„Dann war alles dunkel“

Sie wollten einfach nur eine glückliche kleine Familie sein: Jana Köcher und ihr Mann Stephan freuten sich auf ihr zweites Kind, als die Schwangere einen septischen Schock erlitt. Die Blutvergiftung riss die junge Frau aus dem Leben – schwere Stunden und Wochen folgten. Diese Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, aber den beiden auch gezeigt, dass es die Liebe ist, die am Leben erhält.

Im Februar 2011 war Jana Köcher im sechsten Monat schwanger. Ihre Tochter Lina war damals bereits zweieinhalb Jahre alt und freute sich auf ein Geschwisterchen. Jana erwartete einen kleinen Jungen – ihr Familienglück schien perfekt. Doch dann kam alles ganz anders: Die junge Frau fing sich eine scheinbar harmlose Mandelentzündung ein. Eigentlich kein großes Drama, denn es gibt Antibiotika, die für Schwangere geeignet sind. Das Penicillin-Medikament würde ihrem Baby sicher nicht schaden, erklärten die Ärzte.

Doch irgendwie wollte es Jana Köcher einfach nicht besser gehen. Als sie nachts plötzlich hohes Fieber bekam und sich im Minutentakt erbrechen musste, war klar: Hier stimmte etwas nicht. Ihre Hausärztin wies die werdende Mutter ins Krankenhaus in Aschersleben ein. Dort folgte der erste Schock: „Noch am Morgen hatte ich die Bewegungen meines Babys im Bauch gespürt, beim Ultraschall bewegte es sich plötzlich nicht mehr“, erzählt Jana Köcher. Sie geriet in Panik: „Dann war alles dunkel“, erinnert sie sich. Jana Köcher musste operiert werden, sie verlor viel Blut. Die Mediziner mussten sie in ein künstliches Koma versetzen. Schwere Stunden für die kleine Familie begannen. Als Stephan Köcher ins Krankenhaus kam – er hatte sich um die gemeinsame Tochter Lina gekümmert – war er fassungslos: „Die Ärzte standen um das Bett meiner Frau und waren ratlos, sie blutete so stark und niemand wusste, warum das nicht aufhörte.“ Per Rettungshubschrauber wurde sie ins Klinikum nach Magdeburg Olvenstedt geflogen. Hier stellte man schließlich die Diagnose: Septischer Schock. Die Symptome der Krankheit rechtzeitig richtig zu deuten, ist sehr schwierig. Eine Sepsis ist auch als Blutvergiftung bekannt und wirkt wie ein Flächenbrand im Körper. Keime im Blutkreislauf verursachen katastrophale Folgen. Die Entzündungsreaktion des Körpers ist so heftig, dass er sich in wenigen Tagen selbst zerstört. Im Verlauf der Krankheit versagen mehrere Organe. Bei Jana Köcher gaben Lunge, Leber und Nieren ihre Funktion auf. Zwei Tage lang hatte sie keinen eigenen Herzschlag. Die Herz-Lungen-Maschine steuerte ihre Lebensfunktionen. Die Blutgerinnung setzte ebenfalls aus – daher auch die unstillbaren Blutungen. Ihr Zustand war dramatisch: Wegen der schlechten Durchblutung musste ihr rechter Unterschenkel amputiert werden. Sie erlitt im Alter von 29 Jahren einen Schlaganfall und eine Lungenembolie. Allein in Deutschland sterben jedes Jahr rund 60 000 Menschen an einer Sepsis, fast genauso viele wie an einem Herzinfarkt. Die Krankheit kann jeden treffen: Sie kommt plötzlich und unerwartet. So wie bei Jana Köcher. Doch die junge Frau hatte großes Glück. Sie zählt zu denen, die die gefährliche Blutvergiftung überlebten. Nach sieben Wochen auf der Intensivstation stabilisierte sich ihr Zustand. Sie wurde aus dem künstlichen Koma geholt. Als sie ihren Mann dann zum ersten Mal wiedersah, konnte sie weder sprechen, noch einen Stift zum Schreiben in der Hand halten. Doch es gab eine Frage, die sie mehr als alles andere beschäftigte. Auf einer Liste zeigte sie auf Buchstaben und brachte mühsam die Worte ihrer Frage zusammen: Wo ist Lina? „In diesem Moment wusste ich, dass alles gut ist“, sagt Stephan Köcher noch heute erleichtert. Die beiden sitzen auf der Terrasse und genießen die Sonne. Sie wirken sehr vertraut. Beim Erzählen lehnt Jana Köcher immer wieder den Kopf an die Schulter ihres Mannes. Man ahnt nicht, was sie zusammen durchmachen mussten. „Manchmal fühle ich mich als Gast in meinem eigenen Leben“, sinniert Jana Köcher. „Ich wurde von den Ärzten gefragt, ob ich Leistungssportlerin gewesen bin, weil ich das alles relativ gut verkraftet habe. Dabei habe ich eigentlich nichts gemacht. Ich bin nur einfach nicht daran gestorben.“ Tapfer kämpfte sie sich in ein halbwegs normales Leben zurück. Das war nicht einfach. Ein Jahr und acht Monate lang dreimal in der Woche zur Dialyse zu müssen, belastete Jana Köcher sehr. Ihre Mutter spendete ihr eine Niere. Seit der Transplantation ist die 33-Jährige nicht mehr auf die Apparate zur Blutreinigung angewiesen, arbeitet sogar wieder an zwei Tagen in der Woche als kaufmännische Angestellte in einem Logistikunternehmen. Dass sie eine Beinprothese trägt, ist kaum zu merken, sie bewegt sich sicher und frei. Eine Leichtigkeit, die sie auch ihrem Mann Stephan zu verdanken hat. Um seine Frau möglichst gut unterstützen zu können, gab er seine Anstellung als Verfahrensmechaniker auf und begann beim Steinke Gesundheits-Center in Halberstadt die Ausbildung zum Orthopädie-Mechaniker. „In meinem alten Beruf war ich schon länger nicht mehr zufrieden“, begründet er seine Entscheidung. Gemeinsam mit seinen Kollegen tüftelt er in der Orthopädie-Werkstatt an neuen Ideen, wie sie die Beinprothese seiner Frau und die anderer Patienten noch besser und bequemer machen können. „Für ein angenehmeres Tragegefühl und sicheren Halt sorgt ein spezieller Liner, eine Art Strumpf aus Silikon, der über den Amputationsstumpf gezogen wird. Bei dem neuen Verfahren erreicht man durch ein Vakuum zusätzlichen Halt“, erklärt Ulf Stühff, Meister der Orthopädie-Technik bei Steinke. Er bildet den Lehrling aus, und auch ihn hat die Geschichte von Stephan Köcher und seiner Frau sehr bewegt. „Für uns war natürlich seine fachliche Eignung ausschlaggebend, in unserer Profession gibt es aber oft Quereinsteiger“, betont Stühff. „Es sieht hier ein bisschen aus wie in einer Schaufensterpuppenfabrik“, scherzt Jana Köcher, als sie den Arbeitsplatz ihres Mannes im Alten Wasserwerk in Halberstadt betritt, „aber es ist erstaunlich, was sie hier bei Steinke alles machen können, ich fühle es ja sozusagen am eigenen Leib.“ Zwischen all den Werkzeugen, mit denen Arm- und Beinprothesen gebaut und angepasst werden, hat Stephan Köcher seine neue Aufgabe gefunden. Berührungsängste hat er keine. Nachdem seine Frau ihr künstliches Bein bekam, fürchtete sie, er könnte sie nicht mehr schön finden. Wenn Stephan Köcher seine Frau ansieht, leuchten seine Augen: „Du bist schön und du bist meine Frau. Lina und ich sind so froh, dass wir dich wieder haben“, sagt er und drückt seine Jana ganz fest an sich. Mandy Ebers