Ehrenamt auf der Kanzel

Waltraud Ulbrich engagiert sich ehrenamtlich in der evangelischen Kirche.

Waltraud Ulbrich (56) will nicht warten, bis die Balken ihr überm Kopf zusammenbrechen und engagiert sich ehrenamtlich in der evangelischen Kirche.

Wer mich damals im Kindergottesdienst in seiner Gruppe hatte, der bekam von mir gleich eine satte Salve an Fragen ab.“ Heute ist Waltraud Ulbrich selbst Prädikantin, „am 1. April 2012 von Bischöfin Ilse Junkermann im Magdeburg ordiniert“, erzählt die 56-Jährige nicht ohne Stolz.

Ihre christliche Herkunft verhinderte das Abitur, erinnert sich Waltraud Ulbrich, die eigentlich Theologie studieren wollte. „Dann begab ich mich auf den zweiten Bildungsweg“, erzählt die Prädikantin. „Ich absolvierte im Betonbau Wegeleben meine Lehre, studierte später Ingenieurökonomie, war Buchhalterin im Betrieb. Dann kam die Wende, da waren alle Abschlüsse nichts mehr wert“, klingt es etwas verbittert. Eine kirchliche Einrichtung, wo sie die Bücher führte, stand auch plötzlich mittellos da und wurde umstrukturiert. Arbeit fand sie nicht wieder. Endstation Hartz-IV-Empfängerin? „Ich wollte nicht warten, bis die Balken mir überm Kopf zusammenbrechen. Da habe ich mich halt im Ehrenamt engagiert.“

Sie trifft sich im benachbarten Ditfurt mit Hanna Radloff, einer Frau in ihrem Alter, und zwei Teenies, 14 und 15 Jahre alt und neuerdings einer weiteren Jungbläserin. Sie absolvierte am Cecilienstift Halberstadt einst eine C-Ausbildung und spielt neben dem Waldhorn und der Blockflöte auch Orgel. „Ich sitze oft im Gottesdienst an der Orgel, wir haben ja kaum Kirchenmusiker. Ich komme dann von da oben nur runter, um zu predigen“, erzählt sie von ihrer Doppelbelastung, die sie nicht als solche empfindet.

Das geht aber nur, wenn die Gemeinde mitzieht und die Kirchenältesten etwas dafür tun. Das laufe in Schwanebeck oder Emersleben und Gröningen bestens, weil die Zusammenarbeit mit den Lektoren funktioniert. „Es freut uns als Pfarrer und Prädikanten, dass die Gemeinde die Initiative ergreift und wir ihnen nur noch beratend zur Seite stehen. Wir nehmen doch den Pfarrern nicht die Arbeit weg, wie sollen sie bei uns zu dritt in 21 Orten Gottesdienst halten? Wir haben einen Auftrag von Gott. Sagt nicht Petrus: „dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat …“?


Am Heiligen Abend feierte sie gleich drei Christvespern. Für die Prädikantin Waltraud Ulbrich waren schon acht bis zehn Gottesdienste im Monat der „Normalwert“. „Ein Pfarrer schafft das allein einfach nicht und wird entlastet, wenn Dienste übernommen werden.“ Wenn im Sommer kein Pfarrer aus der „Region Ost“ des Halberstädter Kirchenkreises erreichbar ist, übernimmt Waltraud Ulbrich auch mal Beerdigungen.


Waltraud Ulbrich kommt eigentlich aus der Kinder- und Jugendarbeit der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Michael Manthey bezeichnet sie dort als ihren Mentor. „Nach der Wende gab es zunehmend gefährdete Jugendliche durch Alkohol, wie das so ist.“ Von Manthey lernte sie damals auch, wie man eine Predigt aufbaut, befasste sich mit Antithese, Satire und Übertreibung. „Das hilft mir heute sehr, wenn ich am Computer sitze und meine Predigt schreibe“, gesteht die Prädikantin. „Nach dem Schreiben ist sie dann auch im Kopf drin, da greife ich nur noch mal zum Manuskript, wenn es um Überleitungen geht und ich die Kurve kriegen muss.“


Meist steht sie am Pult. Auf die Kanzel, wie Heiligabend in Gröningen, steigt sie nur selten. Sie will nah bei der Gemeinde sein. „Es gibt so viele kleine Freuden: In Schlanstedt kamen sonst drei oder vier Leute in die Kirche, heute sind es meist mehr als zehn.“ Die Andacht vor einem Jahr für Hilda Krense in der Deesdorfer Kirche blieb ihr in Erinnerung. Alle Glocken läuteten für die 100-Jährige, die hier konfirmiert wurde. „Ich schenkte ihr einen Handschmeichler, einen bronzenen Stein mit einem Kreuz. Sie sagte mir später, sie fühlte sich an den Tag ihrer Konfirmation zurückversetzt.“

Unterdessen füllt sich Waltraud Ulbrichs Terminkalender wieder zusehends; Prädikantentreffen, Gottesdienste, Frauenkreis, das Üben mit den jungen Bläsern. Das Ehrenamt muss koordiniert werden. Für den Sommer hat sie sich bereits das traditionelle Kindercamp vorgemerkt. „Mir obliegt da nur die Aufgabe der Nachtwächterin.“ Schmunzeln weist die Wegelebenerin auf einen besonderen Eintrag: „Ich darf nicht vergessen, nach sechs Jahren bei der Superintendentin die Verlängerung für meinen Prädikantendienst zu beantragen.“ Kaum vorstellbar, dass Angelika Zädow dies verwehren sollte. Uwe Kraus