Schokokuchen mit Seele

„Das Café am Rande der Welt“ heißt eine Erzählung, die zum Bestseller geworden ist. Man möchte meinen, der Autor habe sie hier geschrieben: Im kleinen Wülperode, irgendwo im Niemandsland, hat das Ehepaar Kwiran mit der „Alten Tischlerei“ ein Kleinod geschaffen.

Die grüne Holztür des Fachwerkhauses ist nur angelehnt. Davor parkt ein Rollator. „Das ist meiner, ich bin nicht mehr gut zu Fuß“, sagt Ute Kwiran und bittet lächelnd ins Haus. Drinnen kriecht der Duft des frisch gebackenen Kuchens von der Küche in den Flur. Apfelkuchen und Schokokuchen – wahlweise mit Birnen oder Kirschen – werden die Gäste an diesem Wochenende im Café „Zur Alten Tischlerei“ in Wülperode naschen. Dass sich Leute zum Kaffeetrinken ausgerechnet in dieses kleine Dorf an der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen aufmachen, mag man kaum glauben.

Schließlich hat Wülperode nur 220 Einwohner, an der nahegelegenen Autobahn 395 findet man nicht mal einen Hinweis auf den Ort. Jeder Unternehmensberater würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn man mit der Idee um die Ecke kommen würde, ausgerechnet hier – mitten im Nirgendwo – ein Café zu eröffnen.
Auch Ute Kwiran und ihr Mann Manfred wurden für verrückt erklärt. Sie sind 1999 aus Niedersachsen zugezogen und hatten eigentlich gar nicht vor, jemals in ihrem Leben ein Café zu betreiben. „Wir suchten nur einen Ort, an dem ich meine gut 30.000 Bücher unterbringen kann“, erzählt Manfred Kwiran. Korrekterweise müsste man eigentlich Prof. Dr. Dr. vor seinen Namen schreiben, aber er legt nicht viel Wert auf seine Titel. Zumindest nicht zu Hause in Wülperode.
Der 77-Jährige hat einen Lebenslauf, mit dem sich Bücher füllen ließen. Er hat viel Jahre in den USA gelebt, Theologie und Soziologie studiert, später an der Theologischen Fakultät der Universität Bern unterrichtet. Seine heutige Frau hat er kennen gelernt, als beide im Amt für Religionspädagogik der Landeskirche Braunschweig arbeiteten. Ein Glücksfall, offensichtlich. Denn die beiden, die schon 60 Jahre alt waren, als sie heirateten, wirken ebenso zufrieden wie vertraut.
Sie sind durch einen Zufall in Wülperode gelandet. „Eine Bekannte lebte hier, gleich gegenüber. Sie zeigte uns damals das Dorf. Es gab einige leerstehende Häuser, an denen eine Menge gemacht werden musste, um sie zu erhalten“, erzählt Ute Kwiran. Die beiden haben ein denkmalgeschütztes Haus in der Dorfstraße gekauft und eine Menge Geld hinein gesteckt, um es wieder bewohnbar zu machen. Dass man in Wülperode gut alt werden könne, spürten beide sofort. „Ich brauchte eine Stelle, wo ich zwischen den Einladungen zu Vorträgen und wissenschaftlichen Kongressen auch mal zur Ruhe kommen kann. Die habe ich hier gefunden“, sagt Manfred Kwiran.
Nach dem Start damals als Wessis im Osten werden sie noch heute manchmal von Café-Gästen gefragt. „Erstmal war da schon eine gewisse Vorsicht von den Wülperödern zu spüren. Manche dachten bestimmt, wir wollen nur spekulieren. Aber als mit Kisten voller Hühner und Gänse kamen, war klar, dass wir hier bleiben wollen. Da war das Eis gebrochen“, erinnert sich Ute Kwiran. Auch, dass sie für den Ausbau des Hauses nur Firmen aus dem Osten engagierten, sorgte dafür, dass die Neuankömmlinge wohlwollend aufgenommen wurden.
Als zwei Jahre später die Nachbarin starb, sie war die Witwe eines Tischlers, bot man ihnen das Haus zum Kauf an. „Wir saßen mit einem Glas Sekt im Bett, als wir die Idee hatten, in dem Haus ein Café und eine kleine Tagungsstätte zu eröffnen“, erzählt Ute Kwiran. „Man könnte doch die Lehrerfortbildungen, die ich anderswo veranstaltete, einfach hierher holen“, ergänzt ihr Mann. Dazu noch eine Ferienwohnung, hin und wieder eine Lesung oder ein Konzert, das wäre wunderbar. Der Traum war geboren. Aus der eigentlichen Idee, in Wülperode einfach nur ein geruhsames Leben führen zu wollen, ist aber seither nichts mehr geworden. Die beiden ruhen nicht, sie rödeln.
Im Sommer 2001 eröffneten sie ihr „Café Alte Tischlerei“, sogar der Braunschweiger Landesbischof ist damals gekommen. Und Kwirans spürten zum ersten Mal den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft. „Am Tag vor der Eröffnung bin ich völlig abgestürzt und saß nur noch weinend da. Ich wusste nicht, wie ich alles rechtzeitig schaffen sollte“, erzählt Ute Kwiran Da fragte mich eine Frau aus dem Dorf, ob ich Helfern einen kleinen Obolus zahlen würde. Ich sagte: Selbstverständlich. Plötzlich kamen 13 Frauen aus dem Dorf, packten mit an. Ich war so erleichtert.“
Obwohl die meisten dem Café angesichts der abgeschiedenen Lage keine Erfolgsgeschichte prophezeit hätten, wurde es in der Region schnell zum Geheimtipp. Wo früher der Tischler seine Werkstatt hatte und mit seiner Familie lebte, entstanden drei kleine Café-Stuben und ein Veranstaltungssaal. Besonders schön sitzt man im Frühling und Sommer an den Holztischen im wildromantischen Garten. Alte Bäume, ein Sandkasten, sorgsam gedeckte Tische und nebenan das gackernde Federvieh – die Szenerie wirkt fast schon unwirklich. Genau so stellt sich der Großstädter das Landleben vor.
Vor Ostern und vor Weihnachten wird die „Alte Tischlerei“ nicht nur zum Mekka für Tortenfreunde, denn dann verkauft die Hausherrin unzählige kleine Deko-Accessoires und Geschenke. „An einem Wochenende jetzt vor Ostern haben wir 70 Gäste gehabt. Da wird es hier extrem eng.“ Ihr Mann hat sich derweil einer anderen Leidenschaft verschrieben: Er trägt Antiquitäten zusammen und bietet sie in der benachbarten Scheune an.
Doch das Leben der beiden ist nicht ganz so unbeschwert, wie es scheint. Vor drei Jahren musste Ute Kwiran eine schwierige Zeit durchstehen. Sie hatte gesundheitliche Probleme, musste lange im Krankenbett liegen und konnte sich schließlich nur noch im Rollstuhl fortbewegen. So weh es ihr tat, sie ihre Mitarbeiter entlassen und das Café schließen.
Aber das Plaudern mit den Gästen, das bunte Leben im Café-Garten fehlten ihr. Sie wollte weitermachen, rappelte sich auf. „Das macht doch Sinn hier. Ich glaube, es ist meine Therapie“, sagt sie. Die Kwirans machen nun auf Sparflamme weiter: Jedes erste Wochenende im Monat kann man in der Antikscheune stöbern und nebenan bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen. Dass sich hier bei ihnen Menschen begegnen, dass sie entspannt zusammensitzen, einander zuhören und den Alltag draußen vorm Gartenzaun zurücklassen – das ist es, was die beiden so zufrieden macht. Auch wenn eine Menge Arbeit drin steckt und die mit 77 nicht jeden Tag leicht von der Hand geht. „Die Menschen sollen sich hier wohlfühlen. Für uns steht fest: Wir machen weiter, solange wir es können.“ Dana Toschner

INFO
Die Antikscheune und das Café „Zur Alten Tischlerei“ in Wülperode haben immer am ersten Wochenende des Monats freitags bis sonntags jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet.