In einer anderen Welt

„Ich versuche, in ihren Schuhen zu gehen, mit ihren Augen zu sehen“, sagt Anja Kozourek. Sie arbeitet mit verwirrten alten Menschen, versucht sie zu verstehen und ihre Signale zu deuten. Ihr Tun kann nicht nur den Demenzkranken selbst helfen, sondern eröffnet auch ihren Angehörigen neue Sichtweisen.

Manchmal schreit Elisabeth Heinemann laut auf. Es klingt, als hätte sie Wut auf irgendetwas. Die alte Dame sitzt mit geschlossenen Augen in ihrem Rollstuhl, hält die Hände ineinander verkrampft und bekommt nicht mehr viel von ihrer Umwelt mit. Zumindest scheint es so, denn wie es in der 82-Jährigen aussieht, was sie fühlt, weiß letztlich nur sie selbst. Schon seit zwei Jahren kann sie nicht mehr sprechen. Elisabeth Heinemann ist dement, in einem fortgeschrittenen Stadium.

Anja Kozourek besucht die alte Dame, die im Seniorenzentrum Krüger, einem Pflegeheim in Halberstadt, lebt, regelmäßig. Dabei sind die beiden nicht verwandt. Sie spricht ganz ruhig mit ihr, streichelt ihre Wange, legt ihr behutsam ein Fühlkissen in die Hände, an dem es verschiedene Dinge wie Knöpfe und Reißverschlüsse zu ertasten gibt. „Das mag sie“, sagt Anja Kozourek. „Dann fängt sie manchmal an, ganz tief und gleichmäßig zu brummen. In solchen Momenten ist sie zufrieden.“ Dass Elisabeth Heinemann trotzdem plötzlich ganz unvermittelt aufschreit, beunruhigt sie nicht. „Sie will erzählen, uns etwas mitteilen. Das ist jetzt ihre Art der Kommunikation.“
Marlis Ratai nickt. Die 62-Jährige ist die Tochter von Elisabeth Heinemann und kümmert sich seit acht Jahren um ihre Mutter. „Ich bin dankbar, dass ich Anja getroffen habe. Ich habe so viel von ihr gelernt.“ Als sie damals von einem Arzt die Diagnose Demenz hörte, wusste sie nicht, was das für ihre Mutter bedeuten würde. „Man steht erstmal völlig allein da. Ich habe mir Bücher über das Leben mit Demenz geholt, Filmreportagen geguckt. Aber ich war mit der Diagnose einfach überfordert“, sagt sie ganz offen.
Heute ist die Krankheit Teil ihres Alltags geworden. Jeden Nachmittag fährt sie nach der Arbeit ins Pflegeheim, um ihrer Mutter Gesellschaft zu leisten. Wenn sie ins Zimmer kommt, stellt sie sich vor. Jeden Tag aufs Neue. „Ich bin’s, Marlis, deine Tochter“, sagt sie und beginnt den Rollstuhl langsam vor und zurück zu schieben, wie es junge Mütter mit einem Kinderwagen tun. „Ich muss versuchen, ruhiger zu werden und nicht so viel auf Mutti einzureden“, hat sich Marlis Ratai vorgenommen. Das fällt ihr schwer, sie ist eine rührige, quirlige Frau. Wenn sie beobachtet, wie einfühlsam Anja Kozourek mit ihrer Mutter umgeht, ist sie beeindruckt. „Manchmal stellt sie sich nur vor sie hin und hält ihr eine Hand an die Wange. Meine Mutti wirkt dann ruhig und die ganze Situation entspannt. Wenn Anja da ist, tut das ihr gut.“
Mit alten Menschen zu arbeiten, ist Anja Kozoureks Passion. Sie hat Altenpflegerin gelernt, aber bald gemerkt, dass ihr das nicht reicht. „Ich möchte demente Menschen besser verstehen lernen und ihren Angehörigen und Betreuern Wege zeigen, wie man Stress vermindern, Geborgenheit vermitteln und Verständnis schaffen kann“, sagt sie. Als sie der amerikanischen Sozialarbeiterin Naomi Feil begegnet ist und Workshops bei ihr belegt hat, war sie von deren Methode so begeistert, dass sie sie unbedingt selbst erlernen wollte. „Man nennt das, was ich tue, Validation. Jemanden zu validieren, bedeutet, seine Gefühle anzuerkennen, ihn nicht verändern zu wollen, ihn wertzuschätzen und ihm in seiner Welt zu begegnen“, erklärt sie.
Im Umgang mit Dementen ist das für Angehörige und Pfleger alles andere als einfach. Wie reagiere ich, wenn mein 88-jähriger Vater vehement behauptet, dass es nachts immer in sein Bett regnet, obwohl er ganz offensichtlich inkontinent ist? Was sage ich meiner Mutter, die unbedingt heim zu ihrer Mama möchte, obwohl sie selbst schon 90 und ihre Mutter seit vielen Jahren tot ist?
Vermeintlich normale Reaktionen wie „Du hast doch selbst ins Bett gemacht“ oder „Du weißt doch, deine Mutter ist schon lange tot“ würden einen Demenzkranken nur aufregen und wahrscheinlich gegen den Pfleger oder die Angehörigen aufbringen, meint Anja Kozourek. Sie hat in ihrer Ausbildung zur Validations-Workerin gelernt, nicht zu korrigieren, sondern zu akzeptieren. „Ich nehme die Gefühle der verwirrten Menschen ernst. Ich akzeptiere sie, diskutiere nicht, lüge nicht und lenke nicht ab. Denn sie mögen zwar in einer anderen Welt leben, aber ihre Gefühle sind real.“
Sie fragt Anteil nehmend nach, ob es jede Nacht ins Bett regnet und ob die Mutter sich gut um die Kinder kümmert. „Man kann die Krankheit nicht aufhalten, aber wenn man den Betroffenen mit liebevollem Respekt begegnet, erweist man ihnen einen großen Dienst“, ist sie sich sicher. „Ich öffne mein Herz und fühle, was der Mensch an diesem Tag in diesem Moment braucht.“
Durch ihre Methoden erreicht Anja Kozourek, die selbstständig arbeitet und von Angehörigen oder Pflegeeinrichtungen stundenweise engagiert wird, auch jene Demenzkranken, zu denen andere kaum mehr Zugang finden. „In einem Heim lebte ein alter Mann, der aggressiv gegenüber den Pflegern war und sich weigerte, im Bett zu schlafen. Er legte sich immer nur auf den Boden. Ich habe mit ihm gearbeitet. Es war nicht einfach, aber ich konnte mit ihm kommunizieren und die Situation schließlich für alle Beteiligten verbessern“, erzählt sie.
Dass demente Menschen wütend und aggressiv sind, ihre Betreuer beleidigen, komme oft vor. Sie verletzen ihr Gegenüber, meinen aber eigentlich jemanden aus der Vergangenheit. Sie schreien, schlagen oder beißen. Emotionen, die man viele Jahre unterdrückt hat, entladen sich am Ende des Lebens unkontrolliert. Wenn Anja Kozourek Angehörigen erklärt, was hinter dem Verhalten steckt, nimmt das Stress aus der belastenden Situation. „Ich verstehe mich da auch ein Stück weit als Dolmetscherin“, sagt sie. Für Marlis Ratai und ihre demenzkranke Mutter ist die Validations-Workerin inzwischen zu einer wichtigen Stütze geworden. „Es ist gut, dass wir uns gefunden haben“, sagt Marlis Ratai. „Meine Mutter ist hier im Pflegeheim sehr gut aufgehoben, das Team kümmert sich ganz toll. Und das, was Anja noch zusätzlich mit meiner Mutter macht, gibt mir als Tochter neue Kraft.“   Dana Toschner

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