Wo einst die Sägen kreischten

Auguste und August Ehrt gründeten 1887 das Familienunternehmen  „Elbingeröder Dampfsägewerk und Kistenfabrik“. Der Betrieb wurde als privates Familienunternehmen auch in der ehemaligen DDR weitergeführt. Danach brach die Nachfrage ein. Das Sägewerk wurde stillgelegt. Verstummt ist es trotzdem nicht. Jedenfalls nicht so ganz.

Gleich nach dem zweiten Weltkrieg hatten die Ehrts – der Vater des Firmengründers und seine vier Söhne – das Sägewerk wieder aufgebaut. Viele Maschinen waren Marke Eigenbau. Improvisation wurde groß geschrieben. Gefragt waren in den Nachkriegsjahren vor allem Dachschindeln. Auch so genannte Kabeltrommeln wurden hier in großen Stückzahlen produziert. Die wurden von den Russen benötigt, um die tausende Kilometer Kabel, die als Reparationsleistungen im Harz abgebaut wurden, abtransportieren zu können.

Nach und nach kamen dann Maschinen hinzu: Abrichten, Dicktenhobel, Kettenstemmer. Eine Besäumsäge, die 1936 gekauft wurde und in Einzelteilen hierher kam, funktioniert auch heute noch bestens. Ein tüchtiger Schlosser, so hieß es, habe die Teile zusammengesetzt. Die Maschinen wurden damals auch dringend gebraucht. Die Nachfrage war enorm.
Zu DDR-Zeiten standen hier Laubenpieper, Häuslebauer und Handwerker aber auch Großbetriebe in Schlangen an, am kleinen Sägewerk an der B27. Von Brettern über Bohlen, ganzen Gartenlauben und Herzhäuschen sowie Obstkisten bis hin zu Holzleitern wurde hier alles hergestellt. Aber auch, wer „nur“ sein Stammholz zu Brettern oder Bohlen im so genannten Lohnschnitt sägen lassen wollte, war hier richtig.
Einen Termin zu bekommen, war, wie so vieles andere auch in der ehemaligen DDR, aber so ganz einfach. Wie sehr die Produkte gefragt waren, unterstreicht Peter Ehrt, Tischlermeister aus Syke bei Bremen und Sohn des letzten Betriebschefs Gerhart Ehrt, anhand einer kleinen Episode aus den 1970er Jahren. Damals seien für die Warnow-Werft 250 Leitern gefertigt und neben dem Holzverladeplatz am Bahngleis verladen worden. Die Leitern wurden auf Waggons geladen, befestigt und abtransportiert. Allerdings kamen nur zwei in der Werft an ...
In seinen besten Zeiten waren im Sägewerk der Ehrts bis zu 15 Mitarbeiter beschäftigt. Lange ist das her. Mit der politischen Wende in Deutschland kam auch hier das Aus. Die Produkte fanden plötzlich keinen Absatz mehr. Mit veralteten Maschinen und traditionellen Produktionsmethoden konnte man am Markt nicht mehr mithalten.
Und dennoch ist das Sägewerk ein wichtiges Stück Regionalgeschichte, das es zu erhalten gilt, dachte sich Peter Ehrt: „Vieles wurde zu DDR-Zeiten improvisiert und umgebaut. Das sollte nicht verloren gehen.“ Nachdem er in Österreich ein ähnliches Industrie-Museum entdeckt hatte, machte er sich daran, Mitstreiter für die Einrichtung eines Schau-Sägewerks zu finden, welches das Wissen der historischen Holzbearbeitungsmethoden bewahren sollte. Mit Unterstützung des Landkreises, der KoBa Harz und der Arbeitsförderungsgesellschaft Harz (AFG) konnte er seine Idee in die Tat umsetzen. Eigene Zuschüsse und Mittel des Europäischen Sozialfonds ergänzten die Finanzierung.Hergestellt werden hier nun vor allem Bänke, Schau- und Informationstafeln für den Nationalpark Harz sowie die Stadt Oberharz am Brocken.
Mehrmals im Jahr bietet Peter Ehrt Interessierten die Möglichkeit, die alte, aber voll funktionsfähige Technik im Einsatz zu sehen und zu bestaunen. Der nächste Tag der offenen Tür findet am 25. Oktober statt. Besucher können mit der Rübelandbahn anreisen und den Shuttlebus am Bahnhof Rübeland nutzen. Frank Drechsler

Weitere Infos und Bilder findet man unter www.schausägewerk-ehrt.de