Nur noch kurz die Welt retten

Hans-Christian Fabian (19)

Endlich nicht mehr nach Mutters und Vaters Pfeife tanzen müssen. Das genießt man mit 18. Doch wie geht’s weiter? Welcher Job wird ein Leben lang Spaß machen? Mit der Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium tun sich viele Jugendliche schwer. Das Freiwillige Ökologische Jahr verschafft eine Verschnaufpause und kann neue Perspektiven eröffnen.

Hans-Christian Fabian war 19, als er nicht mehr weiter wusste. Der Blankenburger hatte sich nach dem Abschluss auf dem Fachgymnasium an der Technischen Universität Freiberg für Angewandte Werkstoffwissenschaften und Werkstofftechnologie eingeschrieben. Zuerst hielt er das für eine gute Idee, doch nach zwei Semestern fühlte er sich überfordert. Der Druck, die anstehenden Prüfungen – er hielt dem nicht Stand. „Ich merkte plötzlich: Das ist nicht mein Ding“, sagt er. Hans-Christian Fabian brach das Studium ab, aber die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. „Natürlich war das deprimierend. Es hat alles umgeworfen. Plötzlich stand ich völlig ohne Plan da.“

Bei der Arbeitsagentur erzählte man ihm dann vom Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ). Abstand gewinnen, sich ausprobieren, orientieren, Erfahrungen sammeln – das klang, als könnte es erstmal die Lösung sein. Seit Oktober 2013 ist er inzwischen als Freiwilliger im Einsatz. „Weil es mir so gut gefällt, habe ich mein FÖJ sogar um ein halbes Jahr verlängern können“, erzählt er. Zuerst war er im Ökogarten Quedlinburg eingesetzt, wo er Schulklassen betreut und bei der Organisation der Kinderstadt „Andershausen“ mitgeholfen hat. Dann hat er ins Vogelkunde-Museum Heineanum nach Halberstadt gewechselt. „Wie Museumsarbeit funktioniert, hat mich interessiert. Ich wollte wissen, was hinter den Kulissen in einem Museum passiert.“ Voller Begeisterung führt er heute Besucher durch die Rotmilan-Ausstellung und hilft, wenn ein Vogel zu präparieren ist.

Solche Geschichten wie die des inzwischen 21-Jährigen machen Anke Rautenberg und ihr Team glücklich. Sie ist seit vielen Jahren beim Verein Internationale Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd) für die Vermittlung und Betreuung der Teilnehmer des Freiwilligen Ökologischen Jahres zuständig. Mitte der 90er Jahre hat sie das Projekt mit nur vier Teilnehmern begonnen, inzwischen sind manchmal mehr als 80 Teilnehmer pro Jahr in Sachsen-Anhalt im Einsatz. Sie absolvieren den Freiwilligendienst zum Beispiel in Tiergärten, in Umweltbildungseinrichtungen, Waldorf-Kindergärten, Naturkunde-Museen, in der Forstwirtschaft oder auf Bio-Bauernhöfen. Für ihre Arbeit bekommen sie jeden Monat ein Taschengeld und einen Zuschuss für Unterkunft und Verpflegung.
Die Bewerber, die vor ihr sitzen, sind zwischen 16 und 26 Jahren alt und haben die unterschiedlichsten Biografien. „Es ist ein bunt gemischter Haufen. Manche haben die Schule oder das Studium abgebrochen, andere haben zwar einen Abschluss in der Tasche, wissen aber trotzdem nicht, wie es beruflich weitergehen soll“, erzählt Anke Rautenberg. „Das Ziel dieses Jahres ist es, sich für die Umwelt und Natur einzusetzen und dabei herauszufinden, welche Talente und Stärken in einem stecken.“
In den fünf einwöchigen Seminaren, die das FÖJ begleiten, treffen Sonderschüler auf Studenten, Jugendliche aus „gutem Hause“ auf solche aus einfachen Verhältnissen. „Ich erlebe das als äußerst fruchtbringend“, sagt Anke Rautenberg. In der Gruppe sprechen die Teilnehmer über Themen wie genmanipulierte Nahrungsmittel, alternative Energien, die Endlagerung von Atommüll, artgerechte Tierhaltung. „Manch einer beschäftigt sich zum ersten Mal mit diesen Fragen. Ich beobachte, dass sich die Teilnehmer verändern, auf vieles einen anderen Blick bekommen, kritischer werden.“
Das sie deshalb künftig auch beruflich alle die Welt retten wollen, sei freilich nicht das Ziel. Aber fast nebenbei entwickelt man gemeinsam mit den Betreuern auch eine Perspektive für die Zeit nach dem FÖJ. „Umweltpädagoge, Tierpfleger, Laborant“, zählt Anke Rautenberg die Berufswünsche auf. „Manchmal geschehen diese Entscheidungen ganz zufällig. Ein Mädchen, das eigentlich Ärztin werden wollte, entdeckte, dass sie unheimlich viel Spaß daran hatte, Brot zu backen. Sie hat sich dann für eine Ausbildung zur Bäckerin entschieden.“
Auch Hans-Christian Fabian weiß inzwischen, wohin die Reise weitergehen soll. Sein FÖJ endet im April. „Es war auf jeden Fall eine Bereicherung. Die Arbeit mit den Kindern im Ökogarten und im Museum hat mir viel Spaß gemacht“, erzählt er. „Außerdem gehe ich jetzt lockerer auf Leute zu, habe weniger Kontaktschwierigkeiten.“ Noch in diesem Jahr will er in Aschersleben eine Ausbildung zum Erzieher beginnen. Der 21-Jährige hat sein Scheitern verwunden, ein neues Ziel vor Augen. Und: Er hat fürs Leben gelernt. Manchmal ist es gut und richtig, einen Umweg zu gehen. Der gerade Weg muss nicht zwangsläufig der beste sein.

Infos zur Bewerbung gibt’s beim ijgd Landesverein Sachsen-Anhalt e.V. in Halberstadt unter Telefon (03941) 56 52-15. Anfragen per Mail gehen an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Einen ersten Überblick über das Freiwillige Ökologische Jahr kann man sich auf der Internetseite www.ijgd.de verschaffen. Finanziert wird der Freiwilligendienst vom Land Sachsen-Anhalt, dem Familienministerium und aus Mitteln der EU.