Rizinus unterm Kirchturmdach

In 36 Meter Höhe befindet sich in Harzgerode die deutschlandweit einzige Apotheke in einer Kirche. Seit 2006 besuchten 150000 Neugierige die St. Marien-Kirche mit dem Museum, in dem man erfährt, wie einst Pillen gedreht wurden und dem Gewölbe, in dem  die so genannte „Blekprinzessin“ ruht.

Manfred Seifert steigt auch mit seinen 73 Jahren noch die 80 schmalen Stufen auf den Turm der Harzgeröder St. Marien-Kirche hinauf. Ein Weg, den er seit seiner Kindheit kennt. Hier oben in der Türmer-Wohnung lebte einst seine Tante Paula. Einige nannte sie Bimmel-Paula, wohnte und wachte sie doch mit ihrem durchs Holzbein gehandicapten Ehemann und sechs Kindern bis 1956 hier oben nahe der Kirchenglocken.

In jenen Jahren war Manfred Seifert unzählige Male hier oben, kletterte an den Glocken und der Uhr vorbei. Er erschreckte sich vor Mäusen und wusste, auf jedem Besuchsgang musste etwas mit hoch getragen und mit hinunter genommen werden: Trinkwasser, Kohle, Abfall. Paula Seifert zog mit 88 Jahren ins Pfarrhaus und stieg für DDR-Fernsehaufnahmen hochbetagt auf den Turm und läutete die Glocken.
Im erhalten gebliebenen Film berichtet die letzte Türmerin von St. Marien, dass sie von der Türmer-Wohnung aus viele Aufgaben hatte. Vom höchsten Punkt der Stadt aus warnte sie vor Gefahren. Sie hatte die Pflicht, von 22 bis 6 Uhr zu jeder vollen Stunde mit einem Signalhorn zu vermelden, das alles in Ordnung ist. Da erleichterte es den Dienst, wenn die Familie groß ist und sich deren Mitglieder beim Signalgeben abwechseln. Ein kleines Glöckchen läutete dagegen in der Wohnung, wenn von unten Gäste Eintritt erbaten. Sie hängt bis heute gleich neben dem altertümlichen Telefon, dass im Zweiten Weltkrieg genutzt wurde, um anfliegende Flugzeuge zu melden.
2009 restaurierten Manfred Seifert und seine Mitstreiter des Freundeskreises Hasacamroth, wie die Stadt einst hieß, die obere Turmetage, wo sich einst die Wohnräume der Türmer-Familie befanden. Ein Jahr später richteten sie die unbeheizten Schlafräume der unteren Etage her.
Der Kirchturm beherbergt heute ein kleines, aber feines Apothekermuseum. „Es handelt es sich um die deutschlandweit einzige Apotheke in einer Kirche“, entdeckten die Doktoren Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt beim Schreiben ihres zweibändigen Reiseführers „Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“.
Nun, weder Schlaf- noch Schmerztabletten, keine Baldrian-Tinktur und auch kein Zäpfchen kriegt der Patient hier für sein Rezept. Initiatorin dieser Ausstellung ist die frühere Inhaberin der Harzgeröder Berg-Apotheke Heidrun Probst, die zusammen mit Anke Dittrich, der ehemaligen Pfarrerin von St. Marien sowie zahlreichen ehrenamtlichen Helfern dieses Projekt mit aller Kraft verfolgte.
Die Berg-Apotheke kann schließlich auf eine lange Geschichte zurückblicken, die 1649 ihren Anfang nahm. Damit zählt sie zu den ältesten ihrer Art in der weiteren Umgebung und gilt im anhaltischen Oberherzogtum sogar als die absolute Seniorin. So dass die kleine pharmazeutische Schau seit Sommer 2010 eine Vielzahl von interessanten Exponaten, deren älteste Stücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen, zeigt. „Unser ältestes Dokument ist ein Gesellenbrief von 1748. In dem ist vermerkt, dass Johann Gottfried Ludewig Schnabel aus Stolberg seine sechsjährige Apotheker-Ausbildung in der Berg-Apotheke absolvierte,“ verweist Manfred Seifert auf die Erinnerungen von Apothekerin Heidrun Probst.
In 36 Meter Höhe sind in St. Marien in drei Räumen und dem Flur Pillenbrett, ein Drogenschrank und eine Kupferdestille zu sehen. Natürlich darf auch die in der Apotheken-Betriebs-Ordnung für das Herzogtum Anhalt von 1903 geforderte Nachtglocke nicht fehlen. Dass die Schau im Kirchturm zu betrachten sei, das wirkt nicht weit hergeholt. „Die Anfänge der Heilkunde sind bei uns auf die intensive Beschäftigung in den Klöstern mit den Kräutern aus der Natur zurückzuführen. Lange Zeit waren Nonnen und Mönche die einzigen Heilkundigen, die auch ihre Erkenntnisse schriftlich niedergelegt haben“, erklärte die Pfarrerin bei der Eröffnung.
Heidrun Probst räumte für das Apothekenmuseum nicht nur ihren Speicher der Berg-Apotheke, sondern gab den Kirchenführern um Manfred Seifert auch eine gute Handreichung für ihre Turmrundgänge mit den Besuchern. Schließlich interessieren sich die Gäste nicht nur für die Gruft. Unter dem alten Turm ist ein Gewölbe, in welchem Fürst Wilhelm von Anhalt-Bernburg-Harzgerode sowie seine erste Gemahlin prunkvoll beigesetzt wurden. In zwei Holzsärgen liegen Nichten des Fürsten. Eine davon ist eine lokale Berühmtheit, die mumifizierte „Blekprinzessin“ Wilhelmine Augusta von Solms-Sonnenwalde (1697 - 1767), eine Prinzessin von Anhalt, die Besuchern mit Vorliebe die Zunge heraus gesteckt habe, die „Bleke“. Manfred Seifert schmunzelt: „Sie gehörte über viele Jahrzehnte zu den ,Sehenswürdigkeiten’ für unsere Konfirmanden.“
Im Turm erklärt Seifert, was es mit den vielen Fläschchen und Behältern in der Apotheke auf sich hat. Er berichtet von Drogen wie Mutterkorn oder Spanische Fliege. Kirchen- und Museumsführer Seifert kann sich noch gut daran erinnern, mit welchem Aufwand Teile der Schneide-, Stoß- und Kräuterkammer, die Kugelmühle oder solide verarbeitete Apotheker-Möbel in luftige Höhe befördert wurden. Er schaut durch die Turmfenster hinab auf die Stadt und zum Horizont, an dem man bei guten Wetter Ramberg, Brocken und Josephskreuz sehen könnte. Er wirkt zufrieden. „Seit 2006 besuchten 150.000 Interessenten die St. Marien-Kirche mit dem Apotheker-Museum und dem Gewölbe. Unsere Arbeit hat sich wohl gelohnt.“ Uwe Kraus