Julians Mütter

Der kleine Julian, drei Jahre alt, hat zwei Mütter: Seine „Bauchmama“ hat ihn zur Welt gebracht, seine „Herzmama“ schenkt ihm jeden Tag Liebe und Geborgenheit. Eine Mutter, die ihr Baby zur Adoption freigegeben hat und die Adoptivmutter des Jungen erzählen.

Von DANA TOSCHNER
„Einer meiner ehemaligen Lebensgefährten hat in nur zehn Minuten mein ganzes Leben zerstört. Ich wohnte damals in Quedlinburg mit meinen vier Kindern: Annika, Tim, Luise und Max. Ich wollte Annika von einer Freundin abholen und hatte Max bei seinem Vater gelassen. Ich hatte mich zwar von ihm getrennt, aber er war bislang immer lieb zu dem Kleinen gewesen. Als ich losging, hat er ihn gerade gefüttert. Dann muss Max geschrien haben. Ich weiß nicht, wie das abgelaufen ist. Ich war ja nicht dabei. Jedenfalls hat mein Lebensgefährte das Baby so lange geschüttelt und wahrscheinlich auch geschlagen, bis der Kleine schwer verletzt war und kaum noch geatmet hat. Max ist dann kurz darauf im Krankenhaus gestorben. Er war erst fünf Monate alt.

Meine anderen Kinder wurden sofort vom Jugendamt abgeholt und in Pflegefamilien untergebracht. Es gab Verhöre bei der Polizei und einen Gerichtsprozess. Max’ Vater wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, er ist noch im Gefängnis. Über mich wurde ein psychologisches Gutachten geschrieben. Die Gutachterin war der Meinung, dass ich nicht in der Lage bin, meine Kinder großzuziehen. Sie dürfen nicht bei mir wohnen. Der Richter hat verfügt, dass ich meine Kinder nie zurückbekommen werde.
Als das mit Max passierte, war ich aber gerade mit dem fünften Kind schwanger. Mit Julian. Mir tut es leid, dass er schon vor seiner Geburt so großem Stress ausgesetzt war. Vielleicht kam er deshalb zwei Wochen zu früh zur Welt. Nicht mal 24 Stunden nach der Entbindung standen dann schon die Mitarbeiter vom Jugendamt im Krankenhaus in meinem Zimmer. Sie haben ihn erstmal auf die Neugeborenen-Station gebracht, mit vier Tagen ist er dann in eine Pflegefamilie gekommen.
Meine älteste Tochter lebt seitdem bei ihrem leiblichen Vater, Tim und Luise habe ich zur Adoption freigegeben. Als das Jugendamt mich gefragt hat, ob ich das machen würde, habe ich mich erstmal völlig überrollt gefühlt. Ich hatte einen tonnenschweren Klotz auf dem Herzen liegen und habe mindestens eine Woche darüber nachgedacht. Dann habe ich mir gesagt, dass es wohl das Beste für die Kinder ist. Es war klar, dass sie nicht bei mir wohnen dürfen. Und ich wollte nicht, dass sie als Pflegekinder auf Dauer mit einer unklaren Situation leben müssen, immer in der Schwebe. Es geht ihnen gut, die Adoptiveltern schreiben manchmal Briefe und schicken Bilder ans Amt.
Bei Julian war es so, dass er nach der Geburt erstmal zu Bereitschaftspflegeeltern kam. Dann suchten Frau Rütting und Frau Hofmann vom Jugendamt einen Dauerpflegeplatz. Mit einem halben Jahr zog er zu dem Paar, das ihn später adoptiert hat. Als ich die beiden kennen gelernt habe, hat die Chemie sofort gepasst. Sie haben mir ihre ganze Geschichte erzählt. Also, dass sie selbst keine Kinder bekommen können. Ich fand es gut, dass er nicht in eine Familie kommt, die schon andere Pflegekinder betreut, die ja auch ihre Probleme haben. Ich habe mir gewünscht, dass er die komplette Aufmerksamkeit ganz allein für sich hat. Und genauso ist es jetzt.
Die Adoptiveltern von Julian sind sehr feinfühlig. Sie fragen auch, wie es mir geht. Und sie hören auf die Zwischentöne zwischen den Sätzen. Ich glaube, solche Eltern kann man sich nur wünschen.
Alle paar Monate treffen wir uns, das organisiert immer das Jugendamt. Die Adoptiveltern wollen Julian erzählen, dass ich die Bauchmama bin. Ich fühle mich zwiespältig, wenn ich ihn sehe. Ich freue mich, dass er wächst und gedeiht, aber ich bin auch ein bisschen bedrückt. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich ihn nicht bei mir habe.
Der Adoption zuzustimmen, war schwer für mich, aber ich stehe zu 100 Prozent dahinter. Natürlich bin ich im Bekanntenkreis Anfeindungen ausgesetzt. ,Deine Kinder sind dir doch scheißegal, es geht dir doch nur um dich’, sagen manche. Aber meine Freunde und meine Eltern kennen die ganze Geschichte. Sie fangen mich auf.
Mir ist klar, dass ich mich irgendwann den Fragen meiner Kinder stellen muss. Sie werden ja älter und wollen dann wissen, warum alles so gekommen ist. Das wird nicht einfach. Davor habe ich Angst. “

Claudia Heinze*, 31, aus Quedlinburg


„Vor zehn Jahren haben wir erfahren, dass wir auf normalem Weg keine Kinder bekommen können. Wir haben es dann über einige Jahre immer wieder mit künstlicher Befruchtung versucht, aber es hat einfach nicht geklappt. Die Hormonbehandlungen, das Hoffen und die Enttäuschungen haben uns sehr mitgenommen. Zu sehen, wie rundherum im Freundeskreis Frauen schwanger wurden, während es bei uns einfach nicht klappen wollte, war wirklich schwer.
Dann habe ich mit meinem Mann überlegt, ob wir nicht ein Kind adoptieren sollten. Wir sind zum Jugendamt gegangen, haben uns informiert und dann die ganze Prozedur mitgemacht. Man muss einen Lebensbericht schreiben, Fragebögen ausfüllen, seine finanziellen und familiären Verhältnisse offenlegen, Seminare besuchen, Jugendamtsmitarbeiter kommen zum Hausbesuch. Damals habe ich das als übertrieben empfunden, dass man sich so nackig machen muss, schließlich will man doch etwas Gutes. Wir wollten einem Kind all unsere Liebe schenken und eine Perspektive fürs Leben geben. Aber heute, mit etwas Abstand, sehe ich ein, dass es sinnvoll ist, die zukünftigen Adoptiveltern so zu durchleuchten.
Wir hatten uns eine Adoption eigentlich so vorgestellt, dass wir die leibliche Mutter nicht kennen lernen. Das Kind sollte mit dem vorigen Leben abschließen und bei uns ein neues anfangen. Frau Rütting vom Jugendamt hat dann sehr offen mit uns gesprochen und uns erklärt, dass es so, wie wir uns das vorstellen, nicht funktionieren wird. Aber sie hatte eine andere Idee: Sie erzählte uns von einem kleinen Jungen, den wir zunächst als Pflegeeltern zu uns nehmen und ihn später vielleicht adoptieren könnten.
Als wir Julian dann beim Jugendamt kennen lernten, haben wir uns sofort in den kleinen Wurm verliebt. Er hat blonde Haare und braune Augen und strahlte in die Runde. Seine leibliche Mutter war dabei und die Bereitschaftspflege-Mutter, bei der er seit seiner Geburt lebte. Wir wussten damals nicht viel über Julians leibliche Mutter und waren total angespannt und nervös, als wir sie zum ersten Mal trafen. Sie hatte den Jungen zur Welt gebracht und zwei Stunden nach der Geburt in die Hände des Jugendamts abgegeben müssen. Ich fragte mich: Was ist das für eine Frau? Was denkt sie von dir? Ich wollte unbedingt, dass sie einen guten Eindruck von uns hat.
Wir wussten, dass sie sich eigentlich wünscht, dass der Junge mit Geschwistern aufwächst, in einer großen Familie. Aber das konnten wir dem Kleinen nicht bieten. Wir haben zwar ein Haus und ein Grundstück, aber er würde unser einziges Kind sein. Deshalb war uns ein bisschen bange. Als mein Mann sie fragte, wie sie sich fühlt, war sie verblüfft und sagte: Das ist das erste Mal, dass jemand fragt, wie es mir dabei geht. Vielleicht gewannen wir deshalb ihre Sympathie, weil wir uns auch für ihre Sicht der Dinge interessieren.
Sie stimmte schließlich zu, Julian ins unsere Hände zu geben. Wir waren überglücklich, nahmen Urlaub, richteten das Kinderzimmer ein, kauften einen Kinderwagen, Windeln, eine Babyschale fürs Auto. Als alles fertig war, hatte ich plötzlich eine Nachricht auf der Mobilbox. Die Bereitschaftspflege-Eltern sagten: ,Wir behalten das Kind, Sie kriegen es nicht.’ Das war natürlich komplett gegen alle Abmachungen und auch gegen die Regeln der Bereitschaftspflege. Es folgten nervenaufreibende Wochen, in denen es zwischen Anwälten, Jugendamt, Gericht, dieser Familie und uns hin und her ging. Ich habe viel geweint und nächtelang wachgelegen.
Als dann feststand, dass Julian doch zu uns kommt, war er ein halbes Jahr alt. Heute ist er drei und wir sind überglücklich, ihn zu haben. Als er zum ersten Mal ,Mama’ und ‚Papa’ sagte, war das herzerweichend. Inzwischen durften wir ihn adoptieren. Manchmal stehen wir nachts an seinem Bett und können unser Glück kaum fassen. Er ist bei uns, er bleibt bei uns und niemand kann kommen und sagen: ,April, April‘.
Wir haben so lange auf ihn gewartet und uns so sehr ein Kind gewünscht, so viele Sternschnuppen konnten gar nicht fallen. Dass es ihm gut geht, hat für uns oberste Priorität. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Wunschkind. Wir wollen ihm alle Chancen geben, ihm später vielleicht ein Studium ermöglichen. Aber wir verhätscheln ihn nicht, sondern wollen ihn stark machen fürs Leben.
Seine leibliche Mutter, die wir die ,Bauchmama’ nennen, treffen wir mit Julian etwa alle halbe Jahre im Begegnungsraum des Jugendamts. Wir wollen, dass der Kontakt nicht abreißt. Der Kleine versteht mit seinen drei Jahren noch nicht, wer das ist, aber wir werden ihm immer ehrlich antworten, wenn er beginnt, Fragen zu stellen. Er soll bald auch seine Geschwister kennen lernen, die in anderen Familien leben.
Dass man Mütter verurteilt, die ihre Kinder zur Adoption freigeben, weil sie in einer Notlage sind, finde ich falsch. Ich habe Julians leibliche Mutter nie verurteilt. Ich bin ihr dankbar für unseren Sohn. Und ich bin dankbar dafür, dass unsere Schicksale auf diese Weise zusammen gewachsen sind.“

Susan Krüger*, 44 aus Halberstadt | * Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

INFO: Fragen zu Adoption und Pflegschaft beantworten Christine Rütting und Peggy Hofmann von der Adoptionsvermittlungsstelle beim Jugendamt des Landkreises Harz unter 03941 5970-5903 bzw. 03941 5970-5938.