Schlossherr mit Bohrmaschine

„Schlafen wie die Grafen“ verspricht ein Schild an der Hauptstraße im kleinen Stecklenberg. Wer hier abbiegt, wird überrascht. Michael Pinnow hat aus der Ruine des Schlosses ein erstaunliches kleines Hotel geschaffen, das er immer noch weiter verschönert.

Von DANA TOSCHNER
Einen Schlossherren stellt man sich gemeinhin als Anzugträger vor, mit seidenem Einstecktüchlein in der Tasche und Siegelring am Finger. Das aber ist nichts für Michael Pinnow. Der 55-Jährige trägt viel lieber seine staubbedeckte Arbeitskluft: „Ich bin Hobbyhandwerker und traue mich überall ran. Trockenbau, Elektrik, Maurerarbeiten, das mache ich alles am liebsten selbst.“ Diese Leidenschaft fürs Bauen und Sanieren war es auch, die ihm 1999 den Mut und das Selbstvertrauen gab, das Schloss Stecklenberg zu kaufen, obwohl es in einem erbärmlichen Zustand war. „Das Dach war kaputt, die Fenster zerschlagen, die Tapete hing von den Wänden, zwei Etagen waren eingestürzt, der Schwamm machte sich breit und der Park war so verwildert, dass man kaum die Zufahrt erkennen konnte“, beschreibt Michael Pinnow.

In einem Fotoalbum hat er die Aufnahmen aus jenen Tagen gesammelt. „Alle, die hier rein kamen, waren schockiert“, erinnert er sich. Dass er es trotzdem anpacken wollte, hielten Freunde und Bekannte für eine absurde Idee. „Ich glaube, manch einer dachte, dass ich pleite sein werde, noch ehe das Haus eröffnet.“ In seiner Fantasie aber war alles schon fertig. Er stand damals fasziniert in einem Raum, gleich rechts vom Eingang und sagte selbstbewusst: „Das hier wird einmal mein Büro. Ich stelle alte Möbel mit Löwenfüßen hinein.“

Genau so ist es gekommen. Im Büro des Schlosses stehen schwere, dunkle Möbel. Am Schreibtisch sitzt heute meistens Michael Pinnows Tochter Janet, die das Haus zusammen mit ihrem Vater führt. Eigentlich hatte die 26-Jährige andere Pläne. „Ich habe in Magdeburg und Hamburg Medienmanagement studiert und wollte eigentlich Journalistin werden oder in Richtung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gehen“, erzählt sie. Als Studentin war sie längere Zeit in Rom und Paris. „Aber dann habe ich festgestellt, dass es in Stecklenberg doch am schönsten ist.“

Der Gedanke, dass das Haus einmal in fremde Hände gehen würde, wenn sie sich anderswo eine Existenz aufbaut, gefiel ihr gar nicht. Sie entschied sich, zurück in die Heimat zu gehen. Denn ihr Herz schlägt, genau wie das des Vaters, für das Schloss. Die junge Frau kümmert sich um das Marketing, die Kommunikation mit den Gästen und um die Buchhaltung. Über ihren Vater, der irgendeines der Zimmer immer gerade renoviert, weil er eine noch schickere Tapete entdeckt hat, sagt sie mit einem liebevollen Lächeln: „Der Mann schläft nicht.“

Wie viel Tatendrang in ihm steckt, kann man sich vorstellen, wenn er seine Geschichte erzählt. Viele Jahre lang war Michael Pinnow Servicetechniker bei der Telekom. Er lebte in Weddersleben und war beruflich viel unterwegs, um zuerst Telefonanlagen, dann Karten- und Münztelefone zu reparieren. Als es die im öffentlichen Raum immer weniger gab und er sich Gedanken machte, wie es für ihn beruflich weitergehen würde, hatte er die Idee, das Schloss im benachbarten Stecklenberg wieder auf Vordermann zu bringen. „Es war zu DDR-Zeiten ein FDGB-Heim mit Etagendusche. Später hatte ein Pächter die Idee, hier ein Jugendhotel zu betreiben, aber daraus wurde nichts“, sagt er. „Ich wollte das Haus sanieren und eigentlich betreutes Wohnen für Senioren anbieten. Aber ich durfte es nur kaufen, wenn es touristisch genutzt wird, deshalb machten wir neue Pläne.“

Als er 1999 beim Bürgermeister vorsprach, sagte er ehrlich: „Ich habe nicht das große Geld, aber Muskelkraft.“ Er hatte mehrere Häuser saniert und vertraute in seine handwerklichen Fähigkeiten – auch wenn 1000 Quadratmeter Wohnfläche nicht mit einem Einfamilienhaus zu vergleichen sind. „Zu meiner Frau habe ich gesagt: Mit Optimismus, Fleiß und Bescheidenheit schaffen wird das.“

Dem Motto ist er treu geblieben. Als der Kredit von der Bank bewilligt war, machte er sich an die Arbeit. Zunächst blieb er weiter bei der Telekom angestellt und verbrachte die komplette Freizeit auf der Schloss-Baustelle. Ein ganzes Jahr war er nur mit dem Entrümpeln beschäftigt. Im Oktober 2004 eröffnete er das Haus. „Das war echt eng damals. Als die ersten Gäste kamen, habe ich oben noch die letzten Haken und Spiegel angebracht.“

Seit der Eröffnung hat sich viel verändert. Aus den Ferienwohnungen sind nun 13 Doppelzimmer geworden, es gibt einen großen Frühstücksraum und eine Terrasse, von der aus man morgens mit einem Cappuccino in der Hand die Enten auf dem kleinen Schlossteich beobachten kann. „Die Gäste lieben das“, sagt Michael Pinnow, der das Hotel unterdessen hauptberuflich betreibt.

Dafür, dass sich Vater, Tochter und die übrigen drei Angestellten gut um die Gäste kümmern, haben sie seit kurzem sogar einen schriftlichen Beweis: Das Internetportal Trivago hat das Schlosshotel Stecklenberg mit dem Award 2017 ausgezeichnet, es ist das am besten bewertete 3-Sterne-Hotel im ganzen Bundesland. Trivago hat Hotelbewertungen von Reisenden gesammelt, die auf verschiedenen Buchungs- und Bewertungsseiten hinterlassen wurden und daraus Bestenlisten erstellt. „Als sie uns angerufen haben, dachten wir, das kann doch nicht sein, das ist doch unglaublich“, sagt Janet Pinnow. Und tatsächlich schwärmen die Gäste auf den üblichen Buchungswebseiten: „Lage und Ambiente perfekt für Natur, Kultur, Entspannung.

Unaufdringlicher, umsichtiger Service, liebevoll saniertes Haus, moderne Badezimmer, große Auswahl beim Frühstück …“ Auf den Lorbeeren wollen sich Tochter und Vater nun aber nicht ausruhen. Dass man als Hotelier permanent um die Gäste bemüht sein muss und nicht nachlassen darf, ist ihnen bewusst. „Auch jede kritische Anmerkung steht natürlich sofort im Internet und bleibt dort ewig“, sagt Janet Pinnow. Die beiden sind sich einig: „Unser Ansporn ist es, die Erwartungshaltung der Gäste zu übertreffen.“