Ohne Feuer keinen Tee!

Ein Überlebenstrainer nimmt Großstadtmüde am Harzrand mit in die Natur: René Golz hat 16 Jahre in Spanien gelebt, dann entschied er sich, gemeinsam mit seiner Partnerin in den Harz zu ziehen. Im Wald bei Benneckenstein lebt er seinen Freiheitsdrang aus.

René Golz und seine Lebenspartnerin Sandra Boschke betreiben in Benneckenstein ein Suvivalcamp. Auf einer gepachteten Waldfläche von 20 Hektar am Pfeifenberg nahe der Waldschneise nehmen sich die beiden seit Ende 2014 nicht nur Großstadtmüder an. Auch Derjenigen, die sich der totalen Reizüberflutung in der heutigen Zeit entziehen und den scheinbaren Annehmlichkeiten der Zivilisation entsagen wollen. Die Nachfrage wächst ständig. René Golz: „Von Hartz IV bis zum Prof. Dr. ist alles hier dabei.“ Er weiß auch warum.

Reizüberflutungen „lauern“ an jeder Ecke. Lärm, Licht und Stress belasten heute nicht Wenige in ihrem Alltag oder Berufsleben. Das alles belastet, ja kann sogar krank machen. Viele suchen abseits der Zivilisation nach Möglichkeiten, dem zu entfliehen, sich zu erden. René Golz weiß wie. Er sagt seinen Gästen vor der Anreise, dass sie außer Schlafsack, Taschenlampe, Messer und einer ISO-Matte nichts mitzubringen brauchen. Er sorgt mit genau so wenigen Utensilien dafür, dass niemand hungern muss, ein Dach über dem Kopf hat und nicht frieren muss. Eines müssen alle Teilnehmer aber lernen: Wer mit wenigen Mitteln Essen zubereiten möchte, das braucht ein bisschen Geschick und vor allem Geduld. Pizzaservice anrufen ist hier nicht. Der Überlebenstrainer nimmt seine Tourteilnehmer zuerst mit ins „Gebiet“. „Die Plätze, wo wir lagern werden, suchen sich meine Kunden selber aus. Ich gebe vor allem Tipps, was sie dabei beachten sollen. Welches Holz gebraucht wird, wo und wie wir Hütten bauen auch.“ Das ist für die meisten schon das erste Aha-Erlebnis. Als Allererstes wird aber eine Erdmulde in Trichterform ausgehoben, die später als Kochstelle dient. Darin wird ein Feuer entzündet und brennt so lange, bis die Erde hier richtig heiß ist. Zwei Stunden braucht das schon mal. Dann wird in große Blätter eingewickeltes Fleisch hineingelegt, zugedeckt und gewartet, bis alles gar ist. So wie früher, als im Herbst vielerorts zur Erntezeit Feuer brannten und in der Glut Kartoffeln gegart wurden. Ein Art des Kochens aus der Steinzeit, die sich prinzipiell bewährt hat. Es wird nicht nur am Feuer gegrilltes Stockbrot dazu gegessen, sondern auch schon mal Würmer, Maden oder Insekten. „Wir kennen das aus anderen Kulturkreisen. Gerade Insekten haben sehr viele Proteine. Im asiatischen Raum oder in Afrika sind das Delikatessen. Dazu kochen wir aus Fichtennadeln Tee, der sehr viel Vitamin C hat. Dann sind eigentlich alle schon rundum glücklich.“ Golz bietet seine Aktivitäten im Rahmen von 24-Stunden-Trainings (beginnen immer gegen Mittag) bis hin zum 5-Tage-Kurs an. Eines ist immer gleich: der erste Tag steht ganz im Zeichen der Infrastruktur. Da wird gebaut was das Zeug hält. Hütten, Sitzgelegenheiten, Feuerstätte. „Wenn der erste am zweiten Tag frierend aufwacht, geht’s los. Feuermachen. Denn: Kein Feuer, keinen Tee! Kräuterkunde steht ebenso auf dem Programm. Auch Golz ist jedes Mal selbst Feuer und Flamme und mit Haut und Haar dabei. Das hat seinen Grund. 1988 wurde der gebürtige Hallenser wegen Republikflucht hinter Gitter geschickt. 265 Seiten dick ist seine Stasi-Akte, er hat sie sich als Buch binden lassen. List manchmal darin. Dann kommen Erinnerungen hoch. Vor allem aber eine Erkenntnis. „Das Eingesperrtsein war für mich der Grund meinen Freiheitsdrang seitdem auszuleben. Nachdem die Bundesrepublik Deutschland mich für 40000 DM freigekauft hatte, verschlug es mich nach Osnabrück, wo ich Sandra kennenlernte. Wir wanderten Ende der 1990er Jahre nach Spanien aus. Nach 16 Jahren kehrten wir aber zurück. Die Wirtschaftskrise dort unten traf viel ist hart, sehr hart. Solche sozialen Sicherungssysteme, die viele hier selbstverständlich hinnehmen und trotzdem meckern, so etwas gibt es in Spanien nicht.“ Nach der Rückkehr hat Golz zunächst als Fliesenleger (...das kann ich richtig gut!) im süddeutschen Raum gearbeitet. Und immer mal wieder in den Wald hineingeschnuppert, wie er sagt. Drch einen Benneckensteiner Freund ist er auf den Harz aufmerksam geworden. Hat immer wieder mal regelmäßig Flächen nahe Sorge gebucht, um hier Survivaltouren anzubieten. Die Nachfrage war enorm. Als dann noch ein kleines Haus am Ortsrand zum Verkauf stand, bekam Benneckenstein ein paar Wahlharzer dazu. Frank Drechsler

 

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