Buchstabensüchtig

Anka Brüggemann ist ein „Anonymer Bookoholiker“. Naja, anonym freilich nicht so ganz. Aber mit der Sucht nach allem, was mit Büchern zu tun hat, braucht sich die Wahl-Quedlinburgerin ja auch nicht zu verstecken.

Morgens um 10, wenn die Sonne versucht, den Nebel zu vertreiben, ist es noch ruhig im „Quartier 7“. Der romantische Kunsthandwerker-Hof in der Nähe des Quedlinburger Rathauses wirkt verschlafen. Aber es wird nicht lange dauern, bis der erste Schwung Touristen das Kleinod entdeckt. Zwischen Filzmanufaktur und Kleinkunstbühne haben sich eine Keramikerin, eine Silberschmiedin, ein Glasbläser und zwei Modemacherinnen niedergelassen. Anka Brüggemann fühlt sich wohl in der Gemeinschaft dieser kreativen Köpfe: „Morgens trinken wir oft erstmal zusammen einen Kaffee.“

Auf ihr Geschäft „Die Buch Bar“ wird man vor allem durch die weinrote Telefonzelle aufmerksam, die vor dem Eingang steht. Darin kann man zwar schon lange nicht mehr telefonieren, dafür aber auf Schatzsuche gehen. „Es ist eine Büchertauschzelle. Jeder kann sich daraus ein Buch kostenlos mitnehmen, wenn er im Gegenzug ein eigenes ins Regal stellt“, erläutert Anka Brügge-mann das Prinzip. Die Selbstbedienungsbibliothek wurde anlässlich des Firmenjubiläums 5 Jahre „Die Buch Bar“ aufgestellt. Damals befürchtete die Initiatorin, dass die Bücher geklaut werden könnten und es dann an Nachschub mangelt. Aber es kam anders: Beim zehnjährigen Jubiläum, das vor wenigen Wochen begangen wurde, hatte Anka Brüggemann rund 10 000 alte Bücher im Lager. „Ich musste extra einen Raum anmieten. Manche Leute bringen kistenweise ausrangierte Bücher. Sie einfach wegzuschmeißen, bringt ja keiner übers Herz.“ Um der Bücherfülle Herr zu werden, veranstaltet sie nun zweimal im Jahr Flohmärkte. >>> Die Einnahmen spendet sie für soziale Projekte. Einhundert laufende Meter Bücher durchstöbern die Besucher dann unter freiem Himmel, jedes kostet nur einen Euro. Drinnen im Lädchen von Anka Brüggemann gibt es, anders als man beim Namen „Buch Bar“ vermutet, alles außer Bücher. Hier reihen sich keine Bestseller aneinander, sondern Tausend Dinge, die Leute verzücken, die Bücher lieben. Accessoires für „Anonyme Bookoholiker“ eben – man könnte es nicht treffender formulieren. Neben Lesezeichen und Buchstützen findet man zum Beispiel Ohrringe, an denen Miniatur-Bücher baumeln, Nachthemden mit dem Aufdruck „Vorsicht, wildes Lesehuhn“ und futuristisch anmutende Wandlampen, die nachts als Buchablage dienen. Schönes, Skurriles und Witziges rund um Bücher und Buchstaben gibt es in dem kleinen Laden. Die „Buch Bar“-Inhaberin und ihre beiden Mitarbeiter sind immer auf der Suche nach neuen Entdeckungen. Dass Anka Brüggemann vor zehn Jahren mit ihrer damaligen Geschäftspartnerin, Dr. Grit Wurlitzer, den Laden eröffnete, ist aus einem Zufall entstanden. Die beiden hatten den Letterado-Verlag gegründet und gerade das erste Buch auf den Markt gebracht, die Anthologie „Durch meine Brille – Quedlinburger Erinnerungen“. Das kleine Verlagsbüro war damals auf dem Nachbarhof, die Inhaber der anderen Läden meinten vorm Tag des offenen Denkmals: „Ihr müsst irgendwas machen!“ Weil es blöd ausgesehen hätte, sich mit nur einem Buch hinzustellen, kamen die beiden Frauen auf die Idee, Buch-Accessoires auf Kommission einzukaufen. Die Leute waren begeistert und ein zweites Standbein neben dem Verlag geboren. Anka Brüggemann und Grit Wurlitzer richteten einen Onlineshop ein und eröffneten ihren Laden. Bis 2010 betrieben sie ihn gemeinsam, dann trennten sich die Wege – die eine behielt die „Buch Bar“, die andere den Letterado-Verlag. Buchvernarrte Touristen, die den Weg in den Hof finden, sorgen inzwischen dafür, dass auch der Onlineshop läuft. Wenn sie wieder daheim sind, bestellen sie Geschenke oder machen sich selbst eine Freude. „Dass sie hier sehen, das Geschäft gibt es wirklich, schafft natürlich eine Verbindung und auch Vertrauen. Beim Onlinehandel ist man ja sonst erstmal skeptisch“, sagt Anka Brüggemann. Zu den Verkaufsschlagern zählen in letzter Zeit die selbst gebastelten Papier-Objekte, die ursprünglich nur den Laden verschönern sollten. Als immer mehr Kunden fragten, ob sie die Sachen kaufen könnten, legten sich die Quedlinburger „Bookoholiker“ richtig ins Zeug. Aus alten Büchern lässt Anka Brüggemann Dekorationsgegenstände entstehen: hängende geometrische Skulpturen, ein Teegedeck aus Papier und kunstvolle Skulpturen. Es wird geschnitten, geklebt, gerollt und gefaltet. Auch ihr Mitarbeiter Maik Ulbricht kreiert ehrgeizig immer wieder neue Objekte. Das Motto: „Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht in irgendeiner Weise nützen könnte.“ In Wochenend-Workshops bringen die beiden ihren bastelbegeisterten Kursteilnehmern bei, wie man alten Buchseiten neues Leben einhaucht. Über die Kunst des „Bookogamis“ hat Anka Brüggemann nun in einem Schweizer Verlag sogar selbst ein Buch veröffentlicht, damit jeder die Deko-Objekte zu Hause nachbasteln kann. Die Kapitel enthalten Schritt-für-Schritt-Anleitungen und Kopier-Vorlagen für die einzelnen Kunstwerke. Die Hemmungen, ein ausrangiertes Buch zu zerschneiden, sind auch nach vielen Papierobjekten geblieben, räumt die 54-Jährige ein. „Das gehört sich ja nicht“, sagt sie. „Aber manchen alten Schmöker, zum Beispiel ein inhaltlich überholtes Sachbuch oder ein kaputtes Exemplar will einfach niemand mehr.“ Trotzdem: Lieber als ein zerschnippeltes Buch-Kunstwerk ist ihr immer noch der völlig intakte Roman neben ihrem Bett. „Ich schlafe schlecht, deshalb habe ich nachts viel Zeit zum Lesen“, sagt sie lachend. Dana Toschner