Ein Dorf steht im Schach

Seit 1000 Jahren spielen die Bewohner von Ströbeck das Spiel der Könige. In der Schule ist es Pflichtfach, Turniere werden wie Dorffeste gefeiert. Doch die Tradition ist in Gefahr.
Der Turm rückt seinen Hut zurecht. Ein Bauer mit abstehenden Ohren reibt sich verschlafen die Augen. Dann bekommt ein schwarzer Springer ein Kommando: „Springer auf G4!“ Er zieht nach vorne, klopft einem weißen Bauern auf den Rücken. Geschlagen. Der Bauer verlässt das Feld.

Jedes Jahr stehen in Ströbeck 32 Dorfbewohner als Schachfiguren verkleidet auf dem Dorfplatz. Die meisten deutschen Dörfer kennen vier Jahreszeiten. In Ströbeck sind es fünf: Sommer, Herbst, Winter, Frühling – und das internationale Schachturnier. In diesem Jahr wird es am 28. Mai ausgetragen.

Zwei Mitglieder der Siegermannschaften des vergangenen Jahres dürfen mit dem Lebendschach-Ensemble eine Partie spielen, 15 Minuten lang. Es ist der Höhepunkt des Wochenendes. Der Ströbecker Dorfplatz heißt „Platz am Schachspiel“, schwarze und weiße Pflastersteine aus Marmor sind in seinen Boden eingelassen. Er ist selbst ein Schachfeld, 500-mal so groß wie ein normales Turnierbrett. Um den Überblick zu behalten, sitzen die Schachspieler auf hohen Stühlen, wie Schiedsrichter beim Tennis. Die Königspaare auf dem Feld tragen Gewänder wie die Großbauern um 1850 aus der Gegend: Der König einen knielangen Mantel, dazu Fliege und Zylinder; die Dame ein besticktes Kleid aus Brokat, gesponsert von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung.
Seit 1908 treten die Ströbecker als lebende Schachfiguren auf. Schach und Ströbeck, das gehört zusammen, seit über tausend Jahren: 1011 sollen die ersten Dorfbewohner das Spiel erlernt haben – zu einer Zeit, als Schach den Adeligen und Geistlichen vorbehalten war. Der Legende nach hatte der Bischof von Halberstadt einen Grafen wegen eines Streits um Land im Ströbecker Wehrturm festgesetzt. Weil sich die Bauern, die den gefangenen Grafen bewachten, gut mit ihm verstanden, brachte er ihnen das Schachspielen bei. Darauf sind die Ströbecker stolz, noch 30 Generationen später. Der Dorfplatz ist ein Schachbrett, ein Schachfeld prangt auf dem Dorfwappen, in der Grundschule ist Schach Pflichtfach. Und seit 1960 richtet das Dorf jedes Jahr im Mai ein Schachturnier aus.
Rudi Krosch sitzt im Schachmuseum. Er hat das Schachensemble schon Dutzende Male auftreten sehen; 20 Jahre lang war er Bürgermeister von Ströbeck. Nach der Wende wollten ihn sowohl CDU als auch PDS als Kandidat. Krosch aber kandidierte für den Schachverein und holte bei den ersten freien Wahlen 465 Stimmen – mehr als alle CDU-Kandidaten zusammen. Über mehrere Jahre bestimmten er und die anderen „Schachfreunde“ als stärkste Fraktion im Gemeinderat die Lokalpolitik.
In seiner Jugend spielte Krosch eigentlich lieber Fußball. „Irgendwann muss sich aber jeder, der die Tradition erhalten will, zum Schach bekennen“, sagt er. Als er Bürgermeister wurde, widmete er sein Leben der Aufgabe, Ströbecks Verbindung zum Schach zu erhalten. Vereinskultur, Traditionen – das ist ihm wichtig. „Ich war fördermittelsüchtig“, sagt Krosch und lacht. Zehn Millionen Euro warb der 72-Jährige in seiner Amtszeit für die Gemeinde ein – für das Schachmuseum, das Lebendschachensemble und den Schachverein.
2007 führten die Ströbecker anlässlich eines Junggesellenabschieds einen Brauch aus dem 17. Jahrhundert wieder ein: Der Bräutigam muss gegen den Bürgermeister eine Schachpartie bestreiten. Besiegt Krosch ihn, hätte er sie traditionell ein Strafgeld in die Dorfkasse zahlen müssen. „Ich habe mich mit meinen Gegnern aber meistens auf ein Remis geeinigt“, sagt Krosch.
Abseits der Dorfmitte wirkt das Schachdorf mit seinen knapp 1200 Einwohnern verschlafen: Einfamilienhäuser mit Gärten und aufgemalten Schachbrettern an den Fassaden, ringsherum Felder und Wald. Die Volksbank hat zweimal in der Woche geöffnet, es gibt eine Bahnhofsstraße, aber keinen Bahnhof. Die Außenwelt ist nur einmal im Jahr zu Besuch in Ströbeck.
Im „Gasthaus zum Schachspiel“ wird in wenigen Wochen der diesjährige Sieger des Ströbecker Turniers ermittelt. Im großen Saal des Gasthauses sitzt dann ein Schachspieler neben dem nächsten. Mehr als 50 Mannschaften werden um den Sieg spielen, insgesamt über 200 Spieler, zwischen acht und 80 Jahren alt. Sie kommen aus ganz Deutschland und den Niederlanden.
Das Schachturnier ist ein Volksfest. Spieler, die ihre Partien bereits beendet haben, schauen ihren Kameraden über die Schulter, es wird Hasseröder Bier ausgeschenkt. Draußen auf dem Schachplatz gibt es Bratwurst. Dennis Krassenburg, ein Niederländer mit weißem Vollbart, kommt seit über 15 Jahren ins Schachdorf. „Es ist großartig, was die Ströbecker auf die Beine stellen“, sagt er. Der Ingenieur wohnt in Wijk aan Zee, einem kleinen Ort nahe Amsterdam. Auch Wijk an Zee ist schachverrückt: Ein Stahlkonzern veranstaltet dort einmal im Jahr das größte internationale Schachturnier der Welt, mit knapp 1800 Spielern. Er komme nicht nach Ströbeck, um zu gewinnen, sagt er: „Meine Frau und ich haben hier Freunde gefunden.“
Das Ehepaar Krosch zum Beispiel. Renate Krosch ist die Ehefrau des ehemaligen Bürgermeisters Rudi Krosch und Heimatforscherin. Oft führt sie Besucher durch ihr Heimatdorf. Ihrer Aufgabe wolle sie gerecht werden, sagt sie: „Immer wieder kommen Kunstwissenschaftler oder Historiker hierher. Wenn ich mit denen Ortsführungen mache, muss ich schon etwas Fundiertes erzählen.“
Nach der Wende, als die Archive geöffnet wurden, begann Renate Krosch, die 1000-jährige Geschichte Ströbecks aufzuarbeiten. Früher war sie Lehrerin für Mathe und Physik. Im Rentenalter hat sie nochmal studiert: Kulturwissenschaften mit dem Hauptfach Geschichte an der Fernuniversität.
Besuchern zeigt sie gern die Grundschule. Sie ist nach Emanuel Lasker benannt, dem einzigen deutschen Schachweltmeister. Schach ist hier von der zweiten bis zur vierten Klasse Pflichtfach, die Schüler fahren regelmäßig zu Turnieren, im Zeugnis steht sogar eine Note. Das ist einmalig in Deutschland. „Diese Tradition besteht seit 1823“, erzählt Krosch. „Heute haben die Schüler eine Stunde Schach in der Woche. Die talentierten Spieler trainieren zusätzlich am Nachmittag.“
Bis 2004 existierte neben der Grundschule auch eine Sekundarschule. Von der fünften bis zur siebten Klasse war Schach dort Pflichtfach. Doch vor zwölf Jahren musste die Sekundarschule schließen. Zu wenige Schüler. Eltern und Schachfreunde versuchten noch, Schüler aus anderen Dörfern abzuwerben, die Feuerwehr veranstaltete einen Protestmarsch, der Niederländer Dennis Krassenburg sammelte beim Schachturnier zu Hause in Wijk aan Zee die Unterschriften der Schachgroßmeister. Vergeblich. „Das war damals sehr bitter“, sagt der ehemalige Bürgermeister Rudi Krosch. Er hält kurz inne, kämpft mit den Tränen. „Aber wir hatten überhaupt keine Chance, die Schule zu erhalten.“
Den Verlust der Schule bekommt das Lebendschach-Ensemble rasch zu spüren: „2008 war das Ensemble tot, weil wir das Brett nicht vollbekommen haben“, sagt die Leiterin Sigrid Karasch. Eigentlich standen früher nur Schüler auf dem Schachbrett, heute sind es auch Vorschulkinder und Erwachsene.
Das Dorf, das 2010 zur Stadt Halberstadt eingemeindet wurde, kämpft wie viele kleine Orte mit dem Einwohnerschwund. 100 Mitglieder hat der Schachverein, 25 davon sind aktive Schachspieler, nur wenige sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Rudi Kroschs ganze Hoffnung ruht nun auf Kathrin Baltzer. „Sie ist das Beste, was uns passieren konnte“, sagt er. Die Theaterwissenschaftlerin ist seit 2007 Leiterin des Schachmuseums und die einzige Mitarbeiterin. Früher einmal hatte sie eine Kollegin, doch die Stelle wurde gestrichen. Halberstadt musste sparen. Und Baltzer fürchtet, dass die Mittel für das Schachmuseum bald noch stärker gekürzt werden.
Sie ist traurig über das Schicksal des historischen Schachturms, in dem der gefangene Graf gesessen haben soll. „Eigentlich müsste sich die Stadt Halberstadt auch darum kümmern“, sagt Baltzer. Doch der Turm verfällt: Drinnen liegt ein einsames Schachbrett auf einem Tisch, darauf einige Figuren und eine fingerdicke Staubschicht. Ein Bild, das so gar nicht zu dem stolzen Schachdorf passt.   Philipp Kosak