Zeitreise mit Frosch

Eigentlich hatte Andrea Gall nie vor, ein Café zu eröffnen. Dann aber hat sie sich in das ehemalige Bürgermeister-Haus in Gernrode verliebt und später die Weichen für die Eröffnung des „Froschkönigs“ gestellt.  Ihr liebevoll eingerichtetes Café wurde vor zwei Jahren vom „Feinschmecker“ zu einem der besten in Deutschland gekürt. Es ist ein echtes Schmuckstück.

Das Café „Froschkönig“ im kleinen Gernrode, direkt gegenüber der Stiftskirche, kann es mit jedem Großstadt-Café dieser Welt aufnehmen. Man wähnt sich in Leipzig, Dresden oder Berlin, so stilvoll eingerichtete Cafés findet man in der hiesigen Gegend jedenfalls selten. Der Charme längst vergangener Zeiten paart sich im „Froschkönig“ mit einem märchenhaften Ambiente. „Die Gäste sollen in Erinnerungen schwelgen, wenn sie die Möbel sehen“, sagt die Inhaberin Andrea Gall. „Manchmal sucht man ja gerade die Gemütlichkeit alter Zeiten.“

Ein altes Telefon, eine urige Registrierkasse, ein Kachelofen und ein schweres Sofa, auf dessen Lehne ein Teddybär hockt – herrlich altmodisch kommt die Einrichtung daher, die Andrea Gall zum Großteil auf Flohmärkten zusammengetragen hat. „Ich wollte eine ähnliche Atmosphäre schaffen, wie sie in jener Zeit üblich war, als das Haus erbaut wurde.“ Damals, 1906, hatte die Gemeinde Gernrode das Haus als Amts- und Wohnsitz für den Bürgermeister errichtet. In der oberen Etage wohnten die jeweiligen Bürgermeister und im Erdgeschoss, wo heute Cappuccino, Latte Macchiato und Milchshakes getrunken werden, waren das Amts- und Herrenzimmer untergebracht. „Im ehemaligen Ratssitzungssaal hält man heute übrigens immer noch Sitzungen, nur etwas anderer Art“, erzählt Andrea Gall lachend und weist den Weg zum WC. Dass die 42-Jährige einmal mit so viel Leidenschaft und Liebe zum Detail ein Café betreiben würde, war in ihrem Lebensplan eigentlich nicht vorgesehen. „Ich hatte mit meinem damaligen Partner einen Autohandel“, erzählt sie aus ihrem Leben vor dem „Froschkönig“. 1998 hatten sie das Haus gekauft, weil sich Andrea Gall in dessen Anblick verliebt hat – trotz des sanierungsbedürftigen Zustands. Damals wohnte noch der letzte Bürgermeister aus DDR-Zeiten in der oberen Etage. Als der verstarb, machte sich das junge Paar ans Sanieren und zog dann selbst mit der damals noch kleinen Tochter unters Dach. „Die Räume unten wollten wir eigentlich vermieten, an eine Kanzlei oder Praxis. Aber, wenn ich im Garten zu tun hatte, sprachen mich immer wieder Touristen an und fragten, wo man hier schön Kaffee trinken könne. Da dachte ich irgendwann: Warum versuchen wir es nicht selbst mit einem Café?“ Zusammen mit ihrer damaligen Schwiegermutter, die sofort Feuer und Flamme war und sie unterstützte, stellte sie das Projekt auf die Beine. Andrea Gall war beim Einrichten voll in ihrem Element. Sie tapezierte die Wände mit grün schimmernder Tapete, hängte goldene Bilderrahmen auf, ließ den Kachelofen setzen und schuf Stück für Stück ein Kleinod. Als ein Bekannter während der Bauarbeiten sagte: „Das sieht alles aus wie der Einband eines alten Märchenbuchs vom Froschkönig“, war der Name gefunden. Die Eröffnung im Sommer 2006, zeitgleich mit dem Harzfest, das damals Tausende Besucher nach Gernrode lockte, war ein Auftakt, der nicht besser hätte laufen können. „Die Leute haben uns wahrgenommen, sind neugierig geworden und viele haben gesagt: Wir kommen in Ruhe zum Kaffeetrinken nochmal hierher zurück“, erinnert sich Andrea Gall. Über die Jahre ist sie hineingewachsen in ihre Aufgabe, heute gehen ihr die Handgriffe in der Küche routiniert von der Hand. Sie schwört auf traditionelle Rezepte und greift am liebsten auf das Küchenwissen ihrer Oma zurück. Während sie in der Küche wirbelt, trägt ihre Mitarbeiterin Sindy Mälzer Teller voller süßer Sünden zu den Gästen: Frankfurter Kranz, Holunderblütentorte und Windbeutel, die wie Schwäne aussehen. „Unsere Publikumslieblinge sind Rhabarberbaiser-, Stachelbeerbaiser- und Käsebaiser-Torte. Ohne die geht nichts“, sagt Andrea Gall und nippt am Kaffee. Wenn sie so auf dem Sofa sitzt, zwischen all den Froschkönigen, die als Deko im Café verteilt sind, möchte man sie eigentlich nur eines fragen: „Stimmt es, dass sich solch ein Frosch in einen Prinzen verwandelt, wenn man ihn küsst?“ Sie lacht und sagt: „Meine Tochter, die inzwischen 19 ist, hat mir gerade eine Nachricht aufs Handy geschickt: Mama, das mit dem Küssen haben doch die Frösche bloß erfunden.“   Dana Toschner