Die Bergfolker

Eine Wernigeröder Mittelalter-Folk-Band spielt in der ersten Liga der Musikrichtung und wird sogar zu Auftritten auf der japanischen Insel Hokkaido eingeladen.

„Da haben wir unseren Jahresurlaub geopfert und sind nach Japan geflogen“, erzählt Steffen Blauwitz von der weitesten Tour, die die  Mittelalter-Folk-Band „Bergfolk“ aus Wernigerode auf die Nordinsel Hokkaido führte. Dort hat man in einem Vergnügungspark Deutschland nachgebaut. Deutsche Handwerker und Historie, da braucht es typische Musik. „Es war für uns eine interessante Erfahrung“, sind sich Steffen Blauwitz, Harald Kruft und Heiko Schilling einig.

Die drei sind keine Profimusiker, sondern Freizeitmusikanten, die neben ihren ehrenwerten Brotberufen auf der Bühne stehen. Im 31. Jahr tourt die Band, die einst als Liedertheater gegründet wurde, durch die Lande. „Und das werden wir weiter tun, so lange uns die Leute hören wollen“, versprechen die Musiker, deren Kalender weniger Lücken hat, als Auftrittsanfragen kommen. Doch die gestandenen Männer setzen auch eine klare Prämisse: Das Familienleben darf nicht ins Hintertreffen gelangen.
Seit genau 20 Jahren spielen die drei in dieser Besetzung. Und gehören damit nach „Liederjan“ aus Hamburg und „Horch“ aus Halle zu den ältesten deutschen Folk-Bands. „Als unsere Bands im vorigen Jahr 40, 35 und 30 Jahre alt wurden, haben wir ein gemeinsames Konzert geplant, das dann an Terminen scheiterte, aber wir sind in Kontakt. Das nächste Jubiläum kommt,“ ist sich Steffen Blauwitz sicher. Er spielt bei „Bergfolk“ 6- und 12-saitige Gitarre, E-Bass, Djembe, Dawul, Konzerttrommel, Waldzither und Gong, singt aber auch. Wie seine Mit-Folker Harald Kruft und Heiko Schilling spielt er auf historischen Instrumenten, die nachgebaut wurden. Dazu zählen Schalmei, Dudelsack, Gaita, Flöten, Whistle, Drehleier, Maultrommel, Brummtopf, Quika, Darabuka oder Zimbeln. Nur seine 1900er Laute ist ein Original, doch die nimmt er nicht mit auf die Bühne.
Von dort erklingen mittelalterliche Lieder und Tänze, internationaler Folk, bis hin zu eindrucksvollen Balladen, Sauf- und Gesellenlieder. Letztere seien eigentlich „aufgepeppte Volkslieder“. Das Repertoire von „Bergfolk“ ist riesig. „Wir haben schon mal vier Stunden durchgehämmert“, erinnert sich Steffen Blauwitz. „Wir können den ganzen Abend Musik machen, ohne auch nur einen Titel zu wiederholen.“ Sechs CDs entstanden unterdessen zwischen seriöser Berufstätigkeit und Auftritten. „Wir spielen auf Mittelaltermärkten, Stadtfesten, Betriebsfeiern, Geburtstagen, Trauungen sowie Scheidungen und allen anderen feierlichen Anlässen.In Extremfällen gibt es auch Schlagerparodien zu hören“, werben die Bergfolker für sich. Ihre Fans, ein Begriff, den sie nicht ganz so mögen, also Menschen, die ihre Konzerte immer wieder besuchen und die CD kaufen, beflügeln die Musiker. Oft spielen sie ein oder zwei Lieder zum Auftakt, dann können sie sich manchmal bei ihren Zweistunden-Konzerten vor Zurufen und Liederwünschen ihres Publikums kaum retten.
In Rudolstadt tritt „Bergfolk“ regelmäßig beim größten Folk-Roots-Weltmusik-Festival Deutschlands auf und sucht den Austausch mit anderen Musikern. Sie waren dabei, als sich in den 1990er Jahren Folk und Mittelalter mit der Moderne verbanden. „Schandmaul“ wurde zum Vorreiter des Mittelalterfolkrocks, moderne und historische Instrumente kreuzten sich, Dudelsack und E-Gitarre wurden ein Paar. Vor zehn Jahren wuchs dann „Bergfolk“ mit drei Halberstädter Rockmusikern zusammen. Heraus kam dabei die Projektband „Blocksperga“, mit der zwei der CDs entstanden. Da spiele man natürlich auf größerer Bühne und um einiges lauter. Doch die Hobby-Musiker von „Bergfolk“ hört und sieht das Publikum durchaus auch in anderen Konstellationen.
Der Veckenstedter Heiko Schilling ist solistisch als „Konrad der Spielmann“ unterwegs, Kruft und Blauwitz feiern am 17. November ihren fünften Geburtstag als „Cellart“. Dabei erklingt Irish Folk wie von der Grünen Insel. Steffen Blauwitz ist zudem Teil des Duos „LiedZweig“. Sein Partner ist dabei Rainer Hochmuth, der einst „Bergfolk“ mit gegründet hat. Neben Songs von Heinz Rudolf Kunze, Keimzeit, Hannes Wader und Gregor Meyle werden vor allem eigene Lieder präsentiert. „Es ist die Musik, die bleibt, wenn alles geht“, umreißt es Rainer Hochmuth.
Steffen Blauwitz, der in vielen Bands aktiv war, findet, dass Wernigerode eine gute Musikszene hat. Auch, wenn kaum jemand den Mut habe, das richtig zum Beruf zu machen. In seinem Haus mit Studio bietet er Musikern Platz, um an ihren Titeln zu feilen. Das verstehe er durchaus als Nachwuchsförderung. „Plötzlich hört sich das im Konzert Dahingehuschte beim dritten Studio-Durchlauf doch passabel an.“ Und irgendwie klingt dabei auch etwas Stolz auf das heraus, was sich die „Hobbyisten“ von „Bergfolk“ über Jahre aufgebaut haben. Uwe Kraus

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