Sympathische Gehirnwäsche

Die Initiative „Harzkind“ will das Image der Region aufpolieren. Dabei setzen die Macher nicht auf Hochglanz-Broschüren und teure Kampagnen, sondern auf Herzblut, coole Aktionen und witzige Sprüche. „Home is where your Harz is“ sagen die Harzkinder und zeigen mit T-Shirts und Accessoires Flagge.

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Von DANA TOSCHNER
Die Reportage eines Journalisten der Deutschen Presse Agentur brachte Elke Roch, Melanie Funke und Dietrich Kühne vor gut einem Jahr so richtig auf die Palme. Im vergangenen Sommer veröffentlichte „Die Welt“ den Beitrag über ihre Heimatstadt Osterode am Harz. Der Autor dokumentierte das Sterben einer Stadt: Geschlossenes Schwimmbad und Kino, verödete Geschäfte und einsame Rentner, die ihre Rollatoren über die Straße schieben.

Hier wird mehr gestorben als geboren. Das triste Bild der „Stadt der beigen Hosen“, das der Autor zeichnet, könne man doch unmöglich auf sich sitzen lassen, meinten die drei Harzer und fingen umgehend an, Pläne zu schmieden. „Ich habe einen Leserbrief geschrieben, was ich sonst nie tue“, erzählt Elke Roch. „Mich hat wütend gemacht, dass es hier keinen Aufschrei gab. Das hat doch Folgen für eine Stadt, wenn so negativ über sie berichtet wird.“

Die Frage „Warum sagt denn keiner, wie schön es hier ist?“ trieb das Trio um. Sie sprachen mit Bekannten und Freunden, die sich allesamt einig waren: In Osterode ist nicht alles alt, staubig und langweilig. Es gibt Wasser, Wald, saubere Luft, unbegrenzte Sportmöglichkeiten, es ist ein schönes Fleckchen Erde. Um das Positive in den Vordergrund zu rücken, starteten die drei kreativen Freunde – von Berufs wegen Marketing- /Veranstaltungsfachfrau, Designerin und Fotograf – einen humorvollen Gegenangriff. Die drei setzten sich sich „zum Spinnen“ zusammen und gründeten die Initiative „Harzkind“. „Wir wollen zeigen, dass der Harz wunderbare Facetten hat und es ein schön ist, hier zu leben“, sagt Elke Roch.

Zuerst kümmerten sich die drei Harzkinder um Osterode. Sie druckten und verteilten Aufkleber mit dem Slogan „Schön hier – Osterode am Harz“. Dann starteten sie via Facebook einen Aufruf zum „Beige-Hosen-Contest“: Alle Osteroder sollten sich in ihren beigen Hosen fotografieren. Die Aktion wurde zum Erfolg. Auch die Jugend zeigte sich in beige und bewies mit witzigen Fotos, dass man am Harz so richtig gut drauf ist. Herrlich auch das Bild, auf dem der Bürgermeister in Hawaiishorts bei der Hosenwahl vor seinem Kleiderschrank posiert. Eine kleine Stadt steht auf und rebelliert gegen ihr schlechtes Image – das gefiel dann auch wieder den großen Medien und lenkte die Aufmerksamkeit erneut auf das 22 000-Einwohner-Städtchen.

Nachdem es Osterodes Ruf erst einmal gerettet hatte, wollte das Dreiergespann aber nicht einfach zum Alltagsgeschäft übergehen. Aus „Harzkind“ sollte mehr werden. „Eine Initiative zur Stärkung des Selbstbewusstseins“, sagt Elke Roch. „Gehirnwäsche auf die sanfte Art“, fügt Melanie Funke lachend an. Beide sind sich einig: Der Harz hat so viel Lebensqualität zu bieten, dass man nicht oft und nicht laut genug sagen kann, wie gut es sich hier leben lässt. „Wir wollen ein neues, positives Harzer Selbstbewusstsein entwickeln. Erstmal nach innen, aber das strahlt dann von selbst nach außen“, erläutern die Harzkinder ihre Ziele. Die Holländer und die Berliner hätten es eh schon längst erkannt: „Der Harz ist das neue Sylt!“

Weil solch eine Bewusstseinsveränderung in den Köpfen der Harzer nicht durch Hochglanz-Broschüren zu erreichen sei, denken sich die Harzkinder immer wieder neckische Aktionen aus. Eine eigene Hütte auf dem Weihnachtsmarkt, ein Treffen mit Filmdreh am See. Bislang ist Osterode Dreh- und Angelpunkt der Aktionen, aber die Macher sind offen für Ideen und Mitstreiter aus dem gesamten Harz. „Wir wollen kreative Querdenker zusammenbringen und beschleunigen, dass es nicht Ostharz und Westharz, sondern endlich einen Harz gibt“, sagt Elke Roch. Jeder könne Ideen einbringen und mitwirken.

Flagge zeigen können all jene, die vom Aufruf zum neuen Selbstbewusstsein angetan sind, schon jetzt. Denn im Online-Shop der Initiative gibt es T-Shirts, Tassen, Rucksäcke, iPhone-Hüllen und Co. mit „Harzkind“ oder „Home is where your harz is“-Schriftzug zu kaufen. Mit der Idee hat das Osteroder Trio offensichtlich eine Marktlücke entdeckt. Drei Monate nach der Eröffnung des Online-Shops mussten sie ihn kurzzeitig schließen. „Wir wurden förmlich überrannt. Es gab so viele Bestellungen, dass für unsere eigentliche Arbeit keine Zeit mehr blieb“, erzählt Melanie Funke. „Wir mussten erstmal ein Lager für die Produkte anmieten. Jetzt läuft der Shop und steht auf sicheren Füßen.“

Und weil in kreativen Köpfen bekanntlich immer eine Idee die nächste jagt, schieben die Harzkinder mit der „Harzlandung“ gerade ein weiteres Projekt an. Firmen oder Privatleute können Tagesprogramme buchen, um lokale Spezialitäten oder besondere Orte zu entdecken, um Menschen kennen zu lernen oder einfach mal im Grünen an einer Geschäftsidee zu tüfteln. Auf Wunsch mit Tannzapfenweitwurf oder Waldelfen-Fotoshooting – und natürlich persönlich geplant und begleitet von einem bekennenden Harzkind.