Alles auf Anfang

Die Familie lebt sehr gesundheitsbewusst. Die beiden Yoga-Lehrer haben in Potsdam und Berlin gelebt, doch im Harz sind sie endlich näher an der Natur.

Eine Woche lang nur Kräutertee und Gemüsebrühe? Für Britta Lüerßen ist Fasten nicht schlimm. Im Gegenteil: Sie kann es vor allen Dingen Genussmenschen empfehlen. Denn das körperliche „Reset“ mache den Weg frei für ein gesundes und sinnlicheres Leben. Die Berlinerin ist so überzeugt vom Fasten, dass sie deshalb für ihr gesamtes Leben auf einen großen Reset-Knopf drückt: Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten eröffnet sie im Oktober in Elbingerode eine Fastenpension..


Von BIANCA KAHL
Noch ist es ruhig im alten Jugendgästehaus in Elbingerode. Die ehemaligen Eigentümer haben sich verabschiedet. Zum 1. März hatten sie den Betrieb der Jugendherberge eingestellt. Seither sind die Gästezimmer leer. Die kleine Wohnung in der ersten Etage haben die neuen Gastgeber bezogen. Britta Lüerßen mit ihrem Lebensgefährten Clemens Falke und Töchterchen Lisa. Das sieben Monate alte Baby liegt im einstigen Speisesaal im Laufställchen neben gestapelten Stühlen. Direkt davor Papas Yogamatte und eine große Teetasse. Der Frühstückstisch ist noch nicht abgedeckt. Es gab Croissants und Dinkelbrot.

Dieses Jahr zur Fastenzeit konnte Britta Lüerßen nicht auf feste Nahrung verzichten – sie hat gestillt. Seit 2003 fastet sie regelmäßig und auch Clemens Falke, Yoga-Lehrer aus Potsdam und Berater für ayurvedische Ernährung, ist bestens damit vertraut.Beide leben sehr gesundheitsbewusst. Ihr Alltag wird bestimmt von Energiearbeit, der Suche nach innerem Frieden und natürlichen Behandlungsmethoden. Nur eine Sache wollte damit bisher nicht recht harmonieren: das stressige Umfeld in ihren Wohnorten – den Städten Berlin und Potsdam. Das Paar sehnte sich nach einem Leben näher an der Natur.

Vor einiger Zeit bot der 47-Jährige in seinem Studio mal einen Kurs der ganz anderen Art an. Er machte es zum täglichen Anlaufpunkt für Fastende – mit den passenden Yoga-Übungen, Kräutertees, Naturheilkunde und viel Zuspruch. Denn in der Gruppe fällt Fasten einfach leichter. Das Ganze kam richtig gut an und machte auch ihm selbst viel Freude. Seither stand für das Paar fest: Das ist es, was wir tun wollen!

Gleichzeitig würde es der werdenden Familie endlich ein ruhigeres Leben auf dem Land ermöglichen. So absolvierte die Heilpraktikerin eine Zusatzausbildung als Fastenleiterin und die Idee einer eigenen kleinen Fastenpension wurde geboren. Am liebsten im Harz. Denn dort ist Britta Lüerßen schon oft gewandert.

Der Harz punktet durch die zentrale Lage zu Städten wie Berlin, Hamburg, Hannover, Göttingen und Magdeburg, wo die beiden ihre mögliche Kundschaft sehen: Gestresste Städter, die wie sie selbst die Nähe zur Natur suchen, als Gegenentwurf zu ihrem Alltag. Menschen, die mal entschleunigen, etwas für ihre Gesundheit tun und entgiften möchten. Wo ginge das besser als in einem Häuschen mitten im Wald?

Die Jugendherberge bei Elbingerode mit 18 Schlafräumen und Blick ins Grüne ist immer ein beliebtes Ziel für Schulklassen, Wandergruppen und Familien gewesen. Weil die bisherigen Inhaber bereits im Rentenalter sind, suchten sie nach jemandem, dem sie den Staffelstab übergeben können. Britta Lüerßen und Clemens Falke wurden über ein Internetportal auf die Immobilie aufmerksam.

„Noch versprüht unser ‚Waldhäuschen‘ den Charme der 50er Jahre“, scherzt der neue Hausherr und führt durch das Gebäude. Hier soll sich noch viel verändern. Aus den 18 Schlafräumen mit Sammelduschen werden 9 Doppelzimmer, jeweils mit eigenem Bad. Der Speisesaal soll sich in einen Seminarraum verwandeln, dafür die Gastroküche in einen Speiseraum und die Küche zieht in zwei kleinere Zimmer um. Wände und Fußböden werden restauriert, in den Keller kommt eine Sauna.

Etwa 200  000 Euro möchten die neuen Eigentümer in ihren Traum investieren. Dabei erhalten sie ein bisschen Auftrieb von der Investitionsbank – in Form von rund 70  000 Euro aus dem Fördertopf „GRW“. Das ist die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ – ein Förderprogramm des Landes. Es unterstützt Investitionen in Betriebsstätten in Sachsen-Anhalt, die Arbeitsplätze schaffen oder sichern. Auch touristische Vorhaben können profitieren.

„Zum Glück sind wir in unserem Freundeskreis mit vielen Menschen gesegnet, die uns helfen werden“, sagt Britta Lüerßen angesichts der großen Vorhaben. „Und auch viele von unseren bisherigen Kunden sind schon neugierig, wo es uns hinverschlagen hat. Sie werden bestimmt bald bei uns einkehren.“

Im Oktober soll dererste Yoga-Kurs starten und im nächsten Frühjahr die erste Fastenwoche.„Villa Viriditas“ soll die einstige Jugendherberge dann heißen. Nach Hildegard von Bingen bedeutet das so viel wie „Grünkraft“. Gemeint ist eine universelle, heilende Energie aus der Natur.

Britta Lüerßen zählt ein paar Beispiele auf, was sie zukünftig in Elbingerode anbieten möchte: Reiki, Hatha-Yoga, Shiatsu und Familienstellen als psychotherapeutische Beratung. Außerdem Behandlungen mit Bachblüten sowie Breuß- und Fußreflexzonen-Massage. Doch im Mittelpunkt werden mehrere Fastenmethoden stehen: Von Otto Buchinger, der ausschließlich Kräutertee, Gemüsebrühe und Fruchtsäfte verschrieben hatte, über das sogenannte Basenfasten bis hin zu Fastenarten, die auf Hildegard von Bingen zurückgehen.

„Immer mehr Menschen entdecken das Fasten für sich“, hat Britta Lüerßen beobachtet. „Natürlich. Denn es ist einfach eine schöne Methode, um zur Ruhe zu kommen, den inneren Arzt anzuschalten und alles auf Anfang zu setzen.“ Evolutionär betrachtet sei es sogar eine Notwendigkeit, weil unsere Vorfahren immer wieder mit „mageren Zeiten“ konfrontiert gewesen und deshalb auch der Körper des modernen Menschen noch voll darauf eingestellt sei.

Auch kulturell sei Fasten Tradition. So habe der berühmte Arzt Hippokrates von Kos schon 400 vor Christus die Vorteile benannt. Beim Vollfasten werde der ganze Stoffwechsel umgestellt, der Körper müsse an seine Reserven gehen und baue dabei auch eingelagerte Schadstoffe ab. Danach würde man sich nicht nur besser fühlen, sondern auch viel stärker genießen können, weil die Sinnesorgane wieder empfindsamer sind. Langfristig können sich die beiden sogar vorstellen, einen Mediziner mit ins Boot zu holen, um Heilfasten für kranke Menschen anbieten zu können.

„Was es bei uns aber auf jeden Fall geben wird, sind Yogaferien, bei denen wir alle gemeinsam lecker kochen. Und dann essen wir auch mal so richtig gut!“, schließt Clemens Falke das viele Reden vom freiwilligen Verzicht ab und steckt sich genüsslich das letzte Stück Dinkelbrot in den Mund. Töchterchen Lisa lächelt.

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