Im Schwebezustand

Manchmal gibt es sie, diese Wochen, in denen alles zu gelingen scheint. In denen man so viel Lob und Anerkennung erntet, dass man sich im Schwebezustand wähnt. Kathrin Katt erlebt gerade so ein Hochgefühl. Die Halberstädterin wurde von der MDR-Sendung „Garten“ zur besten Floristin des Jahres gekürt.

Von DANA TOSCHNER
Eigentlich ist es so gar nicht ihr Ding, im Mittelpunkt zu stehen, alle Augen auf sich gerichtet zu wissen. Und nun auch noch eine Kamera. Aber Kathrin Katt hat beschlossen, sich nicht zu zieren und über ihren Schatten zu springen. Schließlich hat man nicht alle Tage einen Fernsehredakteur am Telefon, der mit seinem Team im eigenen Geschäft drehen will. „Ich dachte im ersten Moment, die wollen mich verscheißern“, sagt sie lachend.

Aber die Anfrage war ernst gemeint: Der MDR suchte für seine Sendung „Garten“ drei Kandidaten, die sich dem Wettbewerb um den bes­ten Floristen des Jahres stellen – einen aus Thüringen, einen aus Sachsen und einen aus Sachsen-Anhalt. Der Berufsverband hatte Kathrin Katt vorgeschlagen. „Ich spürte, dass das eine tolle Chance für mich ist. Ich habe noch nie an einem Wettbewerb teilgenommen, aber es hat mich gereizt, mich einer solchen Herausforderung zu stellen. Bisher war nie Zeit dafür, denn man muss sich auf so etwas ja auch vorbereiten.“

Nun musste es ohne Vorbereitung klappen, denn die drei Kandidaten hatten keine Ahnung, was genau auf sie zukommt. Einen ganzen Tag lang verbrachte das Fernsehteam dann bei „Scilla Witte“ in Halberstadt und schaute Kathrin Katt über die Schulter, während sie hin und her eilte, um die Aufgaben zu lösen. Jeweils eine Stunde hatte sie Zeit, um einen ganz besonderen Strauß zu Taufe, einen zur Silberhochzeit und einen Kopf- und Armschmuck für einen Ball zu gestalten. „Die Sträuße waren einfach, das ist ja unser tägliches Geschäft, aber der Schmuck war knifflig“, sagt Kathrin Katt. „Da wäre es besser, man hätte die Kundin vor sich und könnte ihr zeigen, wie sie den Armschmuck anlegen soll.“

Die 47-Jährige hat alle Herausforderungen gemeistert und nach den kurzen Fernsehbeiträgen jede Menge Lob und Schulterklopfen für ihre Arbeiten bekommen. Und – in dem Fall genauso wichtig – viele, viele Klicks im Internet, mit denen die Zuschauer für sie stimmten und ihr den Sieg sicherten. „Ich erlebe gerade eine tolle Zeit. Manchmal glaube ich, ich schwebe. Jeden Tag sprechen mich Kunden an, alle sind herzlich und freuen sich mit mir. Und sie sind stolz, dass unsere Stadt mit so etwas Positivem in den Medien ist.“

In Halberstadt ist ihr Geschäft „Scilla Witte“ bekannt. Es ist nicht einfach nur ein Blumenladen, sondern fast schon eine Marke. Der Name steht für exklusive Blumenarrangements, für stilvolle Accessoires, die Liebe zum Besonderen und hochwertige Gartengestaltung. Letztere ist das Metier von Kathrin Katts Bruder Andreas Schachtner. Die beiden führen das Lebenswerk ihrer Eltern weiter, vor fast 20 Jahren haben sie die Regie übernommen. „Dass wir heute dort stehen, wo wir sind, ist nicht allein unser Verdienst“, betont Kathrin Katt. „Unser Eltern haben ,Scilla Witte’ schon zu DDR-Zeiten zu einer Marke gemacht, obwohl es damals sehr schwierig war, Ware zu bekommen. Sie haben den Grundstein gelegt. Andreas und ich haben uns sozusagen in ein gemachtes Nest setzen können.“

Die Geschichte des Geschäfts reicht noch länger zurück. Schon 1906 hatten die Eltern von Scilla Witte am Holzmarkt einen kleinen Blumenladen eröffnet. Ihre Tochter übernahm später das elterliche Geschäft. Als der Laden auf dem Holzmarkt im Krieg zerstört wurde, wagte sie 1945 am heutigen Standort, in der Friedrich-Ebert-Straße, einen Neustart und führte den Laden bis zu ihrem Tod. Weil sie selbst keine Kinder hatte, hinterließ sie das Geschäft ihrer Mitarbeiterin Edith Schachtner, die Teil der Familie geworden war. Sie leitete es bis 1998 gemeinsam mit ihrem Mann Dietrich. Dann übergaben sie es an ihre Kinder. Der Name „Scilla Witte“ ist immer geblieben. Offensichtlich ist er ein Glücksbringer.

„Für mich stand immer fest, dass ich Floristin werden wollte. Mein Bruder und ich sind hier im Laden groß geworden, so wie es heute auch bei meiner Tochter Sina ist“, sagt Kathrin Katt. Einen kleinen Umweg legte sie trotzdem ein: Weil die Eltern zu DDR-Zeiten immer Angst hatten, das Geschäft könnte verstaatlicht werden, rieten sie ihr zu einem Studium. Das halbe Jahr Ökonomie an der Universität Leipzig war aber so gar nicht das Ding ihrer Tochter. „Das war grauenhaft. Die Wende hat mich gerettet. Ich brach das Studium ab und fuhr mit meinem Vater in den Westen, um in den Blumengeschäften nach einem Ausbildungsplatz zu fragen.“

Sie lernte in Braunschweig bei einem Ehepaar, das selbst vor vielen Jahren aus der DDR ausgereist war. „Ich hatte einen strengen, aber guten Lehrmeister. Wir sind bis heute in Kontakt. Er besucht mich jedes Jahr zur Adventsausstellung.“ Das Wochenende zum Auftakt der Vorweihnachtszeit ist für „Scilla Witte“ das umsatzstärkste im Jahr. Der komplette Laden ist weihnachtlich dekoriert, hunderte Kunden kommen zum Glühweintrinken, sie kaufen extravagante Kränze, Gestecke, glitzernden Baumschmuck und hölzerne Engel. Das war nicht immer so. „Unsere erste Adventsausstellung war ein Flop“, erinnert sich Kathrin Katt. „Wir haben überall Rindenmulch auf den Böden verteilt. Das sah toll aus, aber es kamen nur fünf Leute. Und wir hatten ewig zu tun, alles wieder sauber zu machen.“

Über solche kleinen Tiefschläge kann Kathrin Katt lachen. Sie ist froh, dass sich alles so gut entwickelt hat und das Geschäft nie in ernsthafte Schwierigkeiten geraten ist. Zwei Floristinnen und zwei Auszubildende stehen ihr zur Seite. „Ich würde gern noch eine weitere Floris­tin einstellen, aber gute Mitarbeiter zu finden, ist nicht so einfach. Früher habe ich pro Jahr 30 Bewerbungen für eine Lehrstelle bekommen, heute ist es nur noch eine.“ Der Beruf einer Floristin werde oft unterschätzt, meint sie. „Das kann man nicht mal eben so, ohne Ausbildung. Ein Florist ist im Kopf immer auch ein Künstler. Du willst nicht nur fünf Rosen zusammenbinden und fertig.“ Ihr eigener hoher Anspruch spiegelt sich in ihrer Arbeit wieder. „Blumen sind für mich ein Stück Leben. Ich liebe es, sie immer neu in Szene zu setzen.“