„Größte Verrücktheit meines Lebens“

Mit der Eröffnung eines Ski- und Heimatmuseums in Friedrichsbrunn hat sich Gerald Fritsch einen lang gehegten Traum erfüllt. In der einst ältesten Privatpension des Ortes präsentiert der Sammler Hunderte Paar Skier, Schlittschuhe, Schlitten und viele andere Exponate, die mit dem Wintersport zu tun haben. Aber auch die heimische Flora und Fauna kommt thematisch geordnet nicht zu kurz. Mittlerweile platzt das Museum aus allen Nähten.

Die letzten Besitzer und Betreiber der „Pension Dippe“ hatten das Haus 1992 der Gemeinde mit der Maßgabe geschenkt, es ausschließlich als Museum zu nutzen. Fünf Jahre später war es soweit. 1997 wurde das Ski- und Heimatmuseum eröffnet. Von außen wirkt das Gebäude verlassen, fast ein bisschen heruntergekommen. Farbe blättert hier und da ab. Ja, das Haus hat bessere Zeiten erlebt.

Dass es trotzdem Schätze birgt, verrät ein Hinweisschild, das gegenüber an der Straße steht. Die Besucher gelangen über eine stählerne Treppe auf der Hofseite zu einer einzigartigen Sammlung historischer Wintersportgeräte. Und während sich der Winter seit Wochen eher schlecht als recht müht, seinem Ruf als kalte Jahreszeit gerecht zu werden, nimmt Gerald Fritsch Besucher hier an der Hauptstraße 111 mit auf eine Zeitreise. Als Schnee auch in Friedrichsbrunn, einem Wintersportort mit langer Tradition, noch keine Mangelware war.
„Zurückblickend ist das Museum eigentlich die größte Verrücktheit meines Lebens“, sagt Gerald Fritsch. Er ist stolze 89 Jahre alt und fit wie ein Turnschuh. So wirkt er jedenfalls. Nicht ohne Grund. Seitdem er beim Großvater in den 1930er Jahren im Erzgebirge das Skilaufen lernte, hat ihn die Faszination Wintersport nicht mehr losgelassen. Und nach dem Krieg auch zum Sammeln gebracht. Um 1948 hat er damit angefangen, als er in Naumburg sein erstes Paar Skier geschenkt bekam. Mittlerweile sind es etwa 300 Paar, die er sein Eigen nennt. Ein großer Teil ist im Skimuseum ausgestellt, dazu mehrere Leihgaben. 1984 wurden sie zur damaligen Kinder- und Jugendspartakiade in Friedrichsbrunn in der Schule erstmals öffentlich gezeigt. Erste Überlegungen zu einem Skimuseum folgten 1987.
Fritsch gehörte 1945 in Friedrichsbrunn mit zu den Gründungsvätern des Wintersportvereins. War jahrzehntelang als Kampfrichter bei unzähligen Skispringen im Einsatz. Auch in Friedrichsbrunn, am 26. August 1962. Als hier um 15 Uhr ein großes Skispringen stattfand. Ein Plakat davon hängt ebenfalls im Skimuseum. Es sollte das letzte von einem Skispringen gewesen sein. Denn nur kurze Zeit später war auf Anordnung der Gemeinde die gesamte Anlage samt Eisstadion und Torlaufhang dem Erdboden gleich gemacht worden. „Ich habe noch zusehen müssen, wie der Kampfrichterturm mit Pferdegespannen umgezogen wurde. Und das alles nur, weil der Gemeinde der Aufwand zum Bewässern der Anlagen zu groß war“, erzählt er bewegt.
Von den Wintersportanlagen ist nichts geblieben, seine Begeisterung für den Wintersport und -geräte hingegen schon. Zu allen Exponaten hat der gelernte Jurist und einstige Spezialist für Völkerrecht eine Geschichte parat. Sie sprudeln nur so aus ihm heraus. So auch als er sein liebstes Exponat zeigt - ein paar Klappskier. Die seien in den Wirren des zweiten Weltkrieges eigens für das Militär entwickelt und seinerzeit von den Goslarer Gebirgsjägern verwendet worden, wenn diese trainierten. „Wenn´s zu Fuß nicht mehr weiterging und der Schnee zu hoch lag, wurden die Skier aus dem Rucksack geholt und aufgeklappt. Das ging ruck zuck.“
Zu den Ausstellungsstücken gehört auch wohl eine in Gänze erhaltene Ausrüstung des Bergrettungsdienstes BRD. Der war hier mit seinen Ehrenamtlichen zwischen 1955 und 1989 tätig. Die Bezeichnung missfiel allerdings und wurde daher auf allerhöchste Anordnung in den 1960er Jahren in Bergunfalldienst – kurz BUD – umbenannt.
Solche und andere Geschichten gefallen den Besuchern, egal ob wintersportversessen oder nicht. Und auch, was in der heimatkundlichen und der naturkundlichen Abteilung ausgestellt ist. Im Tierkabinett sind historische Tierpräparate zu sehen. Einen Raum daneben rundet die kleine Welt der Flechten, Baumpilze und anderer Dinge am Wegesrand das Ganze stimmig ab. Die Anzahl der Ausstellungsstücke ist so umfassend, dass das Museum schon jetzt aus allen Nähten platzt. Denn neben der umfangreichen Ski- und Wintersportabteilung werden hier auch wechselnde Sonderausstellungen gezeigt, und das Museum beinhaltet noch eine Heimatstube, deren Träger die Gemeinde ist.
Die Idee, hier in dem Haus auch noch heimisches Brauchtum thematisch zu berücksichtigen, war naheliegend, wurde aber erst einmal Eis gelegt. Eine Lösung ist noch nicht in Sicht. Allein zu schaffen ist die ganze Arbeit und vor allem der Besucherverkehr für Gerald Fritsch natürlich nicht. Nicht mehr. Über verschiedene Wege seien in der Vergangenheit immer wieder Aufsichtspersonen gewonnen worden. 2012 dann zum letzten Mal. Danach war das Museum für drei Jahre geschlossen. Seit dem 1. Oktober letzten Jahres hat es wieder geöffnet. Vor allem auch, weil man Edith Jürgens als Mitarbeiterin gewinnen konnte. Die aus dem Norden der Republik stammende freie Autorin hat ihren Lebensmittelpunkt in den Harz verlegt. „Um näher an meinen Verlagen zu sein“, sagt sie. Sie unterstützt den „Sammelwütigen“ mehrmals in der Woche, führt Besucher durch die Ausstellung und ordnet das eine oder andere unter musealen Gesichtspunkten.
Das Skifahren ist trotz ihrer Arbeit im Museum und der tollen Loipen in Friedrichsbrunn allerdings keine neue Leidenschaft der Wahl-Harzerin. „Als Norddeutsche, wo die höchste Erhebung in der Landschaft meist nur eine Zuckerrübe ist, beobachte ich die Skifahrer lieber aus der Ferne“, sagt Edith Jürgens augenzwinkernd. Frank Drechsler

INFO
Das Ski- und Heimatmuseum
Hauptstraße 111
Friedrichsbrunn
Telefon (039487) 288.

montags, mittwochs und donnerstags von 14 bis 17 Uhr
dienstags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr geöffnet.
Der Eintritt ist frei