Das Kräuterweib

Simone Schalk zählt zu den bekanntesten Kräuterfrauen im Harz und lädt von März bis Oktober jedes Wochenende zu Kursen nach Molmerswende ein.

Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt“, sagt Simone Schalk und meint damit nicht ihren Umzug aus dem Einfamilienhaus in Hettstedt in ein ausgebautes Bauernhaus in Molmerswende vor zehn Jahren. Sie denkt eher an den Bauernhof der Großeltern und das, was ihr Vater ihr erzählt hat. „Er hat mir Bäume, Pilze und Pflanzen gezeigt, also den Grundstein für das gelegt, was ich heute liebe.“ Er verstarb recht früh, vieles von dem, was er Tochter Simone beigebracht hat, ging verschütt. „Ich konnte ja später kaum den Löwenzahn von der Brennnessel unterscheiden“, erinnert sie sich lachend.

Man will es kaum glauben, denn Simone Schalk zählt unterdessen zu den bekanntesten Kräuterfrauen im Harz. „Irgendwann habe ich mir mal eine Gartenzeitung gekauft und las ein Porträt über die Pflanzenheilkundlerin und Autorin Doris Grappendorf, die das Wissen um die Kräfte der Wildkräuter und Heilpflanzen nicht in Vergessenheit geraten lassen will. Das erweckte viele Dinge aus meiner Kindheit. Ich bin spontan zu einem ihrer Dreitageskurse gefahren.“ Ihr Mann machte sich wegen ihrer Wandlung Sorgen. „Viele Leute haben drüber gelacht. Das ist ihnen inzwischen vergangen. Früher haben heilkundige Frauen ihr Wissen von Generation zu Generation überliefert. Leider wissen wir in unserer schnellen, modernen Zeit nur noch sehr wenig über die Schätze, die die Natur uns bietet. Um dieses Wissen geht es mir“, sagt Simone Schalk. In Marburg absolvierte sie später einen Einjahreskurs in Kräuterkunde und Phytotherapie, der Pflanzenheilkunde. „2000 habe ich noch in Hettstedt meine Kräuterschule gegründet. Bei unserer ersten Kräuterwanderung bin ich mit zwei Omis durch den Wald gestapft.“ Sie spürte, für ihre Schule braucht sie ein eigenes Domizil. Mit ihrem Mann ging sie auf die Suche. In Molmerswende wurden sie 2004 fündig. „Das war ein abgeranzter Hof, alle glaubten, das Haus fällt bald zusammen“, erinnert sich Simone Schalk. „Wir sind schon etwas durchgeknallt“, gesteht die 51-Jährige. Ihr Mann hat schrittweise alles schick gemacht. Die Nachbarn waren froh, dass ein Schandfleck verschwand. Die Kräuterfrau selbst legte oft mit Hand an. „Als gelernte Elektromaschinenbauerin bin ich schon etwas technisch und handwerklich begabt.“ Und so zählt im 260-Seelen-Ort im Schnittpunkt dreier Landkreise neben Bäcker, Fleischer, Klempner, dem Dachdecker und den Künstlern nun auch die Kräuterfrau zum Dorfbild dazu. Sie fühlte sich von Anfang an willkommen. „In der ersten Zeit brauchte ich aber schon immer mal einen Tag pro Monat, wo es ins Großstadtleben ging.“ Inzwischen weiß sie die Ruhe in Molmerswende zu schätzen. „Bei Seminaren sind wir ja das ganze Wochenende eng beieinander, ob wir essen, am Lagerfeuer sitzen oder durch den Wald und über Wiesen wandern. Da freue ich mich schon auf den Montag und Dienstag, wo die Stille hier nur durch die Klänge des Dorfes unterbrochen wird.“ In ihrem Garten sprießen unzählige Kräuter und Blumen. „50 wilde Kräuter sind es bestimmt. Spitzwegerich, Giersch, Brennnesseln und Gänseblümchen dürfen hier ruhig wachsen.“ Drei Schafe, fünf Hühner, Hund und Katze zeugen vom Hof-Leben. In der Scheune des Hofes richtete sie ihre Kräuterschule ein. In die lädt sie von März bis Oktober jedes Wochenende zu Kursen. Von den Beginner- bis zu mehrjährigen Meister-Kursen reicht das Spektrum. Ihre Nachbarn vermieten Ferienwohnungen und Zimmer für ihre Kräuterschüler, die zu 90 Prozent weiblich sind. „Sie kommen aus allen Schichten. Da ist die 78-jährige ehemalige Drogistin, die nach dem Tod ihres Mannes noch einmal etwas beginnen will, die Ärztin, die Heilpraktikerin oder einfach nur eine junge Mutter, die Erkältungen und Wunden nicht gleich mit Chemiebomben behandeln will, sondern es mit Wickeln und Kräuteraufgüssen versucht.“ Wer bei ihr auf der Scheunen-Schulbank sitzt, lernt, welche Pflanzen wozu gut sind und wie sie der Körper aufnimmt. So bereiten sie Tees, Salate, Tinkturen und mischen Kräutersalze. „Wir mischen aber auch Salben an oder stellen Seifen her, die Hauterkrankungen lindern.“ Zudem hätten leider die Kräuter, die oft zu Unkraut gestempelt werden, ihren Platz in der Küche verloren. „Vorm Essen kann man sich im Garten seine Kräuter frisch zusammensammeln“, erklärt Simone Schalk. Darum werde im Garten auch keine Chemie verspritzt. Schmunzelnd gesteht sie: „Ich bin trotzdem keine Vegetarierin. Es geht um gesundes Essen. Da darf ein gutes Stück Fleisch nicht fehlen“, findet sie, betont das „gut“ und schaut nicht von ungefähr auf die grasenden Tiere hinter ihrem Garten. Ihre Seminare versteht sie keineswegs als Spaßveranstaltungen. „Ich will den Teilnehmer helfen, die Angst vor der Natur zu verlieren. Dazu gehört eben auch, dass sie lernen, dass 30 Prozent der Pflanzen da draußen in bestimmten Dosen giftig sind. Ist ja bei den Pilzen auch nicht anders. Man muss schon wissen, was man da in die Pfanne bringt.“ So besuchte sie erst kürzlich ein Pilzseminar in Altenau. „Das halte ich für wichtig, dass man sich weiterbildet. Darum fahre ich regelmäßig zu den Gurus der Kräuterheilkunde quer durch die Republik.“ Unterdessen hinterlässt Simone Schalk sogar literarische Spuren. In „Im Schatten der Hexen“ hat ihr die Halberstädterin Autorin Kathrin Hotowetz ein Denkmal gesetzt. „Da heiße ich aber Emma“, erzählt sie in ihrem Garten in Molmerswende. „Aber gelegentlich gebe ich bei ihr in der Geistmühle am See ebenso Seminare wie im August bei Klostergärtnerin Sabine Volk in Michaelstein.“ Sie selbst geht auch unter die Autoren. „Bücher über Kräuter gibt es viele“, sagt sie, „nur über Wurzeln und ihre Heilkraft sieht es mau aus.“ Sie buddelt Beinwell und Blutwurz aus. „Ist es nicht interessant zu sehen, was sich von der Pflanze über und unter der Erde befindet“, fragt sie. Sie hat in den vergangenen Monaten ein Buch über Heil-Wurzeln geschrieben und arbeitete dabei eng mit einer Fotografin zusammen. „Es wurde ein buntes Buch über eher schwarze Wurzeln, das im Herbst im Stuttgarter Ulmer-Verlag erscheint“, kündigt sie stolz an. So ist sie wirklich wieder bei den Wurzeln angelangt.  Uwe Kraus