Die Türmer von Eilenstedt

Vom Eilenstedter Kirchturm war vor zehn Jahren nur noch ein Haufen Steine übrig. Er drohte einzustürzen und musste abgetragen werden. Der Verlust des Dorf-Wahrzeichens schmerzte die Einwohner. Heute hat Eilenstedt einen neuen Turm, den eine engagierte Truppe mit Leben füllen will.

Von DANA TOSCHNER
Man sagt, Glaube kann Berge versetzen. In Eilenstedt, einem 970-Seelen-Dorf bei Halberstadt, sollte der Spruch eher heißen: Glaube kann Türme errichten. Denn der mächtige Kirchturm, der weithin sichtbar auf einer Anhöhe thront, hat eine besondere Geschichte zu erzählen. Aus der Nähe betrachtet wirkt der Turm seltsam: Direkt an die alten Mauern der benachbarten Kirche schließt sich der moderne Turm aus schmucklosen Sichtbeton-Teilen an. „Das ist gewöhnungsbedürftig“, gibt Elke Dietrich zu. „Aber jeder, der den Turm von innen gesehen hat, der geht staunend wieder raus.“ Sie soll Recht behalten. Denn das, was hier entstanden ist, sucht in Zeiten knapper Kassen seinesgleichen. Wer verstehen will, warum die Eilenstedter ihren neuen Turm so lieben, der muss ein bisschen in die Vergangenheit eintauchen.

„Erbaut wurde der Turm im 9. Jahrhundert als Wehr- und Wachturm“, weiß Elke Dietrich. „Er gehörte zum Kloster Huysburg, von hier hatte man einen guten Überblick über die Äcker. Das romanische Kirchenschiff kam erst 300 Jahre später dazu.“ Die Eilenstedterin weiß viele weitere Details über die Erweiterungsbauten der Kirche, den Altar, die Glocken und die geschnitzte Kanzel und führt die Besucher stolz an den erst kürzlich vom Holzwurm befreiten Kirchenbänken vorbei. Doch ebenso wie die Kirche selbst liegt ihr der Turm am Herzen.

„Er wurde schon in den 1990er Jahren saniert, aber das ging schief“, erzählt sie. Die Materialien, die verwendet wurden, harmonierten nicht. Der Turm trieb immer mehr auseinander. Weil er einsturzgefährdet war, musste 1999 die Turmhaube abgenommen werden, ein paar Jahre später wurden die Mauern komplett abgetragen, sodass am Ende nur ein Haufen Steine übrig blieb von Eilenstedts einstigem Wahrzeichen. „Als die Turmspitze abgenommen wurde und am Haken des Krans hing, gab es Tränen“, sagt Elke Dietrich. Iris Richter pflichtet ihr bei: „Für die Eilenstedter war das ganz bitter. Aus der Ferne gab es den vertrauten Anblick plötzlich nicht mehr. Aus der Nähe sah man einen Schuttberg, daneben die Turmspitze, die auf dem Boden stand, und das marode Kirchenschiff, das drohte, zur Ruine zu werden.“

Ihr Dorf ohne den charakteristischen Turm? Damit wollten sich die Eilenstedter nicht abfinden. Sie trafen sich zur Ideenfindung und schmiedeten Zukunftspläne. „Die St. Nicolai Kirche ist nicht nur der Kirchgemeinde wichtig, sondern allen Einwohnern. Sie ist das Herz des Dorfes und ein Stück Heimat“, sagt Michael Richter, der Ortsbürgermeister. „Wir standen vor der Frage: Verlieren wir alles oder kämpfen wir darum?

Wir haben uns fürs Kämpfen entschieden.“ Recht schnell stand fest, dass sie den Turm wieder aufbauen wollten. Am besten als Wohnturm, damit man die Räume für kulturelle und kirchliche Zwecke gleichermaßen nutzen kann. Die Eilenstedter schrieben ein Nutzungskonzept für den neu zu bauenden Turm und kümmerten sich um Fördergelder. „Wir haben alle Quellen angezapft“, sagt Michael Richter. Als ausgesprochen gute Idee erwies sich das Spendensammeln durch verkaufte Steine: Jeder, der wollte, konnte sich für 10 Euro symbolisch einen Stein kaufen. „Darüber haben wir einen Großteil der Eigenmittel eingeworben.“

Das Geld zusammenzukriegen, war keine leichte Übung. „Aber die Leute hier haben Biss. Ich finde, das Dorf wächst an solchen Aufgaben“, sagt Michael Richter. Heute, im Rückblick, ist er stolz auf das Erreichte. Parallel zum Turmneubau wurden das Dach des Kirchenschiffs neu eingedeckt und die Mauern vom Schwamm befreit.

Als der Turm dann im Oktober 2015 als kirchlich-kommunales Begegnungszentrum eröffnet wurde, war das ganze Dorf auf den Beinen und feierte ein Volksfest. Für die Mitstreiter des Ausschusses „Wir im Turm“, zu dem unter anderem Elke Dietrich und das Ehepaar Richter gehören, ging danach die Arbeit erst richtig los. „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, den Turm mit Leben zu füllen“, sagt Iris Richter. „Wir sind jenen dankbar, die sich über viele Jahre unermüdlich für das Projekt eingesetzt haben, vor allem der Familie Däter und unserem ehemaligen Ortsbürgermeister Volker Sander. Deren Engagement führen wir jetzt fort.“

Während unten im Turm zum Beispiel Vorträge und Buchlesungen stattfinden, wird weiter oben geturnt. Der Sportraum hat einen besonderen Reiz: Beim Yoga, Zumba oder Rückenschulkurs schauen die Teilnehmer über die Dächer des Dorfes.

Wenn die „Wir im Turm“-Leute selbst Zeit finden, zwischen ihrer Arbeit und dem ehrenamtlichen Engagement fürs Turmprojekt in die Ferne zu schauen, sehen sie dort schon die nächsten Ziele: Die Glocken sollen unbedingt wieder hoch in den Turm. Und außerdem muss für die Eulensammlung – die Eule ist das Wappentier des Dorfes – endlich ein ordentliches Museum eingerichtet werden. Im Moment lagern die Eulen noch in unzähligen Kisten. Aber, wer die Eilenstedter kennt, dem ist auch um dieses Projekt nicht bange. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, ziehen sie’s auch durch.