Liebe auf den ersten Blick

Viele Holländer lieben den Harz, aber Marie Mens liebt die Gegend ganz besonders. Sie und ihr Mann Anton haben sich Ende 1990er Jahre in den Bahnhof in Dedeleben verguckt. „Als wir das Gebäude zum ersten Mal sahen, stand unser Entschluss fest: Hier wollen wir wohnen. Es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Marie Mens.

Die Holländer sind ein reiselustiges Völkchen. Viele sind angetan von der Harzer Landschaft, den Menschen und nicht zuletzt den alten Gebäuden. Marie und Anton Mens bilden da keine Ausnahme. Die Büroangestellte und der Lokführer sind seit Jahrzehnten Fans alter Eisenbahnen. Sie und ihre beiden Töchter lieben alles, was damit zu tun hat. So führten ihre Reisen immer wieder auch an verschiedene Orte Europas. Dorthin, wo die Region immer auch noch ein bisschen his­torische Eisenbahngeschichte atmet. So, wie an vielen Stellen in Deutschland eben. Einmal Eisenbahner, immer Eisenbahner.

Bis zum Bahnhof in Dedeleben allerdings war es ein langer Weg. Den fand Familie Mens erst über Umwege und Zufälle. „Zunächst waren wir ja ganz und gar auf Schottland orientiert, wo die Eisenbahn auf eine sehr interessante Geschichte zurückblicken kann.>>> Wir sind mehrmals dort gewesen und hätten dort wohl auch versucht, ein Gebäude wie beispielsweise einen Bahnhof zu erstehen. Dann aber kam alles ganz anders.“ Eine Freundin hatte plötzlich mit einer Zeitung in der Hand in der Tür gestanden und auf eine Annonce hingewiesen. Bahnhof in Dedeleben in Sachsen-Anhalt zu verkaufen, stand darin zu lesen. Also, nichts wie los. Sachen gepackt, 500 Kilometer Autobahnen und Landstraßen in gut fünf Stunden abgespult. Und dann geschaut, gestaunt und sofort verliebt. „Genau so war es. 2002 haben wir den Bahnhof mit ein bisschen Grundstück drumherum dann gekauft. All unsere Ersparnisse haben wir in den alten, im Jahre 1891 erbauten, Bahnhof gesteckt“, erzählt Marie Mens. Die beiden haben das Haus saniert und renoviert. „Viele in der Region dachten zunächst, dass hier ein Puff einziehen würde. Als klar war, dass wir hier wirklich wohnen wollten, haben die Leute gedacht, wir sind verrückt, weil wir uns so etwas aufhalsen.“ Aber: Sie haben keine Stunde Arbeit und Aufwand bereut. Wochenende für Wochenende sind sie hergefahren, haben Mauern und Decken hergerichtet, das Dach ausgebessert und vieles, vieles andere mehr. „Wir haben Accessoires und Möbel zusammengetragen, es uns schön gemacht. Die Arbeit hat sich gelohnt. Ich bin stolz auf unser kleines Idyll am Ortsrand.“ Der Bahnhof kann sich wahrlich sehen lassen. Das Ehepaar hat das Haus nicht kaputt saniert, sondern mit Herz und Verstand behutsam Hand angelegt und so den ursprünglichen Charakter erhalten. Fußböden und Türen wurden liebevoll aufgearbeitet, die jahrzehntelange Nutzung sieht man ihnen nicht mehr an. Vom alten Haupteingang aus gelangt man zunächst in eine Diele. Trachten, Accessoires, Möbel und mehr weisen auf die holländischen Wurzeln der Familie hin. Weiter geht’s vorbei an großen Bücherregalen ins Wohnzimmer. Man steht mitten im ehemaligen Wartesaal. Wo früher Menschen auf ihre Züge warteten, sitzt man heute gemütlich beim Tee auf dem Sofa. Alles passt zueinander. Die hohe Decke, der Kronleuchter und der restaurierte Kachelofen erinnern an eine längst vergessene Zeit. An jene Zeit, in der Bahnhöfe noch Mittelpunkt städtischen und auch dörflichen Lebens waren. Aber auch die Küche kann sich sehen lassen. Hier befand sich früher einmal der Aufenthaltstraum für das Bahnhofspersonal. Heute wird hier gekocht und gebacken, wenn Marie Mens sich Freunde eingeladen hat. Tritt man auf den einstigen Bahnsteig, steht man mitten im Garten. Direkt an der ehemaligen Bahnsteigkante. Blumen, vor allem aber Kräuter, gedeihen hier. Die letzten Gleise wurden von der Bahn erst 2013 abgebaut, die höheren Bahnsteige sind geblieben. Der Fuchs und auch ein paar Rehe schauen öfter mal vorbei. Das niederländische Paar wollte seinen Lebensabend hier eigentlich bis ins hohe Alter gemeinsam verbringen. Der Krebs machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Nach schwerer Krankheit verstarb Anton Mens vor nicht allzu langer Zeit. Ein Schicksalsschlag, der eine große Lücke hinterlässt. Eine Rückkehr in die Niederlande kommt für Marie Mens aber trotzdem nicht Frage. Eine der beiden Töchter hat es mittlerweile nämlich ebenfalls in den Harz verschlagen: Sie hat sich in Danstedt einen alten Bauernhof gekauft, den sie dort mit ihrer Familie nach ihren Vorstellungen gestaltet. „Ein paar gemeinsame Jahre waren es ja doch, die mein Mann und ich hier genießen durften. Sie waren schön, wirklich schön. Schon deshalb zieht man nicht einfach wieder weg. Und schon gar nicht, wenn man sich in so ein Gebäude wie unseren Bahnhof erst einmal verliebt hat.“  Frank Drechsler

Wir nutzen Cookies und Google Webfonts. Mit der weiteren Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies und Google Webfonts verwenden.
Weitere Informationen Einverstanden