Sich selbst begegnen

Die Wasserleberin Tina Siebeck lädt in ihr besonderes Kräuterlädchen ein und lässt sich vom Leben ihren Weg zeigen. Wer zu ihr kommt, der hat sich auf seinen eigenen Pfad gemacht.

Ja, ich hätte sie gerne kennengelernt“, sagt Neu-Hausherrin Tina Siebeck über ihre Vorgängerin Minna, nach der das Haus in Wasserleben benannt ist. „Minneken Hus“ steht mitten im Dorf und doch ist es eine Insel. Oma Minna wäre in diesem Mai 102 Jahre alt geworden. Oma Minnas Schwägerin, unterdessen selbst 88 Jahre alt, lud im Mai 25 Familienmitglieder an ihre Lebensstätte ein, in der jetzt Tina Siebeck mit ihrem Mann lebt.

Fünf Kinder hat die 41-Jährige, die auch schon gefragt wurde, ob sie auch bei der Kräuterhexe arbeite. Die Frau lacht und brüht einen Oma-Minna-Fröhlich-Tee. „Wir sind hergekommen und haben unseren Platz gefunden“, erklärt sie. Von Anfang an haben die Siebecks ihr Hoftor offen gehalten, so dass jeder sehen konnte, was mit „Minneken Hus“ passiert. Nämlich erstmal nichts. 2009 kam die Familie. „Wir haben zwei Jahre gewartet, bis uns das Haus sagte, was es will. Dann begannen wir.“ Außer dem Waschschrank gab es nicht mehr von Oma Minna, keine Vorlagen von den Zimmern. Nur der Wunsch durchdrang sie, „Platz zu schaffen, um anzukommen und sein zu dürfen.“ Irgendwann, als sie mal wieder zum Tag des offenen Denkmals ihre Türen weit aufsperrten, erkannten die Besucher das Heim von Minna in dem, was Siebecks geschaffen haben, wieder. Viele kamen während des Baus, schauten über die schultern, sagten was oder gingen wieder. Das ließ keine Ängste vor den Fremden aufkommen. Ihr Mann stammt aus Hüttenrode. Das, was die Familie nicht allein stemmen konnte, dafür suchte er sich Firmen aus dem Ort. Zur Einweihungsfeier luden die Siebecks alle Mithelfer ein.
Irgendwie ist die Schamanin Tina Siebeck, die schon einmal Oma ist und Kräuterseminare hält, Reiki praktiziert und Kraftplätze an der alten Quelle und anderswo kennt, der Oma Minna sehr nah, ohne mit ihr verwandt zu sein. Deren Hof sei immer ein Ort der Begegnung gewesen, bis zum Lebensende habe sie die Wirtschaft allein geführt, dazu Schwiegermutter und Schwägerin gepflegt. Tina Siebecks Lieblingsplatz ist die Hausschwelle, wo sie gerne sitzt. Oma Minna kannten die Dorfbewohner nur an drei Plätzen: den Hof, den Garten und das Küchenfenster. Von dort aus hielt sie stets einen Schwatz mit den von der Arbeit Kommenden. Ein schweres Schicksal trug sie, sagen die Leute, und dass sie nie gejammert, sondern immer gelächelt habe. Sie kannte Heilquellen und hat jedes Jahr Osterwasser geschöpft. „Vielleicht sollte das gegen Haut- und Augenprobleme helfen, die die Landwirtschaft mit sich gebracht haben“, denkt Tina Siebeck. Irgendwann erzählte ihr jemand, auf dem Hof gab es die erste Gewerbeanmeldung in Wasserleben. Es ging um geistreiche Getränke. „Geistvolle biete ich in meinem Kräuterlädchen nicht“, weist sie auf die Regalreihen. „Nur Tinkturen nach Hildegard von Bingen und die Bachblüten-Essenzen, alle 38 und die Harzer Blüten dazu.“ Sie setzt sich auf das grüne Sofa, dorthin, wo oft ihre Gäste zum „Durchschnaufen“ Platz nehmen. Dort redet Tina Siebeck mit ihnen, nicht über die Bauchschmerzen, sondern über das, „was da im Bauch grummelt und hinter den Schmerzen liegt.“ Das Sofa schafft Vertrauen und lädt zum Wohlfühlen ein wie das ganze „Minneken Hus“. Die Frau in der lockeren Kleidung lacht. „Das Monstrum hat mir mein Staatsbürgerkundelehrer geschenkt.“, verrät sie. Man stand sich damals in den Weimarer Jugendjahren nicht besonders nah, aber irgendwann erkundigte der sich bei den Eltern nach ihr und bot das Sitzmöbel für deren besonderes Haus an. Im Lädchen riecht es nach dem, was der Name verspricht. Unzählige Dosen mit Einzelkräutern säumen die Wände. Zum 90 Prozent sind die im Harz gesammelt. Abgepackte Tees sucht man vergebens. So wie der Fröhlich-Tee - Schlüssel-, Gänse-, Sonnenblume, Veilchen, Malve und Rose - wird hier alles auf der Waage selbst angemischt. „Wenn der Heilpraktiker aufschreibt, zehn Gramm davon, zwanzig Gramm davon und nochmal zehn von etwas anderem, dann schütteln viele Apotheken den Kopf und fordern Mindestmengen“, berichtet Tina Siebeck und schaut auf ihre Zutatenliste.
So intensiv wie in ihrem Kräuterlädchen duftet es nur noch in der alten Knechtskammer. Hier steht ein ganz besonderes Bett. Von ihm aus kann der Schlafende das belebende oder beruhigende Aroma der aufgehängten Kräutersträuße inhalieren. Im „Minneken Hus“ wohnt dieser Genuss, diese Stille, die Achtsamkeit. TV, Radio, Internet - Fehlanzeige, und der Handy-Empfang sei zum Glück „grottenschlecht“. Herzstück des Hauses ist die Küche, in der kein Elektroherd sondern ein alter Ofen steht. Daneben liegen die Holzscheite, Teelicht füllen einen Korb. Plötzlich liegt die moderne Zivilisation ganz weit fort und jemand müht sich, das Feuer zu entfachen und am Brennen zu halten. Allein der Wasserkocher und der Kühlschrank sind hygienisch notwendige Zugeständnisse. „Hier fühlen sich viele Gäste wie bei Oma, können ihre Sorgen abfallen lassen, gleiten zurück in jene fast vergessene Geborgenheit“, charakterisiert Tina Siebeck die Atmosphäre. „Da knistert der Ofen, das Teewasser ist warm, die Füße werden hochgelegt. Da interessiert niemanden der Schlafanzug.“ wer zu ihr kommt, will die Notbremse ziehen, bevor Burnout oder Ddepression auf dem Diagnose-Zettel steht. „Wer hier ankommt, erlaubt sich, zu seinen eigenen Wurzeln zurückzukehren“. Das heißt, Nähe zu finden und Abstand. „Das kommt nicht hoppla am heimischen Frühstückstisch, da passiert vorher etwas. Vielleicht nimmt man immer stärker war, wie oder eben wie man selbst nicht mehr ist.“
Fasten, Reinigen, Schweigen, stundenlang durch die Natur streifen, in einem der fünf Betten liegen und schlafen, sich im Bad wohlfühlen, wo zur inneren die äußere Reinigung kommt. Manchmal kommen Pilger vorbei, den einst stand hier an der Via Romea“ eine Kapelle, die Siebecks als Miniatur auf ihren Hof gebaut haben und in der Tag und Nacht eine Kerze leuchtet und Menschen empfängt. Tina Siebeck ist sich sicher, „Das Leben zeigt uns den Weg.“ Wer zu ihr kommt, der hat sich aufgemacht. Sie selbst folgte lange nicht dem Ruf ihrer inneren Stimme. Vor ihrem „Minneken Hus“-Leben machte sie 15 Jahre einen Lebensstopp als Vermögensberaterin in Wernigerode. „Hier in Wasserleben habe ich den Platz gefunden, um zu schauen, welchen weg ich zurückgelegt habe, hier finde ich einen Ort zum Sammeln und zum Schauen, wohin mich meine Pfade noch führen könnten.“ Plötzlich könne sie sich selbst begegnen
Tina Siebeck steht dazu: „Minneken Hus“ ist ein hoch spiritueller Ort. Auch wenn in der Werkstatt ihres Mannes mit Kindergruppen gebastelt wird, hier „Love-Keys“-Konzerte auf dem Hof stattfinden. Gäste bestätigen ihr, „hier herrscht eine Stille, die man aushalten kann.“ Viele finden hier die Antwort auf die zu selten gestellte Frage, was man im Hier und Jetzt braucht. Uwe Kraus
www.minnekenhus.de