Helfen statt hetzen

In was für einem Land leben wir eigentlich? Diese Frage stellt sich HARZZEIT-Autorin Dana Toschner. Sie begleitete die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation in die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber, sah traurige Szenen und traf Helfer, die Angst vor Anfeindungen haben.

ZASt-Besuch in Halberstadt. Dieser Bilder graben sich einem tief ins Herz. Gleich hinter der Schranke hocken Flüchtlinge auf dem Boden und starren ins Leere, ihr ganzes Hab und Gut um sich gestapelt. Die meisten haben ihre Kleider in Müllsäcken verstaut, nur wenige konnten in der Kleiderkammer einen Koffer ergattern. Ein Mann sitzt in einem Jogginganzug auf der Erde, mit dem Rücken an einen Container gelehnt.

In der Hand hält er zwei trockene Scheiben Toastbrot – offensichtlich sein Frühstück. Die Menschen mussten am Morgen ihre Zimmer verlassen und warten nun auf ihre Busse. Sie werden auf die Gemeinden in anderen Landkreisen Sachsen-Anhalts verteilt. Die Reise ins Ungewisse geht weiter. Wird es besser? Wird es schlimmer? Wird das erhoffte neue Leben endlich anfangen? Oder wartet am Ende wieder ein Zelt-Schlafplatz und ein Dixie-Klo? Cathleen Brand, die Caritas-Chefin im Landkreis Harz, kennt diese Szenen. Sie ist oft hier und strahlt in all dem Chaos Gelassenheit aus. „Ich versuche, meinen Mitarbeitern ein Fels in der Brandung zu sein. Aber glauben Sie mir, diese Ruhe ist nur äußerlich. Innerlich rast mein Herz“, sagt sie und lächelt tapfer. Ihre festangestellten Mitarbeiter und die ehrenamtlichen Helfer sind zunehmend mit ihren Kräften am Ende. Sie sind erschöpft, brauchen eine Auszeit, aber es ist kein Ende des Flüchtlingszustroms in Sicht. Essenmarken, Zahnpasta, Duschbad, Windeln und Kleiderspenden müssen verteilt werden. Auseinander gerissene Familien sollen wieder vereint, kranke Menschen zum Arzt gebracht, Kinder beschäftigt und Deutschkurse organisiert werden. Die Caritas-Räume im Erdgeschoss von Block C sind längst zu klein geworden. Auf dem engen, fensterlosen Flur ist die Luft so stickig, dass man kaum atmen mag. Familien und junge Männer warten dicht gedrängt auf einen Termin beim arabisch sprechenden Dolmetscher. Er versteht ihre Probleme, kann erklären, wie das Asylverfahren in Deutschland funktioniert und nachfragen, wohin sie der angekündigte Transfer-Bus bringen wird. Ein kleines Mädchen mit einer großen lilafarbenen Bommelmütze sitzt zwischen den Wartenden und lächelt. Sie hatte bis eben keine warmen Schuhe, nur ein Paar Badelatschen. Aus den Spenden im Caritas-Zelt hat die 11-jährige Syrerin dicke Winterstiefel gefischt. Ein Glücksmoment, wie geschaffen für ein Foto. Der Vater stimmt schüchtern zu und fragt, ob das Probleme geben könnte: „No problems?“ Journalisten kommen nur noch mit Genehmigung des sachsen-anhaltischen Innenministeriums auf das ZASt-Gelände. Deshalb dringt wenig nach außen. Dabei sind es diese Bilder, die durch das Land gehen müssten. Diese Bilder schreien nach Hilfe, erzeugen Mitgefühl und nehmen die Angst vor der vermeintlichen Bedrohung. Das Mädchen mitten im November in ihren Badelatschen. Die Familie, die am Boden zwischen parkenden Autos ihr Mittagessen aus Suppenschüsseln löffelt. Die Männer, die beim Deutschkurs im Zelt an den Biertisch-Garnituren sitzen, eifrig in ihre Schulhefte schreiben und laut im Chor mitsprechen, als die Lehrerin sie auffordert. Sie ist eigentlich gar keine Lehrerin, sie macht das ehrenamtlich und hat sich einfach überlegt, welche Vokabeln die wichtigsten sind für den Start in Deutschland. Jede Woche kommt sie für zwei Stunden, um zu unterrichten, aber ihren Namen möchte die engagierte Frau nicht in der Zeitung sehen. „Ich habe Angst vor Anfeindungen. Ich erzähle nicht mal allen Bekannten und Verwandten davon, was ich hier mache“, sagt sie. Auch eine Helferin aus der Kleiderkammer schüttelt den Kopf: „Kein Foto und kein Name, bitte. Ich bin alleinerziehend und wohne im Erdgeschoss. Dass ich hier helfe, soll lieber nicht in die Öffentlichkeit.“ Man kann diese Ängste für übertrieben halten. Man kann sich aber auch eine Frage stellen, die nicht mehr aus dem Kopf will: In was für einem Land leben wir eigentlich? In einem Land, in dem die Reifen am Auto einer Hilfsorganisation zerstochen wurden. In einem Land, in dem Ehrenamtliche von Beschimpfungen berichten. In einem Land, in dem Menschen sich für ihre Menschlichkeit verstecken? Dana Toschner