Eine Woche ohne

Seit 15 Jahren kommen Menschen zum Fastenwandern in die Jugendherberge Thale. Die Autorin Elke Binas hat sich für HARZZEIT mit knurrendem Magen auf den Weg gemacht. Ein Erfahrungsbericht.

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Warum tue ich mir das an? Diese Frage kreist in meinem Kopf, während ich mich schnaufend Stufe für Stufe den beschwerlichen und steilen Weg hinauf zum Hexentanzplatz kämpfe. Es zwickt in den Oberschenkeln, die Puste wird knapp. Dabei ist noch nicht einmal die Hälfte des Wegs geschafft. Ich habe seit gestern nichts gegessen – was den Anstieg nicht leichter macht. So wie mir geht es vielen der 45 anderen Frauen und Männer, die an diesem Sonntagnachmittag zur ersten gemeinsamen Wanderung aufgebrochen sind. Aus allen Teilen Deutschlands – vom Bodensee bis Nordfriesland, von Guben bis Aachen – sind sie nach Thale gekommen, zum Fastenwandern in der Jugendherberge im Bodetal.

Der nachmittägliche Aufstieg ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Herausforderungen der kommenden Tage. Das wird uns nach der Rückkehr in die Jugendherberge schnell klar, als Wanderleiterin Gabi Nendel das Wochenprogramm erläutert. Auf sechs Wanderungen werden wir die schönsten Ecken in der Region erkunden und dabei täglich um die 20 Kilometer zurücklegen. Zu Fuß natürlich und mit nichts im Bauch als unserem Tee, eine Woche lang. Fastenwandern halt. Dass das funktioniert, hat sie in den vergangenen 15 Jahren hier schon Hunderten Gästen gezeigt – „und auch ihr werdet das können“, sagt sie.

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Manch einem in der Runde steht die Skepsis ins Gesicht geschrieben – dabei sind beim Fasten eigentlich nur zwei Regeln zu beherzigen: regelmäßig abführen und viel trinken. Den viel zitierten Leberwickel brauchen wir nicht, entscheidet Gabi: „Unser Leberwickel heißt Bewegung!“ Sie bevorzugt das Fasten nach Dr. Otto Buchinger. Das bedeutet, dass die Auswahl an Tees, die uns in den kommenden Tagen erwartet, noch ergänzt wird durch frisch gepresste Obst- und Gemüsesäfte und eine abendliche basische Gemüsebrühe. Die gar nicht so schlecht ist, wie wir kurz darauf beim ersten gemeinsamen Abendessen feststellen.

Die Köchinnen der Jugendherberge Thale sind in ihrer Zubereitung mittlerweile echte Profis: Seit 2004 schon verpflegen sie die Fastengruppen, die zweimal jährlich – immer Anfang März und Anfang November – anreisen und hier eine im Wortsinne unbeschwerte Woche verbringen möchten.

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Welche Gründe meine Mitwanderer hierher geführt haben, erfahre ich in den Gesprächen, die sich in den nächsten Tagen beim Laufen schnell ergeben. Nach frühzeitiger Bettruhe und einem ausgiebigen Tee-Frühstück sind wir gemeinsam durchs wildromantische Bodetal in Richtung Treseburg unterwegs. Füße und Augen haben mit dem laubbedeckten Weg und der grandiosen Kulisse der Felsmassive genug zu tun, aber unsere Köpfe sind frei und die Neugier aufeinander ist groß: Hast du schon mal gefastet? Warum bist du hier? Das sind die Fragen, die an diesem Morgen untereinander wohl am häufigsten gestellt werden. 

Antje aus Schleswig-Holstein beispielsweise kannte den Harz bislang nur von seiner westlichen Seite und nahm das Angebot der Jugendherberge vor allem als Chance wahr, auch mal den Ostharz zu entdecken. „Hier ist die Natur ja noch viel schöner!“, schwärmt sie. Rena, die als Österreicherin die weiteste Anreise hatte, sieht die Tour als Gelegenheit, ihre Wanderfreundin Elvira wiederzusehen, die sie auf dem Jakobsweg kennengelernt hatte. Michael, der Jugendherbergsleiter aus Thale, möchte am eigenen Leib erfahren, was seine Gäste immer wiederkommen lässt, und Hans-Jürgen, der älteste Teilnehmer der Gruppe, wandert sowieso gern und viel. „Und weil ich auch ein bisschen Speck auf den Rippen habe, dachte ich, dass ich das mit dem Fasten ja mal ausprobieren könnte“, ergänzt der 81-Jährige.

Nach reichlich neun Kilometern haben wir unser Zwischenziel Treseburg erreicht. Von Hunger keine Spur – allenfalls ein kleines Grummeln im Bauch. Mit einem Schluck Tee und dem Löffel Honig, mit dem wir uns täglich einmal belohnen dürfen, ist das schnell besiegt. Für den größten Teil der Gruppe geht es nun über den Hexentanzplatz zu Fuß zurück. Die anderen nehmen den Bus, ihnen genügt die zurückgelegte Distanz fürs erste.

Wanderleiterin Gabi hat damit kein Problem. „Alles kann, nichts muss“ ist eine Devise der Mittsechzigerin – und für diese Woche auch unsere. Auch ein Zitat aus Hermann Hesses „Siddharta“ begleitet uns: „Jeder kann zaubern, jeder kann seine Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er fasten kann.“

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Gabi Nendel möchte Angebote machen – von der Sorte, wie sie sie selbst gern in Anspruch nehmen würde. Das hat sie gelernt, viele Jahre stellte sie in einem Reisebüro in Göttingen Touren durch alle Welt zusammen. Eine eher zufällige Teilnahme an einer Fastenwanderung in Frankreich brachte sie auf das Thema, das sie nicht mehr losließ. Sie durchlief eine Ausbildung zur Fastenwander-Leiterin und konnte fortan ganz besondere Abenteuerreisen anbieten – nämlich die, mit denen man zu sich selbst findet. Heute begleitet sie sechs- bis achtmal im Jahr ihre Gäste auf diesem spannenden Weg, und traditionell bilden die Woche im Frühjahr und Herbst in der Jugendherberge Thale den Auftakt und Abschluss ihres Jahresprogramms.

Gabi erinnert sich gern an den Beginn dieser Zusammenarbeit: Schon sehr schnell nach dem Mauerfall hatte sie die östliche Seite des Harzes kennen- und lieben gelernt. Die langjährigen Herbergs­eltern Kerstin und Ronald Krause zeigten sich aufgeschlossen, als ihnen die kleine drahtige Frau aus Göttingen ihre Idee präsentierte, die Jugendherberge Thale zum Ausgangspunkt regelmäßiger Fastenreisen zu machen. Trotzdem, gesteht sie lachend, habe es noch einiger Auseinandersetzungen bedurft, ihr Konzept vom puren Wandern und puren Fasten, ohne viel mystischen oder gar spirituellen Schnickschnack, auch umsetzen zu können. 

Der Erfolg gibt ihr Recht. Auch auf unserer Tour sind einige Frauen und Männer dabei, die regelmäßig wiederkommen: Frank und Karina aus der Lausitz beispielsweise seit vier Jahren, Silke aus Offenbach sogar schon zum neunten Mal – was alle als Liebeserklärung an ihre Wanderleiterin und an die Region verstanden wissen wollen.

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Am nächsten Tag haben wir alle ordentlich Muskelkater. Gabi hat ein einfaches Rezept dagegen: einfach weiterlaufen! Und es klappt: Wir gehen in dieser Woche noch über die Rosstrappe nach Blankenburg und zurück, über die Teufelsmauer nach Quedlinburg, durchs Selketal und zum Kloster Michaelstein. Ich bleibe von der viel zitierten Fastenkrise glücklicherweise verschont. Bei manchem aber verursacht die Umstellung des Stoffwechsels auf „Selbstversorgung“ in den ersten Tagen Kreislaufprobleme oder Kopfschmerzen, vor allem bei abruptem Koffeinentzug. 

Wer sich an die Regel hält, viel zu trinken, staunt mit jedem Tag mehr, was der Körper doch zu leisten vermag und wie wenig er uns mit Hungergefühlen quält. Im Gegenteil. Die Stimmung wird besser, je länger wir unterwegs sind, denn wir fühlen uns leicht und frei und stolz. Dabei behauptet man gemeinhin doch immer, Hunger würde böse, aggressiv und mürrisch machen. Ich spüre davon nicht die Bohne. 

Am letzten Fastentag gehen wir noch einmal den Weg zum Hexentanzplatz hinauf. Viel leichtfüßiger als vor sechs Tagen laufen die meisten von uns den steinigen Pfad nach oben. Die Frage, warum ich mir das antue, stellt sich auch mir nun nicht mehr. Nichts zwickt mehr, der Atem ist regelmäßig. Bin ich etwa leichter geworden? Oder fitter? Wohl beides!

Als wir zur Mittagszeit an der Ruine der Lauenburg eintreffen und die mitgebrachten Äpfel aus den Rucksäcken gekramt werden, trifft mich ein Gefühl, das ich so nicht erwartet hätte. Nicht Heißhunger auf den lang ersehnten Genuss ist es, sondern ein leises Bedauern: schon vorbei, die schöne Zeit, schade! Trotzdem lässt sich keiner von uns lange bitten und genießt andachtsvoll die krachende, saftige Süße des Fastenbrechens.

Aber damit lässt man uns noch nicht ziehen. Unserer Wanderleiterin ist es wichtig, dass wir auch die nächsten Schritte gut begleitet gehen. Darum gehört zu jeder ihrer Fasten-Wander-Wochen auch eine ausgiebige Ernährungsberatung und ein wunderbares erstes Frühstück kurz vor der Abreise. Am Abschiedsabend zeigt die Küche zunächst noch einmal, dass sie nicht nur Fastensuppe kochen kann. Herbergsleiter Michael Hesse lässt es sich nicht nehmen, die Salatteller persönlich aufzutragen. Ich schaue ihm zu und staune leise vor mich hin. Es ist unglaublich: Diese Woche Auszeit vom Alltag macht ausgeglichener, ausgeruhter – und entpuppt sich für mich tatsächlich als der erholsamste Urlaub das Jahres.

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