Wie in einem alten Film

Das Thalenser Kino ist ebenso herrlich altmodisch wie sein Name: Central-Theater heißt das kleine, gemütliche Haus. Direkt gegenüber des Bahnhofs hat es überlebt und seinen ganz eigenen Charme bewahrt.

Von FRANK DRECHSLER
Popcorn gibt’s in jedem Kino. Auch bei Sylvia Walther im Central-Theater in Thale. Zu der süßen Nascherei aus Mais gibt es hier aber auch noch eine andere Version – nämlich die gesalzene. „Wir haben zwei Popcorn-Maschinen im Einsatz. Für jede Sorte eine. Das salzige Popcorn hat durchaus seine Liebhaber gefunden“, erklärt Sylvia Walther, die das Kino von der Stadt Thale gepachtet hat und seit dem 1. Dezember 2001 führt. 105 Jahre ist es nun schon alt, das denkmalgeschützte Haus. Es hat eine lange Geschichte. Als Kino wurde der Bau am 8. November im Jahre 1911 eröffnet, was bis heute ununterbrochen auch seine Bestimmung war. Sylvia Walther kennt das Haus aus dem Effeff, schon 1987 hatte sie hier als Kassiererin angefangen. Kurz nach der Wende kam dann das Aus, sie musste, wie viele andere Beschäftigte der damals zuständigen Bezirksfilmdirektion Halle, gehen. Sylvia Walther zog zunächst mit ihrem Lebenspartner nach Berlin und leitete dort – natürlich – ein Kino. Im Berliner Bezirk Reinickendorf, von 1992 bis 1999. In Thale wurde das Kino geschlossen. Als es die Stadt dann bei einer Auktion ersteigerte und sanieren ließ, kehrte die gebürtige Thalenserin in den Harz zurück und pachtete es. In das traditionsreiche Haus kehrte wieder Leben ein. „Die Stadt Thale hat großes Interesse daran, es auch weiter als Kino dauerhaft zu erhalten“, erzählt Sylvia Walther. Mehrfach wurde das Haus inzwischen saniert.

Der Kinosaal verfügt über 96 Sitzplätze. 17 weitere kommen in der Kinobar dazu, von der aus man durch große Glasscheiben ebenfalls die Vorführungen genießen kann – wahlweise bei Bockwurst, Baguette, Glühwein, Bier oder einem Zigarettchen. Denn Rauchen ist hier, in diesem abgeteilten Bereich, erlaubt. Zwei bis drei Vorstellungen gibt es pro Tag, gespielt werden Filme, die Kinder und Erwachsene gleichermaßen ansprechen. „Wir haben nur einen Saal, müssen uns daher etwas anders orientieren als Häuser mit mehreren Sälen. Wir verstehen uns als Familienkino, was bei Einheimischen wie Touristen gut ankommt“, sagt Sylvia Walther. Statt auf Action- und Horrorstreifen setzt sie auf Filme wie „Plötzlich Papa“, „Vaiana“ oder „Honig im Kopf“.

Mittlerweile sind auch Schulklassen regelmäßig zu Gast. „Seit gut zwei Jahren bieten wir so genannte Schulkinowochen an. Anfangs war das Interesse nicht so groß. Jetzt haben wir die Aktion auf zwei Wochen – immer im November – ausgedehnt. Schulklassen aus dem ganzen Harzkreis fragen mittlerweile nach“, freut sich die Kinobetreiberin.

Um Filme auf die Leinwand zu bringen, bedarf es heutzutage nicht mehr großer Geräte. Sylvia Walther zeigt den unscheinbaren Computerarbeitsplatz: ein PC, ein kleiner Bildschirm. Mehr braucht es heute nicht, um Filme zu zeigen. Sie kommen auch nicht mehr als schwere 35mm-Rollen ins Haus, sondern auf einer verschlüsselten USB-Festplatte. Die großen Projektoren wurden in den Ruhestand geschickt, stehen aber noch als stumme Zeitzeugen im Vorführraum. Ebenso wie die riesigen Teller, auf denen sie immer wieder zurückgespult werden mussten. Jetzt projiziert ein überdimensionales, von einem Gebläse gekühltes Gerät die Bilder flimmerfrei auf die Leinwand. „Das Ding sieht aus wie ein großer Beamer. Schwer und unhandlich. Zu sechst haben wir es hier hoch gewuchtet“, erinnert sich Sylvia Walther.

Ein bisschen schade findet sie, dass sie selbst so selten dazu kommt, in Ruhe einen Film anzuschauen. „Es ist einfach zu viel zu tun“, lacht die Filmvorführerin, Kassenfrau und Café-Betreiberin in Personalunion. Regelmäßig fährt sie auf Messen, auf denen Kinobetreiber Trailer und Filme sichten, um dann zu entscheiden, welche Streifen sie von den Verleihern einkaufen. Mit jeder Entscheidung ist ein finanzielles Risiko verbunden, denn Sylvia Walther muss abschätzen, was in Thale gut läuft und was nicht. Aber hellsehen kann sie trotz der jahrelangen Kino-Erfahrung nicht. „Ich liege manchmal komplett daneben“, gesteht sie. Während „Der ganz große Traum“, ein Fußballfilm mit Daniel Brühl, in Thale floppte, obwohl sie ihn großartig fand, wurde kürzlich „Bob, der Streuner“ zum Überraschungserfolg. Wer sich beeilt, kann ihn vielleicht noch sehen – im kleinen, aber feinen Central-Theater, bei einer Tüte salzigem Popcorn.