Die Geschichten finden mich

Eigentlich wollte Kathrin Hotowetz mit den Hexen aufhören. Aber immer neue mystische Geschichten finden den Weg in ihren Kopf. Nach rund 50  000 verkauften Büchern ihrer Harz-Saga kann man die Halberstädterin ohne zu übertreiben Erfolgsautorin nennen. Dabei hatte ihr das anfangs kaum jemand zugetraut.

Als Kathrin Hotowetz vor fünf Jahren ihr Erstlingswerk unter den Arm klemmte und durch die Buchläden der Region zog, um die Händler dafür zu begeistern, erntete sie eher mitleidige Blicke. Schon wieder eine, die ein Buch geschrieben und es im Eigenverlag veröffentlicht hat. Noch so ein Staubfänger. Ein Buchhändler sagte ganz offen: „In meinen Regalen ist dafür kein Platz. Sie können sich glücklich schätzen, wenn Sie 100 Stück davon verkaufen.“

Dass er sich geirrt hat, weiß er inzwischen. Genau wie der Verleger, der ihr Manuskript ablehnte. Letzterem ist ein ordentliches Geschäft durch die Lappen gegangen. Vom Erstling „Hexenring“ wurden inzwischen 18  000 Exemplare verkauft. Das Buch war der Auftakt der Reihe „Im Schatten der Hexen“, die es ingesamt auf fast 50  000 verkaufte Bücher bringt. Für eine Autorin ohne großen Verlag und die entsprechende PR-Abteilung im Rücken eine eindrucksvolle Zahl.
Kathrin Hotowetz und ihr Lebensgefährte Axel Steinbach machen alles selbst. Sie besuchen ständig Buchhändler, wickeln private Bestellungen ab, fahren regelmäßig zur Druckerei um Nachschub zu besorgen, organisieren Lesungen und den Auftritt bei der Leipziger Buchmesse. Neuerdings beliefern sie sogar eine Supermarktkette. „Das ist echt viel Arbeit“, sagen die beiden. Aber sie wissen: Es ist ein Luxus, vom Schreiben leben zu können, der den wenigsten Autoren vergönnt ist. „Naja, vom Schreiben und von der Vermietung unserer Ferienwohnungen“, räumt Kathrin Hotowetz ein.
Lange Zeit war sie in Wernigerode als Centermanagerin der Altstadtpassagen angestellt, aber den Job hat sie Ende 2014 aufgegeben. >>> „Es war einfach zu viel. Ich wollte mein Leben entstressen. Klar hatte ich Bedenken, wie ich ohne festes Gehalt zurechtkommen würde. Aber letztlich musste ich mich zwischen meiner Gesundheit und der Sicherheit entscheiden.“ Seitdem laufe ihr Leben langsamer, sie fühle sich nicht mehr so gehetzt.
Sie sitzt an einem schattigen Tisch im Garten ihrer „Geistmühle“, schenkt grünen Tee ein und genießt den Moment. Das Haus ist 800 Jahre alt, liegt idyllisch am Stadtrand in der Nähe des Halberstädter Sees und ist nicht nur der Ort, an dem ihre Geschichten entstehen, sondern auch ein Schauplatz der Handlung. „Hier wohnt Gerda Hoffmann, eine ältere Dame mit Hang zum Übersinnlichen. Sie spürt, dass die Hexen zurückkehren werden, um im Harz ihr Unwesen zu treiben“, sagt Kathrin Hotowetz. „Als plötzlich auf mysteriöse Weise im Harz Kinder verschwinden, braucht die Polizei Gerdas Hilfe.“
Das war der Ausgangspunkt ihres ersten Buches. Genau wie in jenem verschwimmen auch in den Folgebänden, die allesamt im Harz spielen, die Grenzen von Fantasie und Wirklichkeit. Es geht um geheime Zeichen, um uralte Rituale, um Mythen und unheimliche Rätsel. Die meisten Orte gibt es tatsächlich und den Handlungen liegen geschichtliche Ereignisse oder Überlieferungen zugrunde. „Wer vermag schon zu sagen, was real ist und was Fantasie?“, fragt Kathrin Hotowetz und schaut auf eine der steinernen Elfen, die in ihrem Garten sitzt, als könnte sie eine Antwort geben.
Der Harz mit seinen Mythen und Sagen führt die 51-Jährige immer wieder in seltsame Gefilde. Wenn Leser sie fragen, wie viel Wahres in ihren Büchern steckt, dann sagt sie: „Gehen Sie an einem nebligen Novemberabend über das Hochmoor oder durch die einsamen Wälder des Harzes. Entfernen Sie sich nur ein wenig von den Wegen und Sie werden glauben, dass alles wahr ist.“
Es gibt Orte, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagen. Und Orte, an denen sie ein „Kribbeln unter den Fußsohlen“ und im Bauch spürt. „Es ist dort nicht gruselig, sondern ich spüre den Geist einer alten, für uns heute verborgenen Zeit, der noch immer lebt und wirkt. Vielen geht das im Dom oder anderen Kirchen so, bei mir ist es oft an Naturplätzen.“ Sie fühle sich dann wie in einem Märchen. „Der Ort will mir seine Geschichte erzählen und ich höre zu.“
Wenn sie an einem neuen Buch arbeitet, geschieht äußerlich erstmal lange Zeit nichts. Monatelang findet die Arbeit nur in ihrem Kopf statt. Sie denkt nach, spinnt Handlungsfäden, bevor sie anfängt, zu schreiben. „Das geschieht erst, wenn es nicht mehr in meinen Kopf passt. Wenn die Geschichte zu komplex wird, muss sie raus aufs Papier.“
Am liebsten schreibt sie im Herbst und im Winter. Und ist dabei ziemlich diszipliniert: Fünf Seiten sind ihr Tagesziel, wenn es gut läuft, werden es auch mal 20. Ihr Lebensgefährte versorgt sie mit Nüssen, Stollen und anderem Süßkram, während sie mit ihrem Laptop auf dem Bügelbrett im Wintergarten sitzt und tippt. „Ich nehme pro Buch fünf bis zehn Kilo zu“, erzählt sie lachend und verrät noch ein weiteres Kuriosum: „Ich lasse während des Schreibens gern Horror- und Fantasyfilme laufen. Das inspiriert mich.“
Sie hat keine Angst davor, dass ihr Kopf eines Tages leer geschrieben sein wird. Und es lähmt sie auch nicht, dass die Fans ihrer Bücher natürlich mit großen Erwartungen an die Neuerscheinungen herangehen. Es muss spannend sein, neu sein, muss liebgewonnene Charaktere enthalten und darf den vorangegangenen Teilen nicht nachstehen. „Den Erwartungsdruck kann ich ausblenden. Wenn ich loslasse und Vertrauen in mich habe, dann kommen die Ideen von selbst“, schildert die Autorin. Ihr Erfolgsprinzip sei, dass sie am Anfang selbst nicht weiß, wie die Geschichte am Ende ausgeht. „Die Leute wollen ein Rätsel, sie wollen überrascht werden von dessen Lösung und nicht schon am Anfang wissen, wie es ausgeht.“
Nach dem vierten Band „Hexenjagd II – Der Eibenspiegel“ hatte sie eigentlich beschlossen, das Hexenthema beiseite zu schieben und sich an etwas Neuem zu versuchen. Aber die Leser wünschten sich eine Fortsetzung. Und es kamen Leute auf Kathrin Hotowetz zu, die sie an mystische Orte führten. An die eindrucksvolle Ruhmesquelle am niedersächsischen Harzrand zum Beispiel und nach Questenberg im Südharz, wo man ein altes heidnisches Ritual pflegt. „Da wusste ich, dass ich weiterschreiben muss“, sagt sie. „Ich bin überzeugt davon, dass in meinem Leben nicht alles Zufall ist. Ich werde geführt und lasse mich leiten. Ich suche die Geschichten nicht. Es ist vielmehr so, dass sie mich finden.“
Nun liegt seit dem Frühsommer der fünfte mystische Harz-Thriller von ihr vor: „Mitternacht im Garten des Todes“. Es ist der Auftakt zum Mitternachtszyklus, im Herbst 2017 soll die Fortsetzung folgen. Erstmal aber darf sie sich über die Komplimente ihrer Leser freuen und auch darüber, dass die Bücher den Harz-Tourismus beflügeln. Auf Amazon schreibt jemand: „Niemals bin ich nach der Lektüre von anderen Büchern auf die Idee gekommen, mich auf den Weg zu machen, die beschriebenen Schauplätze zu erkunden. Hier hatte ich den Eindruck, nicht anders zu können.“ Ein anderer Leser lobt: „Man darf es ja vielleicht spätestens jetzt doch sagen: Irgendwie ist es mittlerweile der ,Herr des Ringe’ des Harzes.“

Dana Toschner

Wir nutzen Cookies und Google Webfonts. Mit der weiteren Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies und Google Webfonts verwenden.
Weitere Informationen Einverstanden