Die Retter der Lieblingsstücke

Das Wernigeröder „Repair-Café“ verbindet den Kampf gegen die Wegwerfkultur mit der Lust am Selbermachen. Das Konzept ist einfach: Handwerklich geschickte Ehrenamtliche helfen anderen, kaputte Sachen zu reparieren – den Staubsauger, der nicht mehr anspringt und den Toaster, der nur tiefschwarze Scheiben produziert. Bei Kaffee und Kuchen wird geflickt, gelötet und geschraubt.

Von FRANK DRECHSLER
Weihnachten ist gerettet. Das finden zumindest Renate und Karl-Heinz Papke aus Benneckenstein. Denn für ihre defekte Weihnachtsbeleuchtung, die nach den Feiertagen letztes Jahr den Geist aufgegeben hatte, muss das Ehepaar nun doch keine neue kaufen. Dank der Experten vom Repair-Café in Wernigerode. Die hatten die Lichterkette der Papkes in Nullkommanichts repariert. Schwibbbogen, Uralt-Laptop oder CD-Player, Milchaufschäumer, Staubsauger oder Batterieladegerät – irgendwann geben sie alle mal den Geist auf. Leider oft dann, wenn gerade die Garantie abgelaufen ist. Wegschmeißen und neu kaufen? Das muss nicht sein.

Jedenfalls nicht immer. Denn genau hier kommen die Experten vom „Repair-Café“ in Wernigerode ins Spiel. Im Mai letzten Jahres von der Initiative der AG Nachhaltige Hochschule Harz aus der Taufe gehoben, hat sich das Projekt zu einem Renner entwickelt. Aus dem gesamten Harzkreis kommen Hilfe- und Ratsuchende mit ihren Geräten zur Oskar-Kämmer-Schule, wo das „Repair-Café“ stattfindet. Hier überprüfen Hochschulangehörige, Mitarbeiter der Schule, Studierende sowie engagierte Bürger unter dem Motto „Wegwerfen? Denkste!“ ehrenamtlich die mitgebrachten kaputten Geräte. Wenn eine Reparatur möglich ist, machen sich Besitzer und Experten gemeinsam an die Arbeit. Werkzeug ist vorhanden, jedoch bitten die Organisatoren darum, dass eventuelle Ersatzteile oder Materialen – wenn vorher bekannt – gleich mitgebracht werden. Falls das Problem nicht sofort lösbar ist oder zusätzliche Teile bestellt werden müssen, gibt es Tipps und Ratschläge für ein Weitertüfteln daheim oder eine Einladung zum nächsten „Repair-Café“.

Oft bedarf es aber nur eines geringen Reparaturaufwands, um den Geräten zu einer zweiten Chance zu verhelfen. Im „Repair-Café" wird auch scheinbar hoffnungslosen Kandidaten oftmals wieder neues Leben eingehaucht. Allerdings stoßen die Fachleute auch schon mal an Grenzen. Viele Geräte sind heute nämlich bereits so konstruiert, dass sie gar nicht mehr repariert werden können. Zusammenschrauben war gestern, viele Bauteile werden nur noch geklebt oder gepresst.

So wie bei dem alten Staubsauger von AEG. „Hier ist leider alles gepresst, nichts verschraubt. Eine Stelle, wo man das Gerät auseinander schrauben kann, ist einfach nicht zu finden“, lautet das ernüchternde Resümee des 65-jährigen Elektronikfachmanns Ingo Stielke, der im Walzwerk in Ilsenburg bis zu seiner Pensionierung die Elektronikabteilung leitete. „Die soll man wohl auch nicht finden,“ mutmaßt Hans Krauser, 63, Professor für Physik und Elektrotechnik an der Hochschule Harz.

Anders als die Dame mit dem alten Staubsauger hatte Familie Papke mit ihrer Lichterkette mehr Glück. Da musste Ingo Stielke nur einen Kontakt mit dem Kabel neu verlöten. Dann leuchtete die Lichterkette wieder. „Wir dekorieren jedes Jahr drei große Fenster in unserem Haus. Darauf dürfen wir uns nun wieder freuen. Und wir sind froh, keine neue Lichterkette kaufen zu müssen. Es wird schon viel zu viel und zu früh weggeworfen. Daher ist das ,Repair-Café’ eine tolle Sache“, finden die Papkes.

Auch Helge-Hartmut Mehlhose aus Wernigerode ist dieser Meinung. „Ich sträube mich entschieden, immer alles gleich wegwerfen zu müssen“, sagt er. Sicher, manches könne man nicht mehr reparieren. Sein altes Navi beispielsweise war nicht mehr zu retten. „Für mein Kassettendeck mit CD-Player, das nicht mehr so richtig funktioniert, besteht aber vielleicht noch Hoffnung. Ich werde das Gerät beim nächsten Termin einem der Experten vorstellen. Man darf wegen des Andrangs immer nur ein Gerät mitbringen, was ich nachvollziehen kann. Ich möchte allen Akteuren, Fachleuten und den Mitarbeitern der Oskar-Kämmer-Schule ein dickes Lob aussprechen“, sagt der pensionierte Sozialpädagoge.

Die Erfolgsquote kann sich übrigens sehen lassen. Von bisher 243 vorgestellten Geräten insgesamt, konnten 98 repariert werden. Das sind 40 Prozent. „Nicht schlecht“, findet Initiatorin und Hochschulmitarbeiterin Jeanette Israel-Schart. „Wir freuen uns über die Begeisterung aller Beteiligten, hier Geräte aufschrauben und mit eigenen Händen verloren Geglaubtes wieder gangbar machen zu können. Die Idee, ein
„Repair-Café“ zu gründen, geht übrigens auf Hans Krauser zurück. Er hatte mit der Reparatur eines Bildschirms den Grundstein für die Gründung gelegt, 93 Cent für ein benötigtes Bauteil bezahlt und eingebaut. Seitdem läuft der Monitor wieder. Wissen mit anderen teilen, das ist seitdem unser Geheimnis.“