Die Torten-Queen

Ein Backkatalog sorgte dafür, dass Selina Neubert aus dem Jura-Hörsaal in die Konditorstube wechselte. Ihr Torten-Blog wurde im Internet schon mehr als zwei Millionen Mal angeklickt. Mit ihren kreativen Backideen will die junge Thalenserin nicht nur das Netz, sondern auch den Harz erobern.

Selina Neubert erinnert sich gut an jenen Tag, an dem sie die Tortenlust überfiel. „In den Abi-Vorbereitungen 2011 brachte mir meine Mama einen Katalog mit sämtlichem Zubehör für die Tortendekoration mit. Ich blätterte ein bisschen herum, fand nach und nach immer mehr Gefallen daran.“

Von Stund an nutzte sie ihre Zeit zum Backen, recherchierte im Internet und informierte sich über neue Trends, sogar Messen zum Thema Backen besuchte sie. „Kurz gesagt, die Backsucht hat mich gepackt. Ich spürte, das ist weit mehr als ein Hobby.“ Und doch führte sie ihr Weg nach dem Abitur in Thale erst einmal in den Jura-Hörsaal. „Alle sagten mir voraus, dass ich dort nicht lange sitzen werde“, erinnert sich die heute 22-Jährige. „Jeder wusste, wie super gern ich bastele, male und koche. Ich habe mich fast täglich, nach der Uni, an unseren Herd gestellt und gebacken.“ Die Studentin entdecke auch das Bloggen für sich, richtete sich eine Facebook-Seite ein. „Mit dem Handy habe ich Fotos meiner Kreationen geschossen und ins Netz gestellt. Dazu kamen dann die Rezepte.“ Bald schwappte ihre Torten-Welle durchs Netz. Erst lobten Freunde und Familie, dann völlig Unbekannte, was in ihrer Küche so alles entstand. Das blieb auch den einschlägigen Firmen nicht verborgen. Sie fragten an, ob die junge Frau ihre Produkte und Rezepte testen würde, sie schrieb für Back-Magazine, man lud sie zu Fachmessen ein, wo sie Show-Vorführungen machte. „Zu der Zeit fragte sogar eine TV-Firma an.“ Etwas kleinlaut fügt Selina Neubert an: „Da habe ich mich dann doch nicht getraut.“ Doch bei „Bravo-Girl“ veröffentlichte sie Rezepte zum Nachbacken, schrieb die nötigen Schritt-für-Schritt-Anleitungen, die man heute „Tutorials“ nennt, dazu. „So kam es, dass ich dem Backen mehr Zeit widmete, als meinem Studium“, erinnert sich die tortenlustige Frau. „Nicht, dass ich schlecht war, ich habe Prüfungen und Hausarbeiten ordentlich absolviert. Erst wollte ich es nicht glauben, was man mir voraussagte: Du wirst das Studium an den Nagel hängen und Konditorin lernen.“ Nach dem Familienurlaub der Neuberts 2014 kam der Tag. „Jura war es nicht, was mich erfüllte. Vielleicht auch, weil da viel Lesen und Sitzen dabei war. Da bin ich zu kribbelig.“ Zielstrebig wie sie ist, suchte Selina Neubert sich einen Ausbildungsbetrieb. „Ich stellte schnell fest, so viele Konditoren-Ausbildungsstellen gibt es gar nicht mehr.“ Seither befindet sie sich in Stolberg auf dem besten Weg zur Konditor-Gesellin. „Mein Traum bleibt meine eigene Konditorei.“ In wenigen Monaten könnte sie ihren Gesellenbrief vorweisen. „Da hänge ich dann gleich die Meister-Ausbildung dran.“ Wenn es ihr die Zeit neben der Ausbildung erlaubt, kümmert sie sich um die süße Verpflegung der Gäste im Unternehmen ihrer Mutter. Die betreibt das Spielhaus und die WasserWelt in Thale sowie das Abenteuerland am Concordiasee. Bei vielen Festen ist Selinas „TortenLust“-Stand dicht umringt von kleinen Zuckerschnuten. Cupcakes, Muffins, Cakepops, Crêpes und Waffeln bietet sie zwischen Schadeleben und Walpurgishalle an. „Da kann es schon mal passieren, dass wie beim „Hexoween“ in Thale meine Bleche schon fast leer sind, kaum, dass ich aufgebaut habe.“ Sie zeigt ihren Platz im Spielhaus. „Hygiene muss ja sein. Hier backe ich Cookies, gestalte ausgefallene Buffets mit. Wenn Geburtstagsfeiern stattfinden, kreiere ich leckere Torten.“ Ob nun Wohnwagen, Gitarre, ein Bierkrug, eine Flasche, die gerade ausgekippt wird, eine Ente oder ein Hund, die süßen 3D-Kreationen kennen fast keine Grenzen. Fondant und Marzipan kommen beim Überzug ebenso ins Spiel wie die Airbrush-Pistole. Sie glaubt fest daran, dass ihr süßes Geschäftsmodell ein Erfolg werden wird. „Ich sehe hier in der Region noch viel Raum für Trend-Gebäck“, erläutert sie selbstbewusst. „Wo gibt es hier derzeit schon Cupcakes oder Cakepops? Die Trends sind hier noch nicht angekommen.“ Vielleicht also steht die junge Frau, auf deren Internet-Seite täglich bis zu 5000 Nutzer klicken, demnächst schon in ihrer eigenen Konditorei. Neue Schöpfungen hat sie bereits in Arbeit. Zum bevorstehenden Osterfest werden die Ostereier aus Kuchen, versteckt in einer echten Eierschale, ihre Ostertorte, die Häschen-Muffins oder die Biskuit-Ostereier an ihrem „TortenLust“-Stand wieder echte Renner. Man muss nur schnell genug sein. Uwe Kraus