Der weiße Namibier

Sebastian Umbach ist Sozialarbeiter in Ilsenburg. Seine Gedanken aber sind oft ganz weit weg, in Katutura, dem Armenviertel der namibischen Hauptstadt Windhuk. Seit neun Jahren sammelt er mit seinen Mitstreitern Spenden für eine Suppenküche, die dort Kinder mit einer warmen Mahlzeit versorgt.


Von DANA TOSCHNER
Wenn Freunde ihn den „weißen Namibier“ nennen, grinst Sebastian Umbach. „Ich würde mir selbst natürlich nie solch einen Namen geben. Aber durch meine vielen Besuche kenne ich das Land inzwischen sehr gut. Also ein bisschen was ist schon dran“, räumt er ein. Eigentlich ist der 45-Jährige Sozialarbeiter in Ilsenburg. Seit 21 Jahren kümmert er sich um Drogen- und Gewaltprävention, spricht mit Jugendlichen über Rechtsextremismus, ist Ansprechpartner in Krisensituationen. Doch sein Herz schlägt nicht nur für diese Arbeit – und natürlich für seine Familie –, sondern auch für Afrika.

Seit Sebastian Umbach 2002 zum ersten Mal in Namibia Urlaub machte, lässt ihn das Land nicht mehr los. Damals war er einfach nur neugierig. „Wir hatten die Flüge gebucht, ein Auto gemietet und machten uns auf, das Land kennenzulernen. Wenn man sich traut, auf eigene Faust unterwegs zu sein, lernt man das echte Afrika kennen“, erzählt er. Gefährlich sei das nicht. „Man kann sagen: Namibia ist Afrika für Anfänger.“ Als er mit seiner Frau von der Hauptstadt Windhuk gen Süden fuhr, faszinierte ihn vor allem die Weite. „Du fährst über Staubpisten und begegnest am Tag nur zwei anderen Autos. Diese Menschenleere fand ich überwältigend.“

Zurück in Deutschland begann er, sich über die Geschichte Namibias zu belesen und stellte erstaunt fest, dass rund 400 namibische Kinder, die meisten von ihnen Waisen, in der DDR aufgewachsen sind. „Sie wurden zwischen 1979 und 1989 hier aufgenommen, weil man sie von den Bürgerkriegswirren fernhalten und in der DDR sozialistisch erziehen und ausbilden wollte“, erzählt Sebastian Umbach. „Aber 1990 schickte man sie zurück. Namibia war unabhängig geworden, die DDR gab es nicht mehr, also war der Vertrag hinfällig.“ Über die Geschichten dieser Afrikaner, die ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht hatten, und nun in etwas so alt sind wie Sebastian Umbach selbst, wollte er mehr herausfinden. Er knüpfte Kontakte zu Zeitzeugen und schob zusammen mit dem Ilsenburger Verein Kultur, Bildung und Freizeit e.V. ein erstes Jugendaustausch-Projekt an. 2008 flog der Sozialarbeiter dann mit jungen Ilsenburgern nach Namibia. Sie machten sich auf Spurensuche. „Durch meine Recherchen hatte ich Kontakte zu Einheimischen. Sie haben uns Türen geöffnet. Vieles hätte man als Tourist so nie erleben können.“ Einer der Kontaktleute vor Ort sagte zu den Deutschen: „Fahrt nach Katutura, schaut euch die Suppenküche an und sprecht mit Kapepo!“

Jener junge Mann, Samuel Kapepo, ist inzwischen für Sebastian Umbach ein Freund geworden. Er leitet die „Kids Soupkitchen“, eine Suppenküche, in der Ehrenamtliche für bedürftige Kinder mehrmals wöchentlich 200 warme Mittagessen kochen. Das Projekt wird komplett aus Spenden finanziert. „Wenn man einmal sieht, unter welch extremer Armut die Menschen dort leben, hinterlässt das Spuren“, sagt Sebastian Umbach.

Nicht umsonst heißt Katutura übersetzt „Ort, an dem wir nicht leben möchten“. In den sechziger Jahren siedelte das Apartheid-Regime die schwarze Bevölkerung zwangsweise aus der Innenstadt Windhuks hierher um. Inzwischen ist die Stadt so sehr gewachsen, dass Katutura wieder ein Teil von ihr ist. In der Vorstadt leben die Ärmsten der Armen.

„Rund 70.000 Menschen hausen hier unter erbärmlichen Umständen“, sagt Sebastian Umbach. Er erzählt von Wellblechhütten und Bretterverschlägen, von Eimern, die als Toiletten dienen, von Müllbergen und furchtbaren Gerüchen.

Die Armut reicht bis zum Horizont. Einer der Reiseteilnehmer formulierte treffend: „Bittere Armut hat überall das gleiche Gesicht, aber hier, in Katutura, endet sie nicht nach 300 Metern. Du kannst stundenlang laufen, und hinter jeder Ecke schaut sie wieder in dein Gesicht.“

In dieser trostlosen Welt ist Samuel Kapepos Suppenküche ein Hoffnungsschimmer. Immer wieder kommen junge Ehrenamtliche, um mitzuhelfen. Sie kaufen ein, kochen, verteilen das Essen an die Kinder und Jugendlichen, bieten ihnen einen Zufluchtsort und einen sicheren Ort zum Spielen. Viele, die sich hier ihr Essen holen, können von den Eltern nicht ausreichend versorgt werden, weil es an Geld fehlt. Die Eltern arbeiten als Tagelöhner, manche sind alleinerziehend, die gesundheitliche Versorgung ist schlecht. „Bevor gegessen wird, gibt es immer eine kleine Infoveranstaltung zu HIV, Drogen- oder Gewaltprävention. Das ist dort enorm wichtig und ein Anknüpfungspunkt zu meiner Arbeit mit Jugendlichen zu Hause in Ilsenburg“, sagt Sebastian Umbach.

Weil er findet, dass die Namibia-Erlebnisse nicht nur für den mittlerweile regelmäßig stattfindenden Jugendaustausch wichtige Impulse geben, ist er im November 2016 mit einer kleinen Gruppe von Sozialarbeitern aus dem Harz gen Afrika aufgebrochen. „Natürlich kann ich Vorträge über die Armut und über Hilfsprojekte halten und Bilder zeigen“, sagt Sebastian Umbach. „Aber Orte wie Katutura mit eigenen Augen zu sehen, selbst mit den Menschen dort zu sprechen, das ist etwas ganz anderes.“ Die Teilnehmer erleben eine Welt zwischen Armut und Überfluss, sie beschäftigen sich mit der ungleichen Verteilung von Wohlstand in der Welt, mit der namibischen Geschichte, mit Rassismus und Apartheid in Südafrika und staunen über die Gastfreundlichkeit, die man ihnen entgegen bringt. „Man fragt sich, wo und wie Hilfe fruchten kann, und warum wir trotz unseres vergleichsweise luxuriösen Lebens oft so unzufrieden sind.“

Wenn ein Jugendlicher nach einer solchen Reise seine Eltern und Verwandten bittet, ihm zum Geburtstag nichts zu schenken, sondern lieber Geld für Kapepos Suppenküche zu spenden, freut sich Sebastian Umbach. Denn seit seinem ersten Besuch in Katutura, vor neun Jahren, sammelt er Geld, um die Arbeit der Suppenküche zu unterstützen. „Ich kann garantieren, dass das Geld zu 100 Prozent dem Projekt zugute kommt, denn ich fliege regelmäßig nach Namibia und gehe mit der Suppenküchen-Crew einkaufen.“

18 Mal ist er schon in Namibia gewesen. Und Samuel Kapepo, der Suppenküchen-Chef, war unterdessen auch schon zweimal in Ilsenburg. „Für ihn ist Deutschland ein Wunderland. Er ist oft völlig verblüfft, wie die Dinge hier funktionieren.“ In seinem Heimatdorf Omatunda, zehn Autostunden nördlich von Windhuk, haben die Häuser weder Wasser- noch Stromanschluss, dafür krabbeln Mini-Skorpione übers Schlaflager. „Ich finde es großartig, dass trotz dieser Unterschiede über die Jahre Freundschaften entstanden sind und dass unser deutsch-namibisches Netzwerk immer größer wird“, sagt Sebastian Umbach. „Dieses Projekt ist kein Strohfeuer.“