Wenn „alte Hasen“ helfen

Mit dem geruhsamen Rentnerdasein hat Dr. Karl Wilhelm Timme aus Blankenburg wenig am Hut. Auch wenn mit 66 – anders als das berühmte Lied behauptet – nicht gerade das Leben anfängt, kann man dennoch neugierig und abenteuerlustig bleiben. Er ist einer von rund 12.000 Senioren Experten in Deutschland, die bereit sind, ehrenamtlich in fernen Ländern Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.

Dass er seine Russisch-Kenntnisse jemals im Leben wieder brauchen könnte, hätte Karl Wilhelm Timme nicht gedacht. Doch dann landete im E-Mail-Postfach des Blankenburgers eine Anfrage des Senior Experten Services (SES). „Sie fragten, ob ich Lust hätte, der Leitung einer Berufsschule in Kasachstan bei der Entwicklung eines Konzepts unter die Arme zu greifen“, erzählt er. Der 66-Jährige googelte Kasachstan, sah sich im Internet Bilder an und sagte zu. Obwohl er Land und Leute nicht kannte und nicht wusste, was dort auf ihn zukommen würde. Ein Abenteuer.

Inzwischen sitzt er wieder zu Hause am Gartentisch, klappt den Laptop auf und klickt sich durch die Erinnerungsfotos. Er hatte ein karges, plattes Land erwartet. Viel Steppe, viel Nichts. Dann fand er sich wieder in der boomenden Metropole Astana mit futuristischen Gebäuden, riesigen Einkaufstempeln und Vergnügungszentren. „Manchmal hatte ich das Gefühl, es ist eine Mischung aus Las Vegas und Dubai“, sagt Karl Wilhelm Timme. Doch der Großteil der Bevölkerung lebt nicht in Saus und Braus. Die Einkommensunterschiede sind groß in dem Land, das vom Uranexport und von den Ölvorkommen profitiert und zu den rohstoffreichsten Staaten der Welt zählt. Hierher also hat sich Karl Wilhelm Timme im Mai auf den Weg gemacht. Es war sein erster Einsatz für den Senior Experten Service. Man hat ihm den Flug gebucht, eine möblierte Wohnung und ein Auto besorgt und vor Ort eine Dolmetscherin zur Seite gestellt. Für Kost und Logis und ein paar Tenge, so heißt die kasachische Währung, als Taschengeld hat sich der Blankenburger an die Arbeit gemacht. Denn Honorar oder ein richtiges Gehalt gibt es für die Senior Experten nicht. „Dafür aber ganz viele Erlebnisse“, schwärmt Timme und erzählt von einer gastfreundlichen Familie, die sich rührend um ihn kümmerte, ihn zu Ausflügen mitnahm, Schaschliks grillte und Tee im Samowar köchelte. Sein Beispiel steht für viele ähnliche Geschichten. Der Senior Experten Service, der von Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft getragen wird, ist eine gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Bonn, die weltweit Hilfe zur Selbsthilfe organisiert. Fach- und Führungskräfte aus Deutschland, die im Ruhestand sind, aber nach einer sinnvollen Aufgabe suchen, lassen sich beim SES registrieren, um ihr Wissen und ihre Erfahrung weiterzugeben. Sie unterstützen kleine und mittlere Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern, öffentliche Institutionen, Verwaltungen oder Bildungseinrichtungen. Das Motto: Zukunft braucht Erfahrung. „Das ist professionell organisiert und hat Hand und Fuß“, sagt Karl-Wilhelm Timme. Fast 12 000 Experten aus ganz Deutschland sind beim SES registriert, 2014 gab es 4 400 Einsätze im In- und Ausland. Hier im Harz kennt die Organisation kaum jemand – nur eine Handvoll Senioren lassen sich in der Datenbank finden. Dabei sehen die Einsatzmöglichkeiten in der Werbebroschüre verlockend aus: Eine ältere Dame übt mit dem Servicepersonal eine Hotels in Nicaragua Englisch, ein Ingenieur schult künftige Photovoltaik-Dozenten in Kenia, ein Bäckermeister hilft in Usbekistan, neue Backwaren auf dem Markt zu etablieren. Karl Wilhelm Timme war zwei Jahre lang zunächst nur ein Name in der SES-Datenbank, bis er eine Anfrage bekam. „Der Bedarf an Leuten mit ganz praktischen Fähigkeiten, wie Tischler, Koch oder Bäcker ist natürlich höher. Ich bin da eher ein exotisches Zirkuspferd“, sagt er schmunzelnd. Sein Lebenslauf würde locker eine A4-Seite füllen: Er war Maurer, Tiefbau-Ingenieur, studierte Außenwirtschaft in Berlin, arbeitete später unter anderem für die Elmo Werke in Wernigerode, die Harzer Werke in Blankenburg, dann in Niedersachsen und schließlich in den letzten Jahren vor dem Ruhestand als selbstständiger Unternehmensberater. Sich nun als Rentner nur noch um Haus und Garten zu kümmern, kommt für ihn nicht in Frage. Im Bildungs- und Technologiezentrum Thale und im Teutloff Bildungszentrum Wernigerode bringt er als Dozent künftigen Industriemeistern bei, was sie über Personalführung, Personalentwicklung und Qualitätsmanagement wissen müssen. Nur noch stundenweise zu arbeiten und auch Nein sagen zu können, sei eindeutig ein Vorteil des Rentnerdaseins. „Ich genieße es, nicht mehr den Druck zu haben, Geld verdienen zu müssen“, sagt er offen. In Kasachstan hat der 66-Jährige gesehen, dass es anderswo keineswegs unüblich ist, in dem Alter noch zu arbeiten: „Es gab Lehrer an der Berufsschule, die waren zehn Jahre älter als ich. Dabei sollte ich doch der Senior sein.“  Dana Toschner