Die Schönheit des Verfalls

Der andere Harz. Das Gesicht, das keine Ansichtskarte, kein Tourismus-Prospekt und kein Reiseführer zeigt. Genau das nehmen Hobbyfotografen in den Fokus, die mit ihren Kameras auf der Suche nach so genannten Lost Places sind, nach verlorenen Orten. Ende Mai feiert ein Dokumentarfilm zu diesem Thema Premiere: „Vergessen im Harz“.

Geschlossene Ferienheime, stillgelegte Industrieanlagen und verfallene Sanatorien – im Harz gibt es so viele marode und vergessene Bauwerke, dass Fotografen ganze Bücher mit ihren Bildern füllen können. Aus ganz Deutschland zieht es Leute an jene Orte des Harzes, deren einstige Pracht man heute nur noch erahnen kann.

Sie steigen in Häuser ein, in denen einst geschäftiges Lebens herrschte und inzwischen nur noch Tauben wohnen. „Lost Places“ nennt man die verlorenen Orte, die auf manche eine geradezu magische Faszination ausstrahlen. So genannnte „Urbexer“ (das Wort kommt von Urban Exploration, Stadterkundung) ziehen mit Taschenlampe und Fotoapparat von Objekt zu Objekt. In Internetforen werden Tipps ausgetauscht, Bilder und Videos hochgeladen. Letzteres meist absichtlich ohne genaue Ortsangabe, denn man will ausdrücklich keine Vandalen anziehen. Die Entdecker der verlassenen Gebäude klettern zwar durch enge Zaunslücken und steigen durch zerschlagene Fenster, aber sie halten sich an den Ehrenkodex, nichts zu verändern und nichts zu zerstören: „Nimm nichts mit außer Bildern, hinterlasse nichts außer Fußabdrücken.“ Alles soll so bleiben, wie es ist. Das sagt auch Urbexer Marc Mielzarjewicz. Der Hallenser Architekturfotograf liebt die Schönheit des Verfalls. Er hat nicht nur das Buch „Lost Places Harz“ veröffentlicht, sondern auch Bildbände über verlorene Orte in Halle, Leipzig, Chemnitz, Magdeburg und die Beelitzer Heilstätten, den großen einstigen Krankenhauskomplex im Berliner Umland. Auf seiner Internetseite marodes.de zeigt er Bilder, die den Verfall und Zerfall von Baudenkmälern stillgelegten Industrieanlagen dokumentieren. Was fasziniert ihn an Gebäuden mit vernagelten Eingangstüren, an Geisterhäusern, in denen möglicherweise Treppen, Decken oder Balkone nicht mehr tragen? >>> „Mich beeindruckt die Architektur. Viele Gebäude, die vor 100 Jahren gebaut wurden, haben ein besonderes Charisma. Sie strahlen den Stolz der Bauherren aus.“ Die Leidenschaft für die Fotografie der verlassenen Orte, packte ihn, als er sich nach der Wende eine alte Mühle in Halle anschaute, die seit den 70er Jahren leer stand. Kurz nach seinem Besuch ist sie abgebrannt. „Ich habe bedauert, dort nicht mehr Fotos gemacht zu haben. Das war die Initialzündung für mein neues Hobby, denke ich“, erzählt Marc Mielzarjewicz. Erst fotografierte er in seiner Heimatstadt Halle, dann zog er den Radius immer größer. Den Verfall zu beobachten, zu sehen, wie sich die Natur ihr Territorium zurückholt – das begeistert auch seine Lebensgefährtin, die die Leidenschaft für die Lost Places teilt. Ihre erste gemeinsame Tour unternahmen die beiden in den Harz. In Schierke haben sie sich das ehemalige Hotel „Heinrich Heine“ angeschaut – für Urbexer schon lange kein Geheimtipp mehr. „Dort geben sich die Leute fast schon die Klinke in die Hand“, sagt der Fotograf, der im Hauptberuf Software-Entwickler ist. Er mag am liebsten jene Lost Places, von denen noch gar keiner mitbekommen hat, dass es sie gibt. Die Eisenhütte in Mägdesprung hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „25 Jahre nach der Schließung sah es hier aus, als ob die Arbeiter gerade erst gegangen sind.“ Seine Fotos zeigen eine von einer dicken Staubschicht bedeckte Schreibmaschine und Regale, in denen noch reihenweise Aktenordner stehen. In manchen Gebäuden ist seine Abenteuerlust nicht ungefährlich. „Im einstigen FDGB-Erholungsheim Hermann Duncker in Schierke zum Beispiel waren die Fußböden extrem marode und einige Wände schon eingestürzt.“ Die 1912 erbaute, denkmalgeschützte Immobilie steht seit 1990 leer. Die gewaltige Ruine verströmt den Charme eines Geisterschlosses und ist für Urbexer ein reizvoller Ort. „Unser allerliebstes Spukhaus. Unser großes Sorgenkind. Das Wrack der Titanic. Und der beste Grund, nach Schierke zu fahren“, schreibt ein Berliner Blogger, dem Schierke ans Herz gewachsen ist. Auch das Herz des Leipziger Filmemachers Enno Seifried brennt für die Geschichten, die hinter den alten Mauern verborgen sind. Er hat den Dokumentarfilm „Vergessen im Harz“ gedreht, der am 29. Mai im Goethesaal der Baumannshöhle in Rübeland seine Premiere feiern wird. Enno Seifried und sein Filmteam in alten Villen, Sanatorien, Hotels, Militäreinrichtungen und Industrieanlagen unterwegs und fanden Interviewpartner, die über ihre Erinnerungen an jene Zeiten sprechen, in denen die Gebäude noch belebte Orte waren. „Wir sind über einen Zeitraum von zwei Jahren immer wieder in den Harz gefahren, um zu drehen. Teilweise haben wir einfach an Haustüren geklingelt und gefragt, ob die Leute jemanden kennen, der früher im Hotel oder der Fabrik nebenan gearbeitet hat“, erzählt Enno Seifried. Obwohl man den Harzern eher nachsage, dass sie etwas stur und maulfaul seien, haben die Filmemacher sehr aufgeschlossene Leute getroffen. „Es war wirklich jeder bemüht, uns zu helfen.“ Unglaublich viel Zuspruch haben sie auch auf ihre Spenden-Sammelaktion im Internet bekommen, mit der sie das Projekt finanzieren. Über das so genannte Crowdfunding, also das Einwerben von Spenden über eine Online-Plattform, sind mehr als 20.000 Euro zusammengekommen. Die Unterstützer bekommen für ihren Beitrag – je nach Höhe – Eintrittskarten für die Filmvorführungen, DVDs oder einen Kalender. Die Filmemacher wünschen sich ebenso wie der Fotograf Marc Mielzarjewicz, dass die von ihnen auf Film und Foto verewigten Gebäude nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft haben. Marc Mielzarjewicz sagt: „Vielleicht sehen Investoren die Bilder, haben eine Nutzungsidee und machen sich daran, sie zu restaurieren. Das wäre das Beste, was passieren kann.“ Dana Toschner