Eine Werkstatt voller Geigen

Nur seiner Hartnäckigkeit und einer Staatsratseingabe hatte es der Wernigeröder Matthias Vorbrodt zu verdanken, dass er den Beruf des Geigenbauers erlernen durfte. Bis heute liebt er sein Handwerk. „Aus einem toten Werkstoff mache ich wieder etwas Lebendiges“, sagt er.

Von FRANK DRECHSLER und DANA TOSCHNER
Gefallen am Geigespielen hat Matthias Vorbrodt schon Mitte der 1980er Jahre an der Musikschule in Wernigerode gefunden. Auch beruflich sollte es später einmal in diese Richtung gehen. Seine Lehrerin an der Musikschule habe damals den Stein ins Rollen gebracht und ihm geraten, eine Lehre als Geigenbauer anzustreben. Warum auch nicht? Voller Hoffnung und mit einer Empfehlung der Lehrkräfte in der Tasche habe er sich dann beim VEB Musima in Markneukirchen im Vogtland beworben, erinnert sich Matthias Vorbrodt. Die Absage folgte prompt, es waren keine Lehrstellen mehr frei.

Hans-Wilhelm Vogt, Kulturpreisträger der Stadt Wernigerode und langjähriger Leiter der Kreismusikschule Wernigerode, habe ihm dann geraten, es mit einer Eingabe an den Staatsrat zu versuchen: „Schreiben Sie doch mal nach Berlin!“ Was dann auch tatsächlich funktionierte. Eigens für ihn sei noch eine weitere Lehrstelle geschaffen worden. 1987 schloss Matthias Vorbrodt die Ausbildung erfolgreich ab und arbeitete noch ein Jahr lang im Lehrbetrieb weiter. 1988 wurde dort der Studienzweig Handwerklicher Musikinstrumentenbau eingerichtet, der zur Fachschule für angewandte Kunst in Schneeberg gehörte. Nach seinem vierjährigen Studium bestand Vorbrodt 1992 an der Handwerkskammer in Chemnitz die Meisterprüfung zum Geigenbauer.

Der Werkstatt E. Seidl in Markneukirchen blieb er bis 1995 treu. Dann zog es ihn wieder zurück in den Harz. Am Eisenberg in Wernigerode kaufte Matthias Vorbrodt ein Haus, wo er bis heute wohnt und auch in einer kleinen Werkstatt arbeitet. „Ich habe eigentlich gleich den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt, ohne viel darüber nachzudenken.“ Das Umfeld war ja da, alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn gegeben – Musikschulen und Orchester oder private Musiker, die ihre Instrumente ebenfalls pflegen, warten oder reparieren ließen. Es habe sich einfach Stück für Stück weiterentwickelt, so Vorbrodt. „Anfangs habe ich im Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode sogar als Aushilfsmusiker die zweite Geige gespielt. Ab und zu jedenfalls. Ich denke, ich habe nicht zu viel Schaden angerichtet.“

Seine Kontakte baute Matthias Vorbrodt dann auch zur Musikschule nach Magdeburg aus. Dort bietet er regelmäßig eine „Geigendoktor-Sprechstunde“ im Konservatorium an. Auch in Niedersachsen ist der Name Vorbrodt längst nicht mehr unbekannt. Nachdem er sich dort schon früh dem Geigenbaubetrieb Rautmann, der 1844 in Braunschweig gegründet worden war, vorgestellt hatte, folgten den beruflichen Kontakten schnell auch private Freundschaften. 2008 verstarb mit Elfi Rautmann nicht nur die erste Frau an der Spitze des Unternehmens, sondern mit ihr auch die letzte Geigenbauerin ihrer Familie. Seit 2013 setzt Matthias Vorbrodt in Braunschweig die Unternehmensführung fort. An zwei Tagen pro Woche öffnet er dort die traditionsreiche Werkstatt.

Das alles ist natürlich längst nicht mehr allein zu schaffen. So arbeitet seit 2010 auch seine Frau Susan im Geigenbaubetrieb mit. Bereits 1996 haben sich beide bei einem Kirchgang kennen gelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Mittlerweile haben sie drei Kinder. „Beim Geigenbau habe ich meinem Mann anfangs öfter über die Schulter geschaut. Und so weit sind unsere Tätigkeiten ja auch eigentlich nicht voneinander entfernt. Als gelernte Zahnarzthelferin hatte ich sowieso schon mit kleinen Werkzeugen und filigranen Geräten zu tun. Später war ich nach meiner Arbeit in einer Röntgenpraxis immer in der Werkstatt tätig.“ Somit war die Festanstellung im Geschäft ihres Mannes nur ein folgerichtiger Schritt.

Sie weiß, wie zeitaufwändig der Bau einer Geige ist: Etwa 180 bis 200 Arbeitsstunden braucht es, bis das Instrument fertig ist. „Wenn man ein Instrument baut, hat man im Prinzip nur eine kleine Auswahl an Hölzern“, erklärt Matthias Vorbrodt. „Man verwendet für die Decke Fichte, für den Boden, die Seitenteile und den Hals Ahorn. Das Griffbrett, die Wirbel, der Saitenhalter und der Kinnhalter bestehen aus Ebenholz.“ Auf diese Hölzer greift man dann auch bei entsprechenden Reparaturarbeiten zurück. Wenn man Matthias Vorbrodt fragt, ob er als Musiker ein altes Instrument einem neuen vorziehen würde – schließlich sind die berühmtesten Geigen Jahrhunderte alt und Millionen wert – wiegelt er ab. „Die Ansichten sind sehr unterschiedlich. Natürlich hat eine Geige, die 300 oder 400 Jahre alt ist und von guten Musikern gespielt wurde, eine Geschichte. Aber dass man im direkten Vergleich wirklich Unterschiede hört, möchte ich nicht behaupten“, sagt er. Sogenannte Blindtests geben ihm recht: Bei den Versuchen haben professionelle Musiker in einem dunklen Zimmer auf alten italienischen Geigen und auf neuen Instrumenten gespielt – sie konnten die alten nicht am Klang erkennen.

Wie wichtig jeder Arbeitsschritt beim Geigenbau für die späteren Klang ist, das weiß Matthias Vorbrodt aus seiner jahrelangen Erfahrung. „Selbst unfachmännisch aufgetragener Geigenlack vermag den Ton einer Violine noch zu verderben“, sagt er. In seiner Werkstatt finden sich keine teuren Spezialmaschinen, beim Geigenbau geht es ums Handwerk. „Für mich ist das Schöne an diesem Beruf, dass man aus einem im Prinzip toten Werkstoff wieder etwas Lebendiges macht. Man hat den Baum, den man gefällt hat, der abgestorben ist – und wenn das Instrument fertig ist, bringt man es zum Klingen. Es entsteht etwas Neues und das eben auch für eine lange Zeit.“ Das Instrument selbst spielen zu können, ist für den Geigenbau unerlässlich. Manchmal, wenn er ein repariertes Instrument in der Werkstatt bei offenen Fenstern ausprobiert, gibt es Beifall von der Straße, erzählt er. Und hin und wieder erntet er selbigen auch auf der Bühne. Zusammen mit seinen Kindern hat er „Das unkomplette Streichquartett“ gegründet. Tochter Paula spielt die erste Geige, Vater Matthias die zweite, Jonas, der älteste Sohn, das Cello und Aaron, der jüngste, die Bratsche. „Unkomplett heißen wir, weil der Jüngste noch nicht alles mitspielen kann“, ergänzt Matthias Vorbrodt lachend.

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