Ein Hof mit Geschmack

Hans-Günter Demmel und seine Frau Christa erweckten den Vierseitenhof in Rohrsheim zu neuem Leben. Wer sich Zeit zum ausgiebigen Verkosten der Bio-Produkte nimmt, kann sich im 4-Sterne-Gästehaus gleich ein Zimmer reservieren.

Auf den ersten Blick wirkt Hans-Günter Demmel, unterdessen jenseits der 75, wie ein knorriger Landwirt. Fachkundig führt er über den Pollandshof in Rohrsheim, der einst den Urgroßeltern seiner Frau Christa gehörte. Irgendwann hat er mal Landwirtschaft studiert, doch Profi ist er später als Zahlen-Mensch geworden. Noch heute spürt man seine Vergangenheit und 25-jährige Erfahrung als kaufmännischer Chef eines Großunternehmens. Klar strukturiert wirkt sein Tun zwischen Demmelschen Streuobstwiesen, dem traditionsreichen Vierseitenhof in Rohrsheim und den Kellern, in denen wahre Schätze lagern, bis es Zeit ist, sie auf Flaschen zu ziehen.

Was von Streuobstwiesen an Bruch, Huy und Harz sowie von den Feldern des Harzvorlandes stammt, wird seit zehn Jahren zu Bio-Köstlichkeiten: erst als Fruchtaufstrich, später in Form von Feinölen, Likören und Edelobstbränden. Sie tragen das Markenzeichen „Typisch Harz“. Seit 2010 darf in der Destille im ehemaligen Kuhstall gebrannt werden. „Das Feinschmecker-Magazin ,Slow Food’, die Zeitschrift für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion und bewusste Ernährungsweise im deutschsprachigen Raum, kürte bei der Probe 2015 einen Rohrsheimer Whisky zum besten deutschen des Jahrgangs“, berichtet Senior Hans-Günter Demmel, dessen Sohn Thomas unterdessen die Unternehmensfäden in der Hand hält, mit Stolz. Die Wände ziert der Reigen von -zig Bundesehrenpreisen für die Produkte von Casa Culina, der kleinen Manufaktur an der Straße, die durch Rohrsheim gen Dedeleben führt. „Es ist doch so, dass jeder sagt, sein Produkt sei gut, sei bio und so weiter. Bloß das Sagen allein reicht nicht. Qualität soll gerade bei dem, was wir trinken und essen, zertifiziert sein.“ Demmel winkt ab und hält eine Liste hoch. „Es gibt ganze Postleitzahlgebiete, die in den Zertifizierungslisten gar nicht vorkommen.“ Er machte sich ein Motto zu eigen, dem er hartnäckig treu bleibt: „Gut sein reicht nicht. Man muss sehr gut sein.“ Der Familienbetrieb auf dem Pollandshof von Rohrsheim offenbart Geschmack. Wer sich Zeit zum ausgiebigen Verkosten der Bio-Produkte nimmt, kann sich im 4-Sterne-Gästehaus gleich ein Zimmer reservieren. Das steht auf den Mauern eines Wehrturms aus dem 8. Jahrhundert und lädt in einen Gewölbekeller aus dem 13. Jahrhundert ein. Die Bauweise erinnert an die Kunst früherer Meister. So wie das von Ulf Böttcher betreute Bauern-Museum im Hof rund 3000 Original-Gegenstände zeigt: eine Tischlerwerkstatt, Buttermodeln, Kaffee- und Milchkannen, Werkzeuge, Spinnräder. Über die Vielfalt staunen jeden Monat rund 200 Gäste – Schweden, Schweizer und Holländer ebenso wie Besucher aus Eisenhüttenstadt, Braunschweig und Halberstadt, wohin die Familienbande von Christa Demmel zur Namensgeberin des Schraube-Museums gehen. Im Haupthaus laden fünf stilgerechte Gästezimmer zum Erholen ein. Wer aus dem Fenster schaut, erlebt, wie ökologisch angebaute Sauerkirsche, Pflaume, Johannisbeere, Quitte, Jostabeere, Himbeere, Erdbeere, Mirabelle, verschiedene Apfel- und Birnensorten, aber auch in Wildsammlung geerntete Wildkirsche und Holunder, angeliefert und schnell verarbeitet werden: Für die Liköre nur aus einer Frucht und Destillat, beim Fruchtaufstrich mit Bio-Zucker versetzt. Die Geschmacksrichtungen hier gibt die Natur vor. „Nur eine Ausnahme machen wir: Die Nüsse von unseren 500 Walnussbäumen. Weil die keine Kohlenhydrate haben, veredeln wir sie mit französischem Cognac.“ Für das Öl kaufen Demmels teilweise Früchte zu, nach strengen Qualitätsstandards. Der Senior-Chef erklärt die kleinen Tricks, die oft den Verbraucher täuschen. „Als kaltgepresst gilt alles, was bis 99 Grad verarbeitet wird. Bloß bei den Temperaturen gehen Enzyme und viele gesunde Bestandteile flöten.“ So achtet er streng darauf, dass Früchte und Öle beim Pressen nicht auf über 40 Grad erhitzt werden. „Das machen wenige Betriebe, denn bei den guten Temperaturen holt man ein Drittel weniger Ausbeute raus.“ Im Keller reift Whisky – ein Blend aus Getreide des Biohofes. In Holzfässern gereift „besticht der Fallsteiner Whisky durch Harmonie und natürlicher Farbe“, urteilen die Kenner. Fässer aus Weißeiche, die in Kentucky wächst und aus heimischer Eiche, füllen den Keller. „Für gute Fässer muss man heute schon Klimmzüge machen“, weiß Hans-Günter Demmel. Einige von ihnen sind schon dadurch veredelt, dass früher in ihnen Wein – Riesling, Silvaner und Burgunder – oder Cherry lagerte. Drei, vier Jahre reift hier Fallsteiner Premium Blend, Single Cask Malt und Superior Vintage, bevor der Whisky in formschöne Flaschen gefüllt wird und mit dem Etikett versehen wird, das den Opa Polland zeigt, nach dem der Hof seinen Namen hat. In Supermärkten und Handelshäusern findet man die Rohrsheimer Erzeugnisse jedoch nicht. Vor Ort, im Internet, in den Klöstern Drübeck und Huysburg sowie in manchen Hotels zwischen Huy, Braunschweig und der Autostadt Wolfsburg schon. Ob er ein Lieblingsprodukt vom Hof habe? Bei der Antwort wirkt der Senior-Chef zurückhaltend. „Wir bieten bestimmt für jeden Geschmack etwas. Da will ich keine Empfehlungen geben. Einfach kosten.“

Uwe Kraus

Wir nutzen Cookies und Google Webfonts. Mit der weiteren Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies und Google Webfonts verwenden.
Weitere Informationen Einverstanden