Neben dem Mainstream

Handwerk gilt Künstlern gemeinhin als bloße Voraussetzung für Kunst. Dass beide sich nicht ausschließen und vielmehr gleichberechtigt nebeneinander stehen können, beweist das Quedlinburger Künstlerpaar Elvira und Ekkehard Franz seit Jahren.

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Von JÖRG LOOSE
Der Adventshof „Zum Blauen Stern“ liegt abseits, bleibt dem Quedlinburg-Besucher verborgen. Bei geschlossenen Fenstern und Toren vermutet der Spaziergänger hinter dem schlichten Gebäudeensemble nichts von Interesse. Doch wie so oft ist auch hier das Besondere hinter Unscheinbarem versteckt. Allerdings könnten Abgeschiedenheit und unbehelligte Ruhe – im normalen Alltagsleben ein Vorteil – im Weihnachtsgeschäft zum Nachteil werden. Denn während sich zwischen Markt und Schlossberg Busladungen von Weihnachtstouristen durch die Adventshöfe drängeln, geht es am Hof 3 tatsächlich beschaulich, fast besinnlich zu. „Das ist für uns schon lange kein Nachteil mehr. Vom ‚Zufallsfund’ über den ‚Geheimtipp’ haben wir uns zum festen Zielpunkt entwickelt“, berichtet Ekkehard Franz und seine Frau Elvira ergänzt: „Zu uns kommt, wer sich für den Hof am Konvent 27 und unser Angebot interessiert.“ Und das ist vor allem Spielzeug – Spielzeug aus Naturmaterialien wie Holz und Papier.


Beim Anblick der Holzpferde, Eisenbahnen, Kinder- und Puppenmöbel, Marionetten und Kreisel schlagen alle Herzen höher. Die der Kinder in Vorfreude und in wehmütiger Erinnerung die der (Groß-)Eltern. Wenn Digitalisierung und Technisierung zu heilsbringenden Götzen werden, ist diese Rückbesinnung nicht nur abseits jeden Mainstreams, sie ist fast schon revolutionär. „Idee, Entwicklung und Produktion – alles erfolgt in strikter Eigenregie und Handarbeit“, sagt der ‚Hofherr’. „Mit einer Ausnahme“, fällt ihm die ‚Hofdame’ lachend ins Wort. „Produziert wird erst, wenn der Spielzeug-Prototyp die härteste Prüfung und Qualitätskontrolle bestanden hat. Denn Enkel- und Nachbarskinder sind ausdauernd, streng und unerbittlich.“

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Robust und zugleich elegant, phantasievoll und doch zweckmäßig, fragil und trotzdem langlebig – eben allerbeste Handwerkskunst. Diese kindgerechte Perfektion kann ganz offensichtlich nur Ergebnis lebenslanger, leidenschaftlicher Fokussierung auf Spielzeug sein. Hier widerspricht der 1947 in Dedeleben geborene Pfarrerssohn Ekkehard Franz und seine Geschichte hat wenig Weihnachtliches.


Als bekennender Christ steckt der Jugendliche rasch in Gewissenskonflikten zwischen Glaube und staatlicher Doktrin. Nach dem Abitur absolviert er bei Eule in Bautzen eine Orgelbaulehre, sammelt Erfahrungen im Umgang mit Holz und Metall sowie in konstruktiver Gestaltung und Ausführung. Bereits hier werden Fundamente für den späteren „Spielzeugmacher“ gelegt. Aber er weiß, der Orgelbau ist nicht seine Berufung. Die liegt vielmehr in einer unberührt weißen Fläche. „Auf einem Blatt Papier kannst du beim Zeichnen und Malen eine ganze neue, vor allem eigene Welt erfinden. Phantasie wird Wirklichkeit.“ Der bisher nüchtern-wägende Bericht wird plötzlich lebendiger, ja leidenschaftlich, und die leichte Distanziertheit bröckelt. Durch die Tischlerwerkstatt im Erd-Geschoss führt er eine steile Treppe nach oben in sein Himmel-Reich, ein Mal-Atelier direkt unter dem Dach. „Malerei war, ist, wird immer meine große Liebe bleiben“, bekennt er und die Gemälde und Grafiken im Atelier geben ihm recht.


Aber zunächst bestimmt die Wirklichkeit der DDR-Realität sein Leben. Er wird Bausoldat, hat immer wieder mit staatlicher Repression zu kämpfen. Auf abenteuerlichen Pfaden ergattert er trotzdem den begehrten Studienplatz in Halle an der Burg Giebichenstein, schließt 1975 als Diplomdesigner ab und geht gemeinsam mit seiner Frau ins thüringische Bad Blankenburg. Doch (staatliche) Aufträge sind Mangelware. Als für die eigenen Kinder erste Spielzeughampelmänner und Schaukelpferde entstehen, ist endlich eine Nische gefunden. „Da konnten wir in den Augen der Obrigkeit den geringsten Schaden anrichten“, weiß Elvira Franz. Spielzeug sowie die Ausstattung von kompletten Kinderräumen und -gärten wird mehr und mehr zum Arbeitsschwerpunkt. 1979 zählen beide zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgruppe Kind-Umwelt, die eine künstlerische Begleitung und Umsetzung der pädagogischen Ideen Friedrich Fröbels und vor allem eine Aufwertung der DDR-typischen Plattenbau-Kitas betreibt.


Parallel dazu gibt Ekkehard Franz die Malerei niemals auf und ist vielfältig mit nationalen und internationalen Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen präsent. So schafft er es auch in DDR-Kunstausstellungen auf Bezirksebene. Freilich nur, weil wohlgesonnene Freunde allzu provokante Bildtitel entschärften. Während mit der Wende viele Künstler völlig einbrechen, hat der „Spielzeugmacher“ zunächst mit der Ausgestaltung von Kinderstationen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen weitere Entfaltungs- und Verdienstmöglichkeiten. Mit den zunehmenden Sparzwängen der öffentlichen Hand gehen diese aber mehr und mehr zurück. Da trifft es sich gut, dass Elvira von 1990 bis 2007 als Geschäftsführerin den Verband Bildender Künstler Thüringen leitet.


2007 wagen beide im Quedlinburger Hof des Großvaters einen kompletten Neubeginn. „Hofbesitzer in Quedlinburg? Als Kind war das für mich unvorstellbar“, gibt der Maler mit einem Lächeln zu Protokoll. Sind die Künstler Elvira und Ekkehard Franz also Spielzeugmacher aus Notwendigkeit und Hofbesitzer wider Willen? „Ganz so ist das nicht. Natürlich ist aus der einstigen Notwendigkeit ‚Holzspielzeug’ mittlerweile Leidenschaft und Berufung geworden. Spielen ist doch stets der Anfang! Spielend eignen wir uns das Neue, ja das ganze Leben an. Und spielend entwickle ich noch heute meine künstlerischen Ideen.“ Als Beleg zeigt der Maler kunstvoll gestaltete Schatullen und Holzobjekte von eigenwillig abstrahierter Schönheit.


Haus und Hof zeugen ebenfalls von der spielerisch gestaltenden Hand des Ehepaars. „Jeden Sommer verwandeln wir für sechs Wochen die Scheune in eine Galerie, in der den Quedlinburgern und ihren Gästen vorwiegend Kunst thüringischer Freunde und natürlich eigene Werke vorgestellt werden. Unsere Wurzeln nach Thüringen sind stark, aber wir kommen mehr und mehr in Quedlinburg an.“
Dem ist nichts hinzuzufügen. Mit ihrem Adventshof „Zum Blauen Stern“, der Malerei und dem Spielzeug sind sie bei den Quedlinburgern und deren Weihnachtsgästen lange angekommen.

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