Eine glückliche Fügung

„Es war Heiligabend in diesem Jahr der Wunder.“ Mit diesen Worten beginnt Detlef Wilck, wenn er sein ganz persönliches Weihnachtsmärchen erzählt. Am 24. Dezember 1989, vor genau 25 Jahren, fuhr der Niedersachse mit seinem Sohn in die DDR.

Auf einem Parkplatz bei Halberstadt stieß er nicht nur auf selbst gebackenen Zuckerkuchen, sondern fand Freunde fürs Leben.

Gänsehaut-Momente gab es viele in jenen Tagen und Wochen nach der Grenzöffnung. Man fiel wildfremden Menschen um den Hals, ließ sich mit Süßigkeiten und Bananen beschenken. Aber dass aus solch einem kleinen Moment der Freude und der überschwänglichen Begeisterung eine Freundschaft entsteht, die ein Vierteljahrhundert hält, das ist dann doch ein seltenes Glück. „Bei uns hält die Euphorie bis heute an“, sagt Detlef Wilck. Der 77-Jährige aus Peine erinnert sich noch ganz genau an den 24. Dezember 1989. Es war der erste Tag, an dem man ohne Visum als Wessi in den Osten durfte. „Mein Sohn, er war damals 19 Jahre alt und Soldat bei der Bundeswehr, und ich machten uns im VW-Bus auf den Weg in das unbekannte Land. An der Zonengrenze drückte uns ein plötzlich sehr freundlich gewordener Grenzpolizist eine Art Passierschein in die Hand und wünschte eine gute Fahrt.“

Detlef Wilck, damals 52, war neugierig auf das, was ihn erwarten würde. In West-Berlin aufgewachsen, hatte er öfter die DDR durchquert, wenn er später von Peine aus die alten Freunde besuchen wollte. Dabei durfte er natürlich nie die Transitautobahn verlassen. „Unerlaubtes Verlassen der Autobahn stand unter Strafe. Die einzige Freiheit, die wir hatten, war die, freundlich zu winken.“ Nun endlich würde er das Land kennen lernen. Vater und Sohn hatten am 24. Dezember 89 Halberstadt als Ziel auserkoren, um sich den Dom anzuschauen. „Heute erscheint mir das wie eine glückliche Fügung“, schreibt er in einem Text, der an jenen Tag erinnert. „Die Trabis und Wartburgs, die uns entgegen kamen, begrüßten uns mit Hupe. Man winkte sich gegenseitig zu, und es war eine Fahrt voller Freude. Wir fuhren wie auf Wolken durch dieses landschaftlich so schöne Land, das heute Sachsen-Anhalt heißt.“

Auf einem Parkplatz an der heutigen B81 wurden die Wilcks von zwei Männern in einem kleinen Wohnwagen begrüßt. Vater und Sohn Rzeppa aus Großalsleben hatten sich hier positioniert, nachdem Mutter Marlis im Radio gehört hatte, dass auf der Ostseite der Grenze manche Leute Stände aufgebaut hatten, an denen sie Schmalzbrote verteilten. „Macht euch doch auch auf den Weg“, hatte sie gesagt und als nette Begrüßungsgeste Kuchen gebacken und Tee gekocht. Sie selbst ist zu Hause geblieben, um das Weihnachtsessen vorzubereiten.

Vor eben jenem Wohnwagen hielten gegen Mittag die Wilcks. „Dort stand ein Schild mit der Aufschrift: Wir begrüßen die Bürger aus der BRD und laden zu einem kostenlosen Imbiss ein!“, erinnert sich Detlef Wilck. Gerührt von der Gastfreundschaft, stieg er mit seinem Sohn in den Wohnwagen und ließ sich den Zuckerkuchen schmecken. „Es war der beste meines Lebens. Er hat nie so gut geschmeckt wie damals, weder vorher noch jemals danach“, schwärmt Detlef Wilck. „Wir waren uns sofort sympathisch, unterhielten uns über den Wahnsinn der Mauer und sangen ein Loblied auf Gorbi.“

Gastgeber Herbert Rzeppa, heute 78 Jahre alt, erinnert sich ebenso gut an das Ost-West-Kaffeekränzchen im Wohnwagen. „Es hat zwischen uns einfach gepasst“, sagt er. Während sich andernorts nach solch warmherzigen spontanen Begegnungen die Wege für immer trennten, tauschten Wilcks und Rzeppas die Adressen aus und hielten über all die Jahre den Kontakt zueinander. „Uns verbindet seit jenem Heiligabend eine tiefe Freundschaft“, sagt Detlef Wilck.

Die Familien laden einander zu Feiern ein, treffen sich zum Essengehen irgendwo im Harz, plaudern am Telefon. „Wir sind einander eng verbunden, und das wird auch immer so bleiben.“ Während zu Hause in Peine seine Frau und die vier Töchter auf die Rückkehr der beiden Vermissten warteten, schaute sich Detlef Wilck mit seinem Sohn dann doch noch den Halberstädter Dom an. „Die Tür war verschlossen. Das verwunderte uns, denn es war ja Heiligabend. Aber man sah durchs Fenster eine Kerze leuchten. Wir haben geklopft, und der Küster hat uns aufgemacht.“

Um jenem besonderen Tag und dem Beginn ihrer Freundschaft ein kleines Denkmal zu setzen, hat Herbert Rzeppa vier oder fünf Jahr später auf dem Rastplatz an der B81 einen Pfosten aufgestellt und eine Plakette darauf angebracht. „Zur Erinnerung an einen glücklichen Tag“, steht auf dem kleinen Schild. Und: „Alles Gute, Sachsen-Anhalt.“ Die beiden Männer haben nicht gedacht, dass der Pfahl lange stehen würde. Irgendeine zuständige Behörde würde schon dafür sorgen, dass das unerlaubt aufgestellte Privatdenkmal wieder verschwindet. Aber der Pfahl steht noch immer. Gerade haben Detlef Wilck und Herbert Rzeppa mit ihren Frauen an jenem Rastplatz mit Glühwein auf die 25 Jahre angestoßen und einander erzählt, wie sie einst als Mauerspechte in Berlin unterwegs waren. Manchmal gibt es Geschichten wie diese eben doch. Geschichten, die von einem kleinen Wunder erzählen. Dana Toschner

 

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