Zerbrechliche Kämpferin

Anja Schröter ist die Kleinste unter den Großen. Die 35-jährige Halberstädterin misst nur 80 Zentimeter. Sie leidet unter einem Gendefekt, der sogenannten Glasknochenkrankheit, und ist stolz darauf, weitgehend selbstständig leben zu können.

Manchmal, wenn Anja Schröter allein mit ihrem E-Rolli in der Stadt unterwegs ist, sprechen sie Omas an und loben ihre Tapferkeit: „Wie alt bist du denn? Du machst das aber schön mit dem Rollstuhl!“ Wenn Anja Schröter ihnen dann antwortet, dass sie 35 ist, bleibt den Damen vor Verblüffung der Mund offen stehen. Manchmal kann sie darüber lachen. Manchmal ärgert es sie, nicht für voll genommen zu werden.

Mit ihren 80 Zentimetern ist Anja Schröter tatsächlich ungewöhnlich klein und muss in den Kinderabteilungen nach Klamotten suchen. „Das ist gar nicht so einfach. Ich trage Größe 104/110, da muss man erstmal Klamotten finden, auf denen keine Bärchen abgebildet sind“, erzählt sie. „Aber ich gehe trotzdem gern shoppen.“
Oft ist Anja Schröter in Halberstadt allein unterwegs. Sie fährt mit dem Bus zur Arbeit in die Diakonie Werkstätten oder zum Einkaufen in die Stadt. „Ich spreche dann einfach eine Verkäuferin oder andere Kunden an. Aber nur die, die nicht so griesgrämig gucken. Sie stellen mir die Dinge, die ich kaufen möchte, auf den Tisch des Rollstuhls und packen sie mir nach dem Bezahlen auch in die Tasche.“
Selbstständig zu sein und trotz ihrer Behinderung ein möglichst normales Leben zu führen, das ist es, was sie unbedingt will. Als Anja Schröter geboren wurde, war den Ärzten sofort klar, dass das Mädchen an der sogenannten Glasknochenkrankkeit leidet. Die Mediziner nennen das Osteogenesis imperfecta, unvollständige Knochenbildung. „Den ersten Knochenbruch habe ich mir schon bei der Geburt zugezogen“, sagt Anja Schröter. Sie kam mit einem Beinbruch zur Welt, dem bis heute mehr als 100 weitere Knochenbrüche folgen sollten. „Ich habe sie nicht gezählt. Das bringt doch nichts.“
Einen Großteil ihrer Kindheit hat sie in Krankenhäusern verbracht. Weil sie nie laufen konnte, wurde sie viele Jahre von ihren Eltern in einem Sportwagen gefahren. „Mit zwölf habe ich dann meinen ersten E-Rolli bekommen. Daran erinnere ich mich noch ganz genau.“
Bis heute ist der elektrische Spezialrollstuhl der Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. „Wenn er kaputt gehen würde, wäre das eine Katastrophe für mich“, sagt Anja Schröter. Sie steuert den Rolli über einen Joystick und eine kleine Tastatur. „Wir nutzen dabei die minimale Kraft, die da ist“, erläutert René Hoffmann. Er leitet das Team der Rehatechnik beim Gesundheitsdienstleister STEINKE und kennt Anja Schröter nun schon seit vielen Jahren. „Weil sie den ganzen Tag im Rollstuhl verbringt, ist es extrem wichtig, dass sie komfortabel sitzt. Die Sitzschale wurde individuell angepasst, damit es nirgends drückt“, erklärt er.
Er bewundert die lebensfrohe kleine Frau und hofft, dass ihr Alltag dank eines neuen Rollstuhls – der bisherige ist schon etwas in die Jahre gekommen – bald einfacher wird. „Die neuen Modelle sind wahre Technik-Wunder. Man kann über Bluetooth zum Beispiel die Fenster öffnen und schließen, den Fernseher anmachen, mit dem Handy kommunizieren oder einen Notruf absetzen“, zählt er auf.
In einem zweiten Schritt wäre auch ein Roboterarm denkbar. Er wird am Rollstuhl angebracht und könnte zum Beispiel einen heruntergefallenen Schlüssel vom Boden aufheben. „Das wäre cool“, sagt Anja Schröter begeistert. „Aber 10 km/h muss der Rolli auch haben. Ich verpasse ja den Bus, wenn ich mit 6km/h durch die Gegend zuckele. Ich will schneller sein als alle anderen“, fügt sie lachend hinzu. Wenn der neue E-Rolli dann auch noch pink ist, wäre sie glücklich. „Pink ist mein Markenzeichen“, sagt sie und zeigt auf ihre Nagellack-Sammlung.
Auf die ist sie genauso stolz, wie auf ihre erste eigene Wohnung. Vor einem Jahr ist Anja Schröter zu Hause bei ihren Eltern ausgezogen. „Meine Eltern sind beide 60. Sie werden mich nicht mehr ewig hochheben und herumtragen können. Deshalb habe ich mich auf die Suche nach einer behindertengerechten Wohnung gemacht.“ Im Finckehof, einem Gebäudeensemble der Halberstädter Wohnungsgesellschaft HaWoGe, hat sie eine Einraumwohnung gefunden, in der sie sich wohl fühlt. Fünfmal am Tag kommt jemand vom Pflegedienst vorbei. Allein morgens aufstehen, auf die Toilette gehen oder sich ein Brötchen schmieren, das ist nicht machbar. „Ich bin bei allem auf Hilfe angewiesen. Aber es macht mir nichts aus“, sagt Anja Schröter. „Ich verstehe mich mit den Leuten vom Pflegedienst richtig gut. Ich weiß, was ich will. Und das sage ich auch.“    Dana Toschner