Nur ein Augenblick

Birgit Kumpf hat die neue Herausforderung angenommen und gemeistert.

Bei einem Motorradunfall vor sieben Jahren verliert die Blankenburgerin Birgit Kumpf ihr linkes Bein. Seitdem ist nichts mehr wie es war. Das Leben immer wieder als Herausforderung zu betrachten, ist für sie nicht leicht.

Manchmal verändert ein einziger Moment alles: Ein sonniger Tag im September. Das Blau des Himmels hat diese besondere Tiefe, die ersten Blätter leuchten schon in den Farben des Herbstes. Birgit Kumpf und ihr Mann Mario genießen die Motorradtour. Dann geht alles ganz schnell. In einer Kurve schneidet ein entgegenkommender Motorradfahrer die Spur. Das Blankenburger Paar bremst. Als Birgit Kumpf absteigen will, folgt der Schock. Ihr Unterschenkel ist abgetrennt.

„80 Meter weit wurde mein Bein mitgeschleift, die Ärzte versuchten zu reimplantieren, aber es war zwecklos“, sagt Birgit Kumpf mit nüchterner Stimme. Mehr als 30 Jahre lang waren sie und ihr Mann immer wieder mit ihrer Maschine im Harz unterwegs – unfallfrei. „Im Rettungshubschrauber habe ich meine letzte Kraft zusammen genommen, unsere Adresse und die Telefonnummer meiner Schwiegermutter genannt, denn unsere Kinder waren ja allein zu Hause“, erinnert sich Birgit Kumpf. Damals waren ihre Tochter und ihr Sohn 12 Jahre alt. Die Zwillinge warteten auf ihre Eltern, die nur eine kurze Spritztour machen wollten.

Auch Mario Kumpf erlitt schwere Verletzungen. Er wird in die Klinik nach Wernigerode gebracht, seine Frau zunächst im Krankenhaus in Nordhausen behandelt. Nachdem ihr kompletter Unterschenkel bis zur Mitte des Knies amputiert werden musste, informierte das Krankenhaus einen Orthopädietechniker. „Herr Stühff von der Steinke Orthopädie-Technik begleitet mich jetzt schon seit sechs Jahren“, erzählt Birgit Kumpf. Der Orthopädie-Technikmeister ist zum Mann ihres Vertrauens geworden. „Die Geschichte von Frau und Herrn Kumpf war für mich sehr bewegend, besonders weil sie ja auch zwei Kinder haben“, sagt Ulf Stühff. Mittlerweile hat er die zweite Beinprothese für die 52-Jährige auf Maß angefertigt.
Das Leben der Kumpfs hat sich seit 2008 um 180 Grad gewendet. Über 30 Jahre arbeitete Birgit Kumpf im Einzelhandel, war jeden Tag unter Menschen. „Auf einmal ist man auf die Hilfe anderer angewiesen“, sagt die Frührentnerin. Den Weg zurück ins Leben musste sie sich hart erkämpfen. Ein paar Wochen nach dem Unfall folgte der erste Aufenthalt in der Reha-Klinik, um mit dem künstlichen Bein zurecht zu kommen. Dort wurde ihr bewusst, dass sie zwar ihr Bein verloren hat, nicht aber ihre Lebensfreude. „Wir machten einen Tanzkurs, spielten Tischtennis oder gingen an die Kletterwand“, berichtet die Blankenburgerin. Besonders schwierig war es, mit der Beinprothese Treppen zu steigen. „Man muss erst Zutrauen zu dem gefühllosen Fuß entwickeln“ beschreibt die 52-Jährige.
Sich mit der Prothese anzufreunden, ist immer wieder eine Herausforderung. Der Orthopädie-Techniker kann die Beinprothese mit einer hautfarbenen Schaumstoffverkleidung versehen, so dass sie auf den ersten Blick von einem echten Bein nicht zu unterscheiden ist. „Ich hatte aber lange eine Sperre im Kopf“, erzählt Birgit Kumpf. Wenn andere Frauen sagen, sie hätten nichts zum Anziehen, kann sie nur milde lächeln. „Der Trend mit den bodenlangen Maxikleidern kam mir im letzten Sommer sehr entgegen“, lacht sie. Denn ihren vermeintlichen Makel verhüllte sie lange Zeit lieber. Doch nicht überdecken lässt sich der starke Phantomschmerz, der sie rundum die Uhr quält. „Es ist, als ob ich auf einem Stromkabel stünde“, beschreibt die Schmerz-Patientin. Eine Therapie brachte nur wenig Linderung.
Den Austausch mit anderen suchen, die ein ähnliches Schicksal haben, Mut machen und wieder am Leben teilnehmen – das war ihr Antrieb 2010 die erste „Selbsthilfegruppe für Träger von Beinprothesen im Harz“ zu gründen. Die inzwischen 20 Mitglieder treffen sich einmal im Monat. Sie reden auch über technische Neuerungen in der Prothetik.
Seit Dezember 2014 trägt Birgit Kumpf eine High-Tech-Beinprothese, das sogenannte Genium. „Ein Mikroprozessor und verschiedene Sensoren ermitteln Messwerte, mit denen die Geh-Bewegung unterstützt wird, etwa der Winkel des Knies oder das Biegemoment des Vorfußes“, erklärt Ulf Stühff. „Insgesamt gibt diese Prothese dem Träger mehr Sicherheit.“ Das bestätigt auch Birgit Kumpf: „Ich kann viel leichter, viel flüssiger laufen und fühle mich sicherer. Es gibt sogar Augenblicke, da vergesse ich ganz, dass ich eine Beinprothese habe“. Mit einer speziellen Zusatzausstattung wird die Technik an ihrem Bein auch wasserdicht. „Es ist und bleibt ein Körperteil ohne Gefühl“, sagt die gebürtige Usedomerin und schließt an: „Aber im nächsten Sommer kann ich endlich wieder barfuß am Strand laufen.“

INFO
Wer mehr über die „Selbsthilfegruppe für die Träger von Beinprothesen im Harz“ erfahren will, kann die Webseite unter http://www.selbsthilfegruppe-beinamputierte-harz.de besuchen.
Dort findet man auch Informationen zu den nächsten Treffen.