Die Hürden überwinden

Zu dumm, zu faul, zu langsam – Schüler, die das zu oft hören, glauben irgendwann selbst daran. Dabei braucht der ein oder andere vielleicht nur jemanden, der ihm hilft, die Hürden zu nehmen. Das LOS fördert Kinder, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben.

Justus hatte keinen leichten Start. Gleich die erste Klasse musste der Junge wiederholen, weil er einfach nicht so gut vorankam wie die anderen Kinder. Er strengte sich an, aber die Buchstaben und Laute wollten einfach nicht in seinen Kopf. Inzwischen ist er neun, geht in die zweite Klasse und zieht voller Stolz einen Deutschtest aus dem Rucksack. „Ich hab’ ne Eins“, verkündet er strahlend. Er hat sie sich hart erarbeitet.

Denn während seine Klassenkameraden nachmittags Fußball spielen oder zu Hause vorm Fernseher sitzen, wird Justus zweimal pro Woche nach Wernigerode gebracht, wo er Extra-Unterricht im Lesen und Schreiben bekommt. „LOS“ steht neben der Tür des Fachwerkhauses im Liebfrauenkirchhof, in das der dunkelhaarige Junge hineinmarschiert. Hinter den drei Buchstaben verbirgt sich das Lehrinstitut für Orthographie und Sprachkompetenz. Genau wie Justus kämpfen sich hier viele andere Schüler zwischen 8 und 15 Jahren durch den Buchstabensalat. „Ich habe natürlich nicht immer Lust dazu. Aber wenn ich besser werde, ist das schon cool“, sagt er, bevor er sich vor einen der Computer setzt und mit dem Training anfängt.
Yvonne Zilling leitet das Wernigeröder LOS seit zweieinhalb Jahren und hat im vergangenen Herbst eine zweite Filiale in Halberstadt eröffnet. Die ehemalige Grundschullehrerin ist überzeugt, dass die Lernmethoden, mit denen das Institut arbeitet, funktionieren. „Das Förderkonzept und die Materialien wurden von erfahrenen Pädagogen entwickelt und das Ganze wird wissenschaftlich begleitet“, sagt sie.
Im Kern geht es darum, lese- und rechtschreibschwachen Kindern und Jugendlichen einen Weg zu zeigen, wie sie ihre Defizite wettmachen können. Dabei gehe es nicht nur um solche Schüler, die eine ausgeprägte Lese-Rechtschreibschwäche haben, sondern auch um jene, die nur ein paar Hilfestellungen brauchen, um bestimmte Rechtschreibregeln zu verinnerlichen, betont Yvonne Zilling. Eltern, die zu Hause versuchen, ihren Kindern zu helfen, geraten da schnell an ihre Grenzen. „Viele Mütter sitzen mit ihren Kindern am Tisch, üben, üben und üben. Aber die Kinder treten auf der Stelle, schreiben trotzdem schlechte Noten und machen irgendwann dicht, weil sie nicht mehr wollen“, erzählt sie. „Diese Situation, in der alle nur noch frustriert sind, können und wollen wir entstressen.“
Die Pädagogen, die bei LOS mit den Schülern arbeiten, sind größtenteils ehemalige Lehrerinnen im Vorruhestand. „Sie haben die nötige Ruhe, aber eben auch die Erfahrung und sind in Sachen Lese-Rechtschreib-Problematik speziell geschult“, sagt Yvonne Zilling. Für jedes Kind und jeden Jugendlichen wird nach dem Eingangstest ein Förderplan erstellt – seine Aufgaben orientieren sich daran, wo die Schwächen liegen. Mit Lese- und Schreibübungen in der Gruppe und am Computer wird dann trainiert, meist zweimal die Woche für eineinhalb Stunden über einen Zeitraum von ein bis drei Jahren.
Der individuelle Förderunterricht wird von den Eltern finanziert. „Oft geben auch die Großeltern etwas dazu“, ergänzt Yvonne Zilling. Sie freut sich, dass auch Kinder aus einkommensschwachen Familien die Angebote nutzen. Eltern, die Leistungsempfänger der KOBA sind, können für ihre Kinder einen Antrag stellen, dann wird der Beitrag aus dem Bildungs- und Teilhabepaket gezahlt.
Justus’ Eltern haben damals nicht lange gezögert, ihren Sohn anzumelden. „Die Kosten waren es uns wert. Das war eine Bauchentscheidung“, sagt seine Mutter. „Man wusste ja nicht, ob es etwas bringt. Heute wissen wir, dass es richtig war. Unser Sohn macht deutliche Fortschritte und wir sehen den schulischen Erfolg. Zu Hause hätten wir das so nicht geschafft.“ Dana Toschner

INFO
Wer die Rechtschreibleistung seines Kindes testen lassen möchte, der kann sein Kind im LOS vorstellen. Die nächsten Testtage finden am 16. April in Wernigerode (Liebfrauenkirchhof 2) und am 23. April in Halberstadt (Theaterpassage 4) statt. Terminvereinbarungen für die etwa halbstündigen, kostenfreien Tests unter Telefon 03943-6942630. Auch unabhängig von den Testtagen sind Termine nach Absprache jederzeit möglich.