Omars lange Reise

Ganz allein hat sich Omar auf den Weg gemacht: Der 16-jährige Junge hat Syrien verlassen, um nach Deutschland zu fliehen. So absurd es klingt, aber seine Eltern haben ihn weggeschickt, weil sie ihn lieben.

Morgens halb sechs klingelt für den jungen Syrer Omar im Friedrichbrunner Kinderheim der Wecker. Per Bus und Bahn fährt er zusammen mit seinen Freunden nach Halberstadt, wo sie pünktlich 8 Uhr auf der Schulbank sitzen müssen. Im Deutschkurs der Kreisvolkshochschule versuchen die Kinder und Jugendlichen gerade, die deutschen Zeitformen zu verstehen.

„Das ist gar nicht so einfach“, gibt ihr Lehrer Tamer Moussa zu. Er selbst stammt ursprünglich aus Ägypten und bewundert den Eifer seiner Schüler. Auch Martina Walczak, die sich mit Tamer Moussa beim Unterrichten abwechselt, ist voll des Lobes: „Sie arbeiten sehr konzentriert.“
Was diese Kinder beschäftigt, wie sehr sie die Sorgen und Ängste auch fern der Heimat noch plagen, das erfährt sie manchmal in den Pausen. „Ein Junge zeigte mir letztens ganz stolz Fotos der syrischen Hauptstadt Damaskus auf dem Handy. Am Ende sagte er traurig: Und jetzt ist das alles kaputt.“
Die Schulstunden in Halberstadt sind für die Kinder und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren viel mehr als bloßer Unterricht. Sie sind ein Anker in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Und sie lenken ab von der Sehnsucht nach den Eltern, den Geschwistern und Freunden, die in Syrien geblieben sind. „Einer der Jungen kommt immer zu mir, bevor sie zurück ins Heim fahren, und bedankt sich für den Unterricht“, sagt Martina Walczak. „Er hat neun Geschwister und konnte schon seit vier Jahren nicht zur Schule gehen, weil er für die Familie Geld verdienen musste.“ Was ihre Schüler auf der Flucht durchgemacht haben, kann sie nur erahnen. „Ich glaube, wir können uns nicht vorstellen, wie das ist, wenn einen die Eltern ganz allein auf diese gefährliche Reise schicken.“
Omar, der seit fünf Monaten in Deutschland ist und die Sprache schon erstaunlich gut gelernt hat, erzählt von seinen beiden Geschwistern, von seinem Vater, dem Ingenieur, und seiner Mutter, der Rechtsanwältin. „Ich will sie so schnell wie möglich nach Deutschland holen“, sagt er hoffnungsvoll. Die Familie hatte nicht genug Geld, um für alle fünf die Flucht zu bezahlen. Die Schlepper, die einen per Boot und in Autos nach Europa bringen, kassieren ordentliche Summen. Da fällt die Wahl auf denjenigen, der am gesündesten ist und damit die besten Chancen hat, um diese Strapazen durchzustehen. Die Eltern hoffen, dass er es nach Deutschland schafft, einen Job findet und sie später hinterher reisen können.
Auch, um ihn zu beschützen, hat man Omar vorgeschickt, allein auf den tausende Kilometer langen Weg in ein fremdes Land. In seiner Heimat tobt der Bürgerkrieg auf den Straßen. Omar zeigt auf seinem Handy ein furchteinflößendes Bild – eine Bombe stürzt vom Himmel herab, die Menschen rennen um ihr Leben. Vielleicht muss man diese Bilder sehen, um zu begreifen: Syrische Eltern schicken ihre Kinder nicht weg, weil sie sie nicht lieben, sondern weil sie das Liebste sind, was sie haben und sie möchten, dass sie leben.
„Meine Stadt heißt Edleb. Dort bekriegen sich drei Gruppen. Unser Haus ist zerstört, alle Schulen und sogar das Krankenhaus sind zerbombt“, sagt Omar traurig. 25 Tage hat seine Flucht gedauert. „Von der Türkei nach Griechenland sind wir mit 56 Leuten in einem kleinen Boot gefahren. Ich hatte die ganze Zeit panische Angst, weil ich keine Schwimmweste hatte. Wir waren vier Stunden unterwegs. Der Motor ist ständig ausgegangen, weil das Boot überlastet war.“
Über Mazedonien, Serbien und Ungarn hat ihn die Flucht geführt. „Einmal mussten ich bei sieben Grad in einem Wald übernachten. Aber am schlimmsten war es in Ungarn. Die Polizei hat uns in ein Flüchtlingsheim gebracht, ohne Essen, ohne Wasser. Wir schliefen in einem Zelt, mit dem Schlafsack auf dem Boden.“
In Deutschland werden minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge wie Omar vom Jugendamt in Obhut genommen und in Kinderheimen untergebracht. Der Junge lebt zusammen mit etwa 30 deutschen Kindern und sieben Syrern, darunter auch ein erst elfjähriges Märchen, im DRK-Kinder und Jugendheim „Zur Tannenspitze“ in Friedrichsbrunn. Die Heimleiterin Anke Käßler hat die Zuweisung der Flüchtlingskinder in den zurückliegenden Monaten vor eine neue Herausforderung gestellt. Aber eine, die sie gern angenommen hat. „Das sind richtige Schätze, die ich hier bei mir im Heim habe“, sagt sie voller Begeisterung. „Sie sind intelligent, anständig, lieb. Sie achten die Regeln hier im Heim, lernen Vokabeln, gehen in den Fußballverein, spielen Musikinstrumente.“ Mit den anderen Heimkindern gäbe es aber schon manchmal Stress, gibt sie zu. „Ich glaube, sie befürchten, dass die Syrer sozusagen die Norm verderben und sind manchmal eifersüchtig.“
Sie hat die Flüchtlingskinder auf die Wohngruppen verteilt, damit sie nicht nur unter sich bleiben. Das größte Problem sei anfangs die Langeweile gewesen. „Ich habe dann bei der Kreisvolkshochschule angerufen und gesagt: Ich brauche jemanden, der ihnen Deutsch beibringt. Ich muss sie beschäftigen“, erzählt Anke Käßler. „Da wurde nicht lange diskutiert und schnell ein Deutschkurs eingerichtet.“
Im Heim lernen im Moment alle voneinander. Die deutschen Kinder begegnen zum ersten Mal in ihrem Leben dem Islam, die syrischen beschäftigen sich mit den deutschen Traditionen und Gepflogenheiten. „Leider denken viele Menschen, der Islam sei nur Terrorismus. Aber das stimmt nicht“, sagt Omar.
Er fragt sich oft, wie es in Deutschland weiter geht für ihn und seine Freunde. Manche haben schon eine Aufenthaltsgenehmigung, andere sind erstmal nur geduldet und hoffen, dass ihre Asylanträge bald bewilligt werden. Er würde gern Zahnarzt werden, erzählt er, wenn man ihn nach seinen Träumen fragt. Sein Freund Ziad, 17, möchte studieren und dann als Ingenieur arbeiten.
Mit ihren Eltern halten die Jungen über ihre Handys Kontakt, sie telefonieren oder schreiben WhatsApp-Nachrichten. Auf den Handys sind auch die Familienfotos gespeichert – Erinnerungen an ein Leben, dass es jetzt so nicht mehr gibt. Ziad sagt über den Moment, als seine Eltern ihn fragten, ob er allein gehen würde: „Natürlich habe ich Angst gehabt. Aber die Angst zu bleiben, war größer.“ Dana Toschner