung, manchmal Kinder an der Hand, bleiben unsicher um sich blickende Menschen zurück, folgen dem Schwarm durch den Bahnhofstunnel. Niemand erwartet sie, keiner sagt ihnen, wie es an diesem Abend weitergeht, an den Rand der Stadt, wo sie ein Bett und eine Mahlzeit erwartet. Dort, wo sie eine Behörde hinverteilt hat. 

Zwei Männer stehen oben an der Betontreppe, am Ende des Tunnels, der mal einen, mal fünf Asylbewerber oder auch mal gar keinen ausspeit. An den neu gekauften blauen Westen steht in mehreren Sprachen „Willkommen“. Tagsüber sind sie Steuerberater, Ingenieur, Student, waren Pfarrer oder Rechtsanwalt. Von 18 bis 23.30 Uhr tauchen sie am Halberstädter Hauptbahnhof ins Dunkel der Nacht, um Licht zu senden. „Im Sommer haben wir im Presbyterium der Liebfrauenkirche öffentlich über Willkommenskultur gesprochen“, erinnert sich Reinhard Beck, Pfarrer im Ruhestand. „Wie empfängt Halberstadt die Flüchtlinge, die zur Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Sachsen-Anhalt wollen, haben wir geschaut. Wir wussten ja von der Bahnhofsmission, wie die Lage ist. Ab 18 Uhr fährt kein Bus mehr in die Liststraße, 22 Uhr wird der Bahnhof abgeschlossen. Menschen stehen nach tausenden Kilometer Flucht kurz vor dem Ziel plötzlich vor der Tür.“ Norbert Kleist ergänzt: „Sie haben ein amtliches Stück Papier in der Hand, wissen damit aber herzlich wenig anzufangen.“ 

So entstand die Initiative der Liebfrauengemeinde, die ankommenden Flüchtlinge auf ihren ersten Halberstädter Metern zu begleiten. Die führen vom Bahnhofstunnel bis zum Taxi-Stand. 

„Mit ihrer Bescheinigung können die Asylbewerber in die Gemeinschaftsunterkunft vor den Toren der Stadt gefahren werden. Die Fahrer rechnen dann direkt mit dem Land ab,“ erklärt Reinhard Beck. Christoph Vogler und Norbert Kleist sind für einige Minuten und Meter Begleiter. „Kaum jemand spricht Deutsch. Wir wissen nichts vom Schicksal, das die Menschen nach Halberstadt verschlagen hat. Sie sind kaputt, gestresst. Und unendlich dankbar für die Ersthilfe hier am Bahnhof. Das zeigen ihre Augen, ihre Gesten.“

Abend für Abend sitzen Mitglieder der Liebfrauen-Initiative in den Räumen der Bahnhofsmission und gehen bis kurz vor Mitternacht alle Stunde zu den ankommenden Zügen. „Wir brauchen dafür noch einige Mitstreiter“, sagt Norbert Kleist. „Liebfrauen hat das Projekt zwar aus der Taufe gehoben, man muss aber nicht Gemeindeglied sein, um zu helfen“, fügt Reinhard Beck an, der neben dem 79-jährigen ehemaligen Pfarrer Dietmar Anger zu den ältesten „Erst-Helfern“ gehört. „Wir finden, das, was wir hier tun, ist sinnreich und nützt. Auch wenn wir auf Spenden für unser Tun angewiesen sind.“ 

Constantin Schnee, der Leiter der Halberstädter Bahnhofsmission, bestätigt ihnen, dass sich durch die Initiative auch der Blick der Taxifahrer auf die Asylsuchenden gewandelt hat. Sind bisher zwei Taxi-Unternehmen in die Transportleistungen eingebunden, können sich ab 1. Januar alle beteiligen.

Was die ehrenamtlichen Helfer am Bahnhof tun, steht selten im Fokus der Öffentlichkeit. Sie machen auch kein Bohei darum. Doch sie sind die ersten Wegbereiter für Schwarzafrikaner, Menschen vom Balkan oder aus Syrien und Eritrea, die in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Sachsen-Anhalt (ZASt) ein Zuhause auf Zeit finden. 

„Wir haben das Gefühl, sie werden in der Öffentlichkeit zunehmend bewusster wahrgenommen“, sagte kürzlich Eckhardt Stein, der seit April die ZASt leitet. Die Halberstädter haben sich mit den Menschen aus den Plattenbauten weit vor der Stadt arrangiert. Wo einst junge Männer im Grenzausbildungsregiment „Martin Hoop“ zu Soldaten der Grenztruppen wurden, warten heute Menschen auf die Anerkennung ihres Asylantrages. „Zunehmend mehr Männer, Frauen und Kinder kommen hier an“, sagt Eckhardt Stein. Im ganzen Jahr 2007 trafen 567 Asylbewerber in Halberstadt ein, schon allein im Juli 2014 waren es 600. Militärische Konflikte, Bürgerkrieg und Verfolgung in der Welt kommen in Sachsen-Anhalt an. 

Derzeit führen Syrier die Liste der Asylsuchenden an. „Wir spüren das auch auf dem Bahnhof“, sagt Norbert Kleist. „Das rührt schon das Herz, wenn spätabends eine Frau aus Syrien mit drei Kindern, zwei, fünf und zehn Jahre alt, hier ankommt. Wir ahnen die dramatischen Szenen im Heimatland oder auf der Flucht.“ Unterdessen ist jeder vierte oder fünfte Asylbewerber ein Kind. 

Im Nachbargebäude der ZASt, dem Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, wird über die Asylanträge entschieden. Das kann Monate dauern. Bundesweit wurden 2014 nur 1,4 Prozent der Asylanträge anerkannt. In ihrer Nach-Halberstadt-Zeit müssen die Asylbewerber untergebracht werden – in Wohnungen oder Gemeinschaftsunterkünften. Jeder Landkreis, außer dem Harz, wo die Anlaufstelle sitzt,  bekommt nach einem besonderen Schlüssel Asylbewerber zugewiesen. Über 7700 Plätze stehen in Sachsen-Anhalt laut Innenministerium dafür zur Verfügung. Tendenz steigend.  

In den vier bis sechs Wochen, die die Asylbewerber in der Halberstädter Ex-Kaserne vor ihrer „Verlegung“ in die Landkreise verbringen, ist es schwer, soziale Beziehungen aufzubauen, so sehr sich auch Ehrenamtliche und Wohlfahrtsverbände bemühen. Die „Wartezeit“, bis der Asylantrag beschieden ist, muss überbrückt werden. Die Anlaufstelle hat einen klaren „Behördenauftrag“. Doch es gibt Unterstützung von der Caritas, vom Flüchtlingshilfeverein und soziokulturelle Projekte, die von Einrichtungen wie dem Jugendzentrum Zora und dem christlichen „Rauhen Haus“ getragen werden.

Es wird eng in der ZASt, das spüren die Mitglieder der Liebfrauen-Initiative auch an der steigenden Zahl der Flüchtlinge aus Krisengebieten auf dem Bahnhof. Kürzlich hat das Land Raum für mindestens 200 Frauen, Männer und Kinder auf zwei stillgelegten Kasernen-Etagen geschaffen. Für 2015 und 2016 sind noch mal Investitionen von je zwei Millionen Euro geplant. Zusätzlich soll es jährlich 350 000 Euro für die Kommunen geben, um die Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern finanzieren zu können.

Manchmal braucht es statt Geld aber auch einfach nur Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen und Nächstenliebe leben: Die Frauen und Männer der Liebfrauen-Willkommensinitiative, die ihre Abende am Bahnsteig verbringen, spüren Dankbarkeit für ihr Tun. Deshalb machen sie sich jeden Tag neu auf den Weg. Uwe Kraus

 

INFO: 

Die Initiatoren der Halberstädter Liebfrauengemeinde freuen sich über tatkräftige Unterstützung.

Telefon: 03941/ 24210

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