Zweitaktöl und Gänseküken

Mit ihren verrückten Eigenbauten und unglaublichen Bikes sorgen die Niebels aus Zilly seit Jahren für Aufsehen. Wer in ihrer „Harzer Bikeschmiede“ aber genau hinschaut, der sieht: Die Biker,
die so hart wirken, haben ein weiches Herz. Sie begeistern sich nicht nur für alte Technik, sondern auch für seltene Eulen.

Ganz glatt, ja fast schon wie poliert, so fasst er sich an. Der Handlauf, der hinauf in die obere Etage der ausgebauten Scheune in der Harzer Bikeschmiede führt. Tausende, wohl eher zigtausende Berührungen hat er erfahren. Mehr als 100 Jahre ist das Holz schon alt. Dass es nicht auf dem Brennholzstapel landete, ist den Niebels zu verdanken. Seit gut sieben Jahren möbelt die Familie eine völlig desolate Scheune, die dem Verfall preisgegeben war, wieder auf. Verwendung finden ausschließlich recycelte Baustoffe.

Nachhaltigkeit lautet hier die Devise. Küken laufen kreuz und quer über das Grundstück. Gefolgt von den Hennen. Wer ihnen verträumt hinterher schaut, der wird schon mal gezwickt. Nicht von den Hühnern, sondern von den sehr resoluten Gänsen, die hier auf ihre Jungen aufpassen. Tauben sitzen gurrend auf dem Dach, Drosseln nisten hier. Unter dem Dachfirst schaut schläfrig eine Schleiereule hervor. Man wähnt sich fast auf einem Bauernhof. In der Tat ist es auch beinahe einer: Das Gebäude wurde 1871 erbaut. Nun sind hier Motorräder aus mehreren Jahrzehnten und aller Herren Länder zu bestaunen. Die Anfänge dieser einzigartigen Sammlung reichen einige Jahre zurück. >>> Tilo Niebel wollte 1986 einen Chopper Marke Eigenbau beim Kraftfahrzeugtechnischen Amt in Magdeburg anmelden, was ihm auch gelang: Er konnte den Sachverständigen mit Hausschlachtewurst und frischen Eiern überzeugen, womit auch die Eintragung in die Fahrzeugpapiere gesichert war. Denn da zu DDR-Zeiten solche recht westeuropäisch aussehenden Motorräder das ideelle Bild des Staates doch etwas in Frage stellten, mussten die Beamtenaugen der Staatsdiener den Blick von der Chopper Marke EMW, Baujahr 1955, etwas abgelenkt werden. Zur EMW gesellten sich recht schnell andere Motorräder. Es sprach sich herum, dass hier in Zilly so manchem Motorradherz wieder neues Leben eingehaucht werden könnte. Doch nicht nur Motorräder, auch andere Dinge gibt es in der Harzer Bikeschmiede, die schon 1983 als private Sammlung gegründet worden war, zu sehen. Fahrbare Bandsägen beispielsweise, wie sie bis in die 1980er Jahre in der ehemaligen DDR zum Einsatz kamen. Die Niebels nahmen sich vielem, was sie technisch interessierte, an. Aus Mangel an Ersatzteilen oder an Interesse drohte manche Maschine den Bach hinunter zu gehen. Die Initialzündung aber war das SR 2. Jenes Kult-Moped, das mit Pedalen angetreten wurde und via Zweigang-Handschaltung funktionierte. Es steht heute noch in der Bikeschmiede. Diese Begegnung begründete seine mittlerweile liebste Freizeitbeschäftigung: Mit Bruder Ulf und natürlich Vater Wilfried verhilft Tilo Niebel Bikes längst vergangener Jahre wieder zu altem Glanz. Handwerkliches Geschick ist hier durchaus hilfreich. Das leuchtet ein. Die Niebels haben es. Niebel Senior hatte seinen Söhnen früh erklärt, dass man von dem, was schon die Altvorderen für wichtig erachteten, einiges bewahren, reparieren und auch erhalten müsse. Für die Jungs bedeutete dies zunächst einmal der Blick in viele Scheunen, auf Tennen und in Keller. So manches Schätzchen, das seine besten Jahre längst hinter sich gebracht zu haben schien, landete in der Werkstatt in Zilly und nicht auf dem Schrottplatz. Die ersten Stücke der Sammlung wurden in einem alten Schuppen, der ebenfalls umgebaut wurde, gleich nebenan präsentiert. Dann reichte der Platz nicht mehr aus. Dass die Scheune nebenan, so desolat sie auch war, zum Verkauf stand, war ein Glücksumstand. Das verbaute Material – Balken, Bohlen, Dachziegel, Dachlatten, Steine, Fenster, ja selbst die kleinsten Nägel – stammt alles aus Abrissobjekten, zurückgebauten Fachwerkhäusern oder aus alten Scheunen. In der letzten Feldscheune, die sie bei einem Großbauern in Niedersachsen zurückbauten, stießen die Niebels auf Brutkästen, die für Schleiereulen angelegt worden waren. Und: Sie waren bewohnt! Der Abriss wurde unterbrochen und bis zum Ausfliegen der flügge gewordenen Eulen verschoben. Die Tiere blieben unversehrt dort, den Brutkasten samt der Idee, ihn weiter zu verwenden, nahmen die Niebels mit. Mit Erfolg. Das Angebot, ein formidables Zuhause in einer Scheune unter dem Dachfirst in Zilly beziehen zu können, fand auch hier ein Paar Schleiereulen sehr attraktiv. Die wenigsten Besucher, die sich hier die sehenswerte Ausstellung anschauen, ahnen davon etwas. Als nachtaktive Tiere verteilen Mama und Papa Schleiereule ja fast unbemerkt Mäuse und andere Häppchen an ihren Nachwuchs. Da das Wohnungsangebot rege nachgefragt wurde, zimmerten die Niebels auf der anderen Seite der Scheune kurzerhand gleich noch einen Brutkas­ten. Den haben jetzt Falken bezogen. Gleich einen Tag nach Beendigung der Arbeiten. Wer hätte das gedacht: Die Männer aus dem Hause Niebel haben offensichtlich nicht nur ein Herz für schwere Maschinen, sondern auch eines fürs zarte Gefieder. Frank Drechsler