Die Schwalbes aus der Höhle

Das kleine Langenstein bekommt oft neugierigen Besuch: Die Wohnhöhlen, die 1855 bis 1858 Landarbeiterfamilien mit Hammer und Meißel in Stein gehauen hatten, ziehen jedes Jahr Tausende Besucher an. Das Ehepaar Schwalbe kümmert sich gemeinsam mit einigen Mitstreitern um den Erhalt der skurrilen Behausungen.

Ein kleines Fachwerkhäuschen in ländlicher Idylle. Im Gartenteich drehen die Fische gemächlich ihre Runden. So viel Ruhe wie die Fische haben die Schwalbes nicht. Das Langensteiner Lehrerehepaar genießt seit gut 16 Jahren eine Art Unruhezustand. Den aber mit Begeisterung.

Siegfried Schwalbe, der viele Jahre Ortsbürgermeister in Langenstein war, ist gebürtiger Halberstädter und zog 1944 in das Dorf vor den Toren der Stadt. Der heute 76-Jährige unterrichtete bis zu seiner Pensionierung Mathe und Physik. Seine Frau Doris, die zwei Jahre vor ihrem Mann in den Ruhestand ging, war Russisch- und Musiklehrerin. Beide halten wenig vom Nichtstun. Sie sind ehrenamtlich seit Jahrzehnten im Ort engagiert, arbeiteten an der Ortschronik mit und sind in mehreren Vereinen rührige Mitglieder. So schieben sie als Kegler „eine ruhige Kugel“, mischen im Verein der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge mit, und Doris Schwalbe leitet auch noch den Frauenchor.
Ihr Herzen aber schlagen seit der Wende für ihr jüngstes „Steckenpferd“: die Höhlenwohnungen. Mit mehreren Gleichgesinnten im Verein und anderen Unterstützern haben sie in den vergangenen Jahren mitgeholfen, dieses wohl einzigartige Zeugnis früherer Wohnkultur zu erhalten.
„Als 1990 die letzten Langensteiner die Nutzung der einstigen Wohnungen als Kellerräume aufgaben, wollten wir die Anlage natürlich erhalten. Das ist uns gelungen. Zwar nicht in Gänze, aber in großen Teilen“, sagt Siegfried Schwalbe. „Viele haben dabei mitgeholfen. Von den ursprünglich zehn unterirdisch gelegenen Wohnungen konnten hier am Schäferberg fünf und eine weitere auf der Altenburg wieder hergerichtet werden.“
Die Geschichte der Höhlenwohnungen am Schäferberg haben Schwalbes schon unzählige Male erzählt, aber sie tun es noch immer mit Begeisterung. Weil es an Wohnungen für Tagelöhner mangelte, wurden ab 1855 die Höhlen als Unterkünfte hergerichtet. Junge Familien mit Kindern, für die der Platz in den kleinen Elternhäusern nicht mehr reichte und Arbeiter des Gutes, die aus dem Raum Goslar kamen, brauchten dringend ein Dach über dem Kopf. Als ein Vertreter des Dorfes an den Königlichen Landrat Baron von Gustedt nach Dardesheim schrieb und um Hilfe bat, weil zwölf Familien verzweifelt eine Unterkunft suchten, schrieb der Landrat zurück, die Gemeinde solle sich selbst helfen.
Das taten die Langensteiner. Ein pfiffiger Gemeinderat kam auf die Idee, auf dem Schäferberg Höhlenwohnungen in den Sandstein schlagen zu lassen. Für acht Groschen wurde den Wohnungssuchenden ein Stück Felsenwand als „Bauplatz“ verkauft. Die einzigen Baumaterialen, die benötigt wurden, waren eine Tür und ein Fenster. „Über der Höhlendecke aus Sandstein wuchs Gras. Man konnte Ziegen und Schafe dort weiden sehen“, erzählt Siegfried Schwalbe. Daher stamme auch der überlieferte Spruch: „In Langenstein, in Langenstein, da schieten de Schaape in Schornstien rein!“
Wenn Kinder auf den Höhlendächern spielten, ärgerten sie die Hausfrauen, indem sie kleine Steinchen und Grashalme in den Schornstein warfen, die dann unweigerlich im Kochtopf landeten. „Die Jugendlichen machten derbere Späße: Sie deckten den Schornstein ab, um den Rauchabzug zu verhindern und freuten sich, dass der Rauch die Bewohner ins Freie trieb und sie schimpfend hinter den weglaufenden Jugendlichen her waren.“
Um 1900 zogen die Bewohner nach und nach aus den Höhlen aus und bauten sich gleich daneben kleine Häuser. Die ehemaligen Wohnräume nutzten sie nur noch als Stallungen und Vorratsräume, sie lagerten Rüben, Kartoffeln und Brennstoffe ein.
Wie man hier überhaupt leben konnte, interessiert mittlerweile Besucher aus der ganzen Welt. 15600 Neugierige zählte der Verein Langensteiner Höhlenwohnungen allein im letzten Jahr, auch Film- und Fernsehteams sind immer mal wieder dabei. Fernsehkoch Johann Lafer brutzelte sogar schon Eierkuchen auf dem Höhlenherd.
Wie kochte man hier einst, wie schliefen die Menschen? Gab es Komfort, war es kalt oder warm? Diese und tausend andere Fragen beantworten die Schwalbes und die anderen zwölf Vereinsmitglieder, wenn sie Gäste durch die Anlage führen. Das geschieht fast täglich, auch sonntags und samstags. Eine Mammutaufgabe. Damit hat der Verein allerdings auch die Grenze der Belastbarkeit erreicht, geben die beiden offen zu. „Unserer jüngster Höhlenführer ist 62. Nur, weil wir gut organisiert sind und uns regelmäßig abwechseln, können wir das überhaupt schaffen. Es wäre schon mal schön, wenigstens mal einen Sonntag auszuschlafen und gemeinsam zu frühstücken“, wünscht sich Doris Schwalbe.   Frank Drechsler

INFO
Es gibt keine festen Öffnungszeiten. Wer die Höhlen im Rahmen eines geführten Rundgangs besuchen möchte, der wendet sich an den Verein Langensteiner Höhlenwohnungen, Telefon 03941-602108.